«Die Kirchen haben zum Wahlerfolg der AfD beigetragen»

Auf das starke Wahlergebnis der AfD reagierten viele Kirchenvertreter mit Kritik. Der evangelische Theologe Ulrich Körtner findet, die Kirchen sollten sich stattdessen fragen, was sie selbst zum Erfolg der Partei beigetragen haben.

Fordert von den Kirchen mehr Selbstkritik: Theologieprofessor Ulrich Körtner.
Fordert von den Kirchen mehr Selbstkritik: Theologieprofessor Ulrich Körtner. (Bild: Hans Hochstöger)

Der Wiener Theologieprofessor Ulrich Körtner kritisiert die kirchlichen Stellungnahmen zum starken Abschneiden der AfD bei der Bundestagswahl. Statt jetzt nur ihre Abscheu gegenüber der Partei zu bekunden, «sollten sich die Kirchen selbstkritisch fragen, was sie möglicherweise selbst zum Wahlerfolg dieser unappetitlichen Partei beigetragen haben», indem sie die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) «vehement unterstützt und moralisch überhöht haben», sagte Körtner dem Evangelischen Pressedienst.

«Pauschale Ächtung stärkt die AfD nur»

«Reflexhafte Aktionen gegen rechts wie die Kölner Initiative ‹Unser Kreuz hat keine Haken›, mit denen Parteimitglieder und Sympathisanten unterschiedslos als verkappte oder offene Nazis denunziert wurden, waren in dieser Pauschalität unsachlich und politisch kontraproduktiv», kritisierte der evangelische Theologe. Zwar habe sich die AfD tatsächlich «von einer ursprünglich EU-kritischen zu einer nationalistischen, rechtspopulistischen Partei entwickelt, die in Teilen rechtsextrem ist und vor der sich die Kirchen aus guten Gründen distanzieren». Es bestehe aber die Gefahr, dass die gemässigten politischen Kräfte und die Kirchen in Deutschland dieselben Fehler wiederholten, die in Österreich zum Aufstieg der FPÖ geführt hätten: «Blosse Ausgrenzung und Ächtung werden auch die AfD weiter stärken.»

Evangelische Kirche setzt sich zur Wehr

Ein Sprecher der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sagte, die Kirche setze sich «bereits seit langem differenziert mit den Ursachen von Rechtspopulismus auseinander»: «Dabei hat sie sich – zuletzt mit EKD-Ratsmitglied Bischof Markus Dröge auf dem Kirchentag in Berlin – auch der direkten Diskussion mit Vertretern des Rechtspopulismus nicht verschlossen.»

Mit dem im August veröffentlichten Papier «Konsens und Konflikt: Politik braucht Auseinandersetzung» habe die EKD zudem «einen weiteren aktuellen Beitrag zur öffentlichen Diskurskultur unseres Landes geleistet». Die EKD fordert darin zu mehr Beteiligung an der demokratischen Auseinandersetzung auf. Aufgestellt werden zehn Impulse, unter anderem zur Streitkultur, zum Umgang mit Konflikten und der Rolle der Kirchen im demokratischen Dialog.

Pointierter Kritiker

Körtner resümierte, wenn die Kirchen mit Menschen ins Gespräch kommen oder Menschen zurückgewinnen wollen, «die sich im eigenen Land wie auch in ihrer Kirche zunehmend fremd fühlen», sei es nötig, das eigene Auftreten und Agieren selbstkritisch zu überdenken.

Der evangelische Theologe Ulrich Körtner ist für seine pointierten Stellungnahmen bekannt. In einem Interview mit dem Magazin der Reformierten bref vom 25. November 2016 kritisierte Körtner unter anderem auch die Haltung der Kirchen in der Flüchtlingsfrage und forderte einen offenen Diskurs ohne «moralischen Imperativ». (epd/no)