Ein Comic zeigt Flüchtlinge als Menschen

Ein Zeichner besuchte syrische Flüchtlinge und liess sie ihre Geschichten erzählen. Entstanden ist ein Comic-Band, der über Fernsehbilder und politische Diskussionen hinausgeht.

Vor ihrer Flucht arbeitete Ahin mit autistischen Kindern. Im Flüchtlingslager von Domiz in Kurdistan hilft sie dem psychologischen Team. (alle Bilder: Olivier Kugler/Edition Moderne)

Ahin sitzt in einem kleinen Zimmer. Es ist spärlich eingerichtet, auf dem Tisch liegen Heftchen für Kinder. An der Wand hängt ein Topf mit Plastikblumen. Ahin erzählt von ihrer Flucht aus Syrien und ihrem Leben im Flüchtlingslager, wo sie für das psychologische Team arbeitet.

Der deutsche Zeichner Olivier Kugler hat Ahin im Lager von Domiz getroffen. Im Auftrag von Ärzte ohne Grenzen (MSF) reiste er ins irakische Kurdistan, auf die griechische Insel Kos und später nach Calais. Auf diesen Reisen entstanden ausführliche Comic-Porträts von Flüchtlingen, die jetzt unter dem Titel «Dem Krieg entronnen» erschienen sind.

Keine Geschichte ohne Vertrauen

«Darf ich Sie interviewen und fotografieren? Die Fotos werden nicht veröffentlicht, ich brauche sie als Vorlage für meine Zeichnungen.» Mit diesen Worten sprach Kugler die Flüchtlinge jeweils an. Er habe offenherzige Menschen getroffen, die ihn in ihre Zelte und Häuser einluden und ihm bei einer Tasse Tee von ihrem Leben erzählten, schreibt Kugler im Vorwort.

Das klingt leichter als es tatsächlich war. Kugler musste das Vertrauen der Menschen gewinnen. Das sei vor allem in Calais schwierig gewesen, das damals im Zentrum medialer Aufmerksamkeit stand, sagt Kugler gegenüber ref.ch.

Die Menschen dort seien sehr skeptisch gewesen. Es habe ihm geholfen, dass er mit einem Übersetzer von MSF unterwegs war. Die Organisation habe einen guten Ruf unter den Flüchtlingen, sagt Kugler. «Alleine wär’s schwierig gewesen.»

Zurück in seinem Londoner Studio brachte Kugler seine Begegnungen zu Papier.

Bomben, Schlamm und schlechtes Gewissen

Der Zeichner stellt den Leserinnen zum Beispiel den Syrer Muhamed vor, wie er im Schlamm steht, vor seinem Teewagen im Flüchtlingslager. Er musste mit seiner Familie vor den Bomben fliehen. Im Lager ist seine Familie zwar in Sicherheit, doch er macht sich Sorgen, weil er sie nicht besser versorgen kann.

Auf Kos traf Kugler Omar. Der Medizinstudent arbeitete in Duma nahe Damaskus als Sanitäter, während das Militär die Stadt bombardierte – bis ihn sein Vater bat zu fliehen. Omar hatte ein schlechtes Gewissen, seine Freunde und Familie zurückzulassen. Unterdessen habe Omar Deutschland erreicht. Er lebt nun in Leipzig, so Kugler.

Alles Schöne dieser Welt

Was ihm die Menschen erzählten, gibt der Zeichner in Textform wieder. Die Zeichnungen zeigen Mimik, Gesten und die Umgebung, in der die Gespräche stattgefunden haben. Kugler lässt alles zu einem Gesamtbild verschmelzen. Immer wieder hebt er dabei Details hervor: eine Taube, einen Lego-Stein, ein Marmeladenbrot oder eben Ahins Plastikblumen.

Er sei sehr detailverliebt, sagt Kugler von sich. «Das geschieht nicht bewusst. Vor Ort habe ich fotografiert und die Menschen sprechen lassen. Beim Zuhören liess ich meine Augen durch den Raum wandern.» Er habe Ahin auf ihre Plastikblume angesprochen. Die Blumen erinnerten sie an alles Schöne, habe sie geantwortet.

 

Buchhinweis
Olivier Kugler: «Dem Krieg entronnen», Edition Moderne, 2017.

2018 will Olivier Kugler die Geschichte des Syrers Almotaz erzählen. Die Geschichte wird im Schweizer Comic-Magazin Strapazin erscheinen.