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Evangelikale Kirche in Brasilien heisst Homosexuelle willkommen

(Bild: ©igrejacontemporanea.com.br) Gottesdienst in der «Igreja Cristã Contemporânea» in Rio de Janeiro. Die «Christliche zeitgenössische Kirche» wirbt damit, allen Menschen ohne Vorurteile offen zu stehen.

In Brasilien sind Schwule und Lesben in katholischen oder evangelikalen Kirchen meist nicht erwünscht. Ein Pastor wollte das nicht hinnehmen und wurde aktiv.

Mitreissende Gospelmusik erfüllt den einstigen Kinosaal. Schlagzeug, E-Gitarre und die laute Stimme einer Sängerin sorgen für gute Stimmung zu Beginn des Gottesdienstes in der Igreja Cristã Contemporânea in Rio de Janeiro. Es wirkt wie in allen anderen zahlreichen evangelikalen Kirchen in Brasilien – mit einem Unterschied: Lesben und Schwule müssen sich hier nicht verstecken. Viele der 200 Gläubigen, die von der Musik beschwingt auf den Stühlen sitzen, sind homosexuell.

Besonders gross ist der Ansturm auf die Kirche an Feiertagen. Denn diese Anlässe werden in Brasilien mit der gesamten Familie gefeiert. «Da vielen unserer Mitglieder in anderen Kirchen gesagt wird, dass Homosexualität schlecht ist, bringen sie ihre Familien hierher», erzählt der Pastor und Gründer der Kirche, Marcos Gladstone Canuto. «Hier können sich alle wohlfühlen.»

Offen für alle

Die «Christliche Zeitgenössische Kirche», die sich ICC abkürzt, ist eine Ausnahme unter den unzähligen evangelikalen Kirchen Brasiliens. Sie wirbt damit, für alle Menschen offen zu sein, ohne Vorurteile. Die Einladung richtet sich vor allem an Homosexuelle, die weder in katholischen noch in den immer einflussreicheren Pfingstkirchen willkommen sind.

Aufmerksam und sichtlich gerührt verfolgt Jean, der seinen Nachnamen aus Angst vor Diskriminierung nicht nennen will, die Predigt von Pastor Canuto. Es geht um die Geschichte von Jakob, um Vater-Sohn-Beziehungen und das Erstgeburtsrecht. Seit zwei Jahren besucht der 25-jährige jede Woche die Kirche im Stadtteil Madureira im Norden der Stadt, fernab der mondänen Strandviertel wie Copacabana oder Ipanema.

Gründung vor zehn Jahren

Früher ging Jean in eine andere evangelikale Kirche. Dort musste er seine sexuelle Orientierung verbergen. «Ich fragte mich, wie ich meinen Glauben an Gott leben und zugleich schwul sein kann,» erinnert er sich. Als der Pastor ihm sagte, dass Gott ihn in dieser Form nicht akzeptieren werde, verliess Jean die Kirche. Nie wird der Angestellte einer Verpackungsfirma seinen ersten Tag in der ICC vergessen: «Wenn du hierher kommst, bekommst du als allererstes eine Umarmung. Ich fühlte mich sofort geliebt und aufgehoben», sagt Jean.

Canuto gründete die Kirche vor gut zehn Jahren. Während seines Studiums in den USA erkannte der Theologe, dass Religion und Homosexualität kein Widerspruch sein müssen. Inzwischen unterhält die Igreja Cristã Contemporânea mehrere Gotteshäuser in Rio sowie in São Paulo und Belo Horizonte. Die Kirche versteht sich als Teil der evangelikalen Bewegung, die im grössten katholischen Land der Welt rasch wächst. Weit über 20 Prozent der Bevölkerung bezeichnet sich inzwischen als evangelisch, wobei ein Grossteil Anhänger von Pfingstkirchen ist.

Kirche bietet juristische Unterstützung

Auch Pastor Canuto verliess einst eine traditionelle evangelikale Kirche, da seine Liebe zu Männern dort nicht toleriert wurde. Heute leitet er die ICC gemeinsam mit seinem Ehemann, dem Pastor Fábio Inácio Canuto. Sie heirateten, als gleichgeschlechtliche Ehen in Brasilien 2013 erlaubt wurden. Neun von zehn Mitgliedern der Gemeinde haben ähnliche Erfahrungen gemacht. «Wir nennen Menschen, die in anderen Kirchen vor die Wahl zwischen Glauben und sexueller Orientierung gestellt wurden, ‹desigrejados – entkirchlichte› Menschen. Bei uns finden sie ein neues Zuhause», sagt Marcos Canuto.

Die Kirche ist auch jenseits der Gottesdienste für ihre Mitglieder da. Neben der seelsorgerischen Arbeit nimmt die Beratung und juristische Unterstützung bei Adoptionen grossen Raum ein. Auch Canuto und sein Mann haben drei Kinder adoptiert. Beide führen auch Trauungen gleichgeschlechtlicher Paare durch.

Nähe suchen zu Ausgestossenen

Am Ende des Gottesdienstes sehen die Menschen zufrieden aus. Die Stimmung ist ausgelassen, noch lange stehen die Gläubigen in Gruppen zusammen und reden. Pastor Canuto ist etwas erschöpft, er hat fast eine Stunde lang gepredigt. Den Erfolg seiner Kirche erklärt er so: «Wir machen genau das, was Jesus einst auf Erden machte: Die Nähe derjenigen suchen, die ausgestossen wurden.» (epd)

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