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Gratwanderung am Berg: Die Jagd nach Risiko und Ruhm

(Bild: zVg) Philippe Woodtli beim Klettern: «In den Bergen gibt es nichts Menschengemachtes. Dadurch kommt man in den Bergen näher an die Schöpfung als im zivilisierten Leben.»

Vor Kurzem verunglückte Extrembergsteiger Ueli Steck tödlich. Der Bergführer und Pfarrer Philippe Woodtli ist ihm einige Male beim Klettern begegnet. Im Interview spricht er über Todessehnsucht, Verantwortung beim Bergsteigen und die Nähe zu Gott auf dem Gipfel.

Philippe Woodtli, hat sich Ueli Steck bewusst in Lebensgefahr gebracht?
Nein, das glaube ich nicht. Er hat kurz vor seiner letzten Expedition gesagt, das Risiko sei in einem vertretbaren Rahmen. Das sagen solche Menschen nicht einfach so. Sicher wurde er vom Absturz überrascht und hat dann realisiert, dass er jetzt stirbt. Man lebt noch ein Weile, wenn man 1’000 Meter in die Tiefe fällt.

 

Ist es eine Art von Grössenwahn, das Schicksal derart herauszufordern?
Nein. Bergsteiger haben die Grössenverhältnisse immer vor Augen. Das führt eher zu Demut als zu Grössenwahn. Und Ueli Steck ist immer sehr bewusst mit Gefahren umgegangen.

 

Kennen Sie die Todesangst am Berg aus eigener Erfahrung?
Ja. In jungen Jahren hatte ich in gewissen Momenten grosse Angst. Wäre Panik daraus geworden, hätte ich wahrscheinlich nicht überlebt.

 

Worin besteht das Risiko konkret?
Es besteht in der Gefahr, in unsicherem Gelände zu fallen. Wenn das passiert, stürzt man ab. Je nach dem wie sicher man auf den Füssen steht, ist das Risiko, dass man fällt, grösser oder kleiner. Ein Gelände, das für Sie gefährlich wäre, war für Ueli Steck nicht gefährlich gewesen. Es geht aber immer um Wahrscheinlichkeiten. Es gibt keine absolute Sicherheit.

 

Das klingt unberechenbar.
Sehen Sie, solange die Wahrscheinlichkeit einen Unfall zu haben weniger ist als 50 Prozent, ist es  einfach Pech, wenn man verunfallt. Ist die Wahrscheinlichkeit höher als 50 Prozent und man verunfallt nicht, ist es Glück.

 

«Extrembergsteigen hat eine gewalttätige Seite.

Man muss radikal sein, um das zu tun.»

 

Wieviel Risiko nehmen Extrembergsteiger in Kauf?
Auch Extrembergsteiger gehen im Einzelfall nur ein kleines Risiko ein. In neunundneunzig von hundert Risikosituationen passiert nichts. Wenn das Gelände anspruchsvoll ist, muss man alles geben, damit das Risiko klein bleibt. Man muss sehr konzentriert sein. Das kann schwer sein, wenn das Wetter umschlägt oder die Sicht schlecht ist. Das löst Stress aus. Da reagiert der Körper sehr stark mit Adrenalin. Das ist ein Kick, der wie eine Droge einfährt. Das ist aber nicht der Normalfall.

 

Steckt hinter dem Suchen dieses Kicks nicht eine versteckte Todessehnsucht?
Weder glaube ich, dass Bergsteiger diesen Kick suchen, noch dass dahinter eine Todessehnsucht steht. Bei Extremisten ist Suizid zwar häufiger als bei anderen Menschen. Und Extrembergsteigen hat sicher eine gewalttätige Seite. Extrembergsteigen setzt Härte voraus, Konsequenz und eine grosse Entschiedenheit. Profibergsteiger gehen an 200 Tagen pro Jahr an den Fels. Man muss radikal sein, um das zu tun. Suizid ist eine radikale Gewalttätigkeit gegenüber sich selber und seiner Umgebung. Das Interessante beim Bergsteigen ist jedoch, an seine persönliche Grenze zu gehen, ohne dabei zu sterben. Man will seine Abenteuer überleben.

 

Was ist der Antrieb beim Bergsteigen?
Die Befriedigung, wenn man es geschafft hat, rauf und wieder runter zu kommen. Man hat sich einer Aufgabe gestellt und sich als kompetent erlebt. Ein anderer grosser Antrieb ist die Anerkennung für eine bestimmte Leistung in der Bergsteigerszene. Da geht es um Ruhm und Ehre. Ganz wichtig ist auch, dass Berge ein Raum sind für Freiheit. Deshalb ist Bergsteigen interessant für Leute, die Freiheit suchen.

 

Worin besteht diese Freiheit?
Darin, eine bestimmte Route zu wählen und die dann so zu gehen, wie man will. Man muss niemanden um Erlaubnis fragen und kann sich dabei austoben. Man darf auch sein Leben riskieren.

 

Darf man so leichtfertig mit dem Leben umgehen?
Das Leben kommt von Gott und geht zu Gott zurück. Wir sind aufgefordert, etwas daraus zu machen. Darin hat auch Bergsteigen Platz. Wenn ich das Risiko eingehe, dass mein Leben früher enden könnte, habe ich das in erster Linie meinen Angehörigen gegenüber zu verantworten.

 

«Ich fände es heute sehr egoistisch, einen Unfall

nur als persönliches Problem zu sehen.»

 

Was kann Angehörige trösten, die jemanden beim Bergsteigen verloren haben?
Vielleicht der Gedanke, dass jemand bei einer Tätigkeit starb, die ihn erfüllt hatte. Wichtig ist, dass Bergsteiger und ihre Angehörigen über die Risiken miteinander sprechen und sich darüber einig werden, welche eingegangen werden dürfen.

 

Wie halten Sie das persönlich?
Ich gehe heute anders in die Berge als früher. Ich fände es heute sehr egoistisch, einen Unfall nur als mein persönliches Problem zu betrachten.

 

Sind Sie Gott auf einem Gipfel näher?
Ja und Nein. Als ich noch jünger war, hatte ich manchmal das Gefühl, beim Bergsteigen zu lernen «wo Gott hockt» auf gut Berndeutsch ausgedrückt. Damit meine ich nicht ein Gotteserlebnis wie Moses es hatte. Ich meine damit das Gespür für die eigene Grösse, die relativ klein ist im Vergleich mit einem Berg.

 

Hat Bergsteigen etwas Meditatives?
In gewisser Weise schon. Man kann beim Bergsteigen in einen Flow geraten. Das Bergsteigen ist aber trotzdem keine meditative Praxis. Dazu ist es zu anstrengend. Aber es gibt Momente, in denen man die alltäglichen Sorgen vergisst. Wirklich schöne Momente gibt es auch. Wenn man am frühen Morgen sieht, wie die Sonne aufgeht über dem Horizont.

 

Sie sind seit 36 Jahren Bergsteiger. Beeindruckt Sie das noch?
Ja, die Natur bleibt eindrücklich. Was man sehr stark spürt in den Bergen sind die Naturgewalten. Das Wetter kann innerhalb von Minuten vom blauen Himmel zum Sturm wechseln.

 

Sehen Sie Gott in dieser grossartigen Natur?
Nein, ich bin nicht naturreligiös. Auch wenn das Erleben der mächtigen Berge zu einer gewissen Demut führt. Bei existenziellen Fragen greife ich auf die Bibel zurück, auf Psalmen, auf die Geschichten von Abraham und Hiob. Da finde ich Trost.

 

Sehen Sie in den Bergen Gottes Schöpfung?
In den Bergen gibt es nichts Menschengemachtes. Dadurch kommt man in den Bergen näher an die Schöpfung als im zivilisierten Leben. Ich glaube aber nicht, dass man ohne biblischen oder religiösen Hintergrund auf diesen Gedanken kommt.

 

Adriana Schneider/Kirchenbote

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

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