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Die Schöpfung im Gotteshaus

Umschlungen auf der Empore.
(Foto: Francesca Trento/ref.ch) «Baushtellë Fraumünster»: Umschlungen auf der Empore.

Das Fraumünster öffnete am Samstagabend seine Türen für eine etwas andere Glaubensgemeinschaft. Über 1‘500 Menschen strömten bis 23 Uhr in die Kirche, um die Ausstellung «Baushtellë» mit 180 Mitwirkenden zu besuchen. Die 30 künstlerischen Arbeiten gingen einer Frage nach: «Woran glaubst du?»

«Die Frage ‘Woran glaubst du?’ ist eine weit angelegte, offene, kommunikative Frage nach dem, was uns sinnmässig als Menschen steuert», erklärt der Blog von «Baushtellë: Balkan Temple». In diesem Sinne gingen die Künstler und Künstlerinnen aus Zürich, Belgrad und Pristina im Fraumünster ihrem eigenen Sinn des Lebens nach.

Die «Baushtellë» Fraumünster

Der erste Blick in die Kirche liess einen kurz innehalten. Üblicherweise sind Kirchen Orte der Stille und Besinnung. Doch am 19. September war es anders: Es war unruhig, bewegt und voller Menschen. Dinge hingen in der Luft, Frauen tanzten querbeet, Pet-Flaschen lagen auf dem Boden. Es war eine grosse «Baushtellë».

Die meisten Menschen lechzen regelrecht nach einer gewissen Ordnung, wollen in Unbekanntem geführt werden. An diesem Samstagabend war beides nicht zu finden. Ziemlich rasch gab man den Versuch auf, zu erkennen, wo der Anfang, geschweige denn das Ende der Ausstellung und Aufführungen war. Das war essentiell, um zu erkennen, was nach dem Chaos kommt. Die Schöpfung.

Achtung, Verwirrung

Den Gang entlang laufend, hing über Sitzbänken, an starken Kordeln befestigt, eine breite, meterlange Holzplatte: «Baushtellë» Nummer eins – oder vier, wer weiss. Auf der Platte stand ein Mann. Oben ohne, in leinernen Hosen, barfuss. Auf seinem nackten Oberkörper waren Wörter der Stille in fettem Edding gekritzelt. Und er stand still, wie die Stille eben stehen kann. Von Zeit zu Zeit bewegten sich seine Lippen, er sprach ohne mit der Wimper zu zucken. Keine Bewegung, keine Mimik.

  • Nichts bewegt sich.
    Nichts bewegt sich.

Dem Kirchengang weiter folgend sass eine zierliche Frau, mit starkem, kämpferischem, fast kriegerischem Blick. Der lange Rock lief um sie herum. Die Füsse und den Boden ebenso bedeckend. Am Arm hatte sie einen intravenösen Zugang gelegt, überall war Blut verspritzt und in den Händen hielt sie den Text von Charles Bukowski «The Genius of the Crowd» fest, den sie vorlas: «There’s enough treachery, hatred violence in the average human being to supply any given army on any given day.»* Zwischendurch, wenn sie nicht vorlas, sagte sie: «I am the average human.»**

Selfies mit Schmollmund

Am Ende des Ganges sass eine kecke, selbstbewusste – oder eher selbstverliebte – Dame mit platinblonder Perücke auf einem Sessel. In der Hand ein «Selfie-Stick», mit Schmollmund von sich Selfies schiessend, posierte sie in fast skurrilen Stellungen. Manchmal zog sie Besucherinnen zu sich: «Darling, is it me, you’re looking for?».*** Ein «Nein» hätte man sich nicht getraut zu sagen. Nicht, weil sie einen mit ihrer Selbstverliebtheit erschreckte. Im Gegenteil: Jede setzte sich regelrecht in ihren Bann gezogen, ohne Widerrede, hin. «Tell me, how can I support you?», fragte sie die Auserwählten, die ihr gleich ihre Probleme schilderten. Freigelassen wurde man mit einem überzeugten, mantraartigen Satz wie «You’ll gonna make it. Everything is gonna be allright.»

Der Bann des Chaos

Mit solchen Aufführungen zog das Fraumünster die Besucher und Besucherinnen in ihren Bann. Es schien, als ob sie nicht wussten, wie sie reagieren sollten. Fanden sie Selbstverliebtheit lustig oder eher traurig? War das Blut schockierend oder ergab es Sinn? Eine Achterbahn der Gefühle war allen auf den Gesichtern geschrieben.

Keine zwei Meter weit kam man voran, ohne wieder anhalten zu müssen, wenn wieder Stimmen, die vorlasen, Schüsse, die fielen, Lieder ertönten. Woher kamen diese Geräusche? Wieso kroch aus dem Kreuzgang Rauch in die Kirche? Ein scheinbares Chaos an Eindrücken.

Irgendwo fiel ein Schuss

Es war aber ein geordnetes Chaos. Die 30 Performances waren zwar querbeet, aber perfekt aufeinander abgestimmt. Beendete einer im gelben Overall gekleideter Mann seinen Text «I remember this summer. It was very yellow», fiel irgendwo ein Schuss.

Das Fraumünster verlassen? Keine Chance. Und was das alles sollte? Das einzige, was allen klar war, war die Frage, die den 180 Mitwirkenden vorausging und man als Besucher verstehen wollte: «Woran glaubst du?» Doch mit der Zeit entstand etwas. Sobald man den inneren Trieb, der nach Ordnung lechzt, hinter sich liess und sich dem Fluss hin- und die Kontrolle dem Chaos übergab. Die erst chaotischen Puzzleteile ergaben langsam einen Sinn. Das Chaos ging über zur Schöpfung.

 

*Es gibt genug Verrat und verhasste Gewalt im durchschnittlichen Menschen, um jede vorhandene Armee an jedem Tag zu füllen.

 

**Ich bin der Durchschnittsmensch

 

www.baushtelle.org

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».


Francesca Trento/ref.ch

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Hinweis

Das Kulturprojekt «Baushtellë»

«Baushtellë: Balkan Temple» ist das zweite Projekt des Teams rund um Tobias Bienz und Rina Kika. Mit der Frage «Woran glaubst du?» versucht das Team zu erforschen, was Menschen als Menschen definiert und wieso sie handeln, wie sie handeln. Dies mit Performances in den drei Städten Pristina, Belgrad und Zürich, die zwar miteinander verbunden sind, aber fast nichts voneinander wissen.

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