Menschen & Meinungen

«Ich bin Pfarrerin, so wie ich bin»

Corinne Dobler, Gastro-Seelsorgerin im Kanton Aargau.
(Bild Beat Camenzind)

Pfarrerin Corinne Dobler (37) ist auch als Gastroseelsorgerin tätig. Sie kennt die Sorgen und Nöte der Menschen im Gastgewerbe von früher.

«Ich finde es genial, dass die Kirche zu den Menschen geht. Das ist eine Chance für die Kirche. Ich treffe bei der Gastroseelsorge auf Leute, die kaum je eine Kirche betreten. Die Stelle teile ich mit einem katholischen Kollegen. Katholische und reformierte Kirchen arbeiten zusammen, das ist ein Ansatz, der mir gefällt.
Es braucht Mut, auf die Menschen zuzugehen. In meinem sonstigen Alltag als Pfarrerin in Bremgarten AG kommen die Leute zu mir, sie wollen etwas von mir. Bei der Gastroseelsorge ist es genau umgekehrt: Ich gehe zu den Wirten und Angestellten in die Beiz. Wenn jemand ein Gespräch ablehnt, versuche ich, das nicht persönlich zu nehmen.

Zur Gastroseelsorge bin ich durch einen Berufskollegen gekommen. Den Alltag und die Sorgen von Menschen im Gastgewerbe kenne ich von Haus aus. Mein Vater arbeitete als Koch und meine Mutter als Serviertochter. Selber war ich während der Schulzeit in einer Küche und einem Schnellimbiss beschäftigt.
Obwohl – so viel anders sind die Menschen im Gastgewerbe nicht. Sie erzählen von Sorgen, Krankheiten, Problemen mit  dem Chef oder den Angestellten. Manchmal bekommen sie von den Gästen Geschichten erzählt, die sie ins Grübeln bringen.

Und die Existenzangst: Manche Wirte chrampfen an sechs Tagen die Woche und kommen auf keinen grünen Zweig. Da besprechen wir Szenarien: Soll ich aufhören, weitermachen bis zum bitteren Ende, neue Ideen ausprobieren? Ich kann keine fertigen Lösungen anbieten. Für vieles gibt es keine schnelle Antwort. Die muss jeder selber finden. Aber ich höre den Leuten zu und versuche, die richtigen Fragen zu stellen. Ich bemühe mich zu helfen, das Schicksal auszuhalten, auch wenn es nicht erklärbar ist. Und wir suchen zusammen etwas, das ihnen Kraft und Motivation gibt.

Lieber Bier als Wein
Natürlich gibt es auch im Gastgewerbe Menschen, die mich nicht brauchen. Ich bin nicht für jeden die richtige Vertrauensperson. Mit mir suchen eher Menschen das Gespräch, die nach dem Sinn, nach dem Göttlichen fragen. Aber man kann mit mir auch über alltägliche Dinge reden und seinen letzten Frust bei mir abladen.

Wein liegt mir nicht so. Ich bin mehr die Biertrinkerin. Nach einem Feuerwehreinsatz oder im Militär gehe ich gern am Abend mit Kollegen eins trinken. Ein bis zwei Mal die Woche esse ich mit Kollegen im Restaurant. Ansonsten bin ich nicht so oft in Beizen oder Clubs unterwegs. Ich verbringe meine Zeit mit meinen Kindern Jovin (3) und Ronja (7) und mit meinem Mann. Ich bin Pfarrerin, so wie ich bin. Ich verstelle mich nicht. Als 37-jährige Frau mit einer ungewöhnlichen Frisur ziehe ich natürlich andere Menschen an als ein 60-jähriger Mann. Das ist okay so.»

Aufgezeichnet von Beat Camenzind,  freier Journalist in Wettingen AG. Zuerst erschienen in der Reformierten Presse vom 13. Juni

Kommentar(e)

Stichworte

Artikel drucken

Werbung