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«Wir müssen sie aufnehmen, eine Alternative gibt es nicht»

(Bild: Dominik Plüss) Beim Ökumenischen Seelsorgedienst für Asylsuchende in Basel werden Flüchtlinge willkommen geheissen.

Mit einer Resolution greift die Synode der reformierten Kirche Solothurn in die Flüchtlingsdebatte ein. Sie ist überzeugt: «Das Boot ist längst nicht voll», und fordert dazu auf, Flüchtlinge «grosszügig» aufzunehmen.

«Die Synode ist tief betroffen vom Schicksal der vielen Flüchtlinge, die getrieben von Krieg und Not Schutz bei uns suchen», heisst es in der Resolution, welche die Synode der Evangelisch-Reformierten Kirche Kanton Solothurn Ende August in Oensingen verabschiedete. Die Erklärung wurde mit nur einer Gegenstimme beschlossen.

Doch die Kirchenparlamentarierinnen und -parlamentarier belassen es nicht bei der Betroffenheit. Sie fordern konkrete Hilfe: «Die Synode bittet die Kirchgemeinden und die einzelnen Kirchenmitglieder, sich aktiv zu engagieren und für eine grosszügige Aufnahme der in unser Land kommenden Flüchtlinge einzustehen und ihnen Gastfreundschaft zu gewähren». Mit den Solothurner Reformierten mischt sich erstmals eine Synode mit solch deutlichen Worten in die Diskussion über den Umgang mit den Flüchtlingen ein, die in der Schweiz Zuflucht suchen.

Nun legt eine kürzlich in der «Schweiz am Sonntag» veröffentlichte Umfrage nahe, dass die Mehrheit der Bevölkerung gerade das nicht möchte: Flüchtlinge in der Schweiz aufnehmen. Aus der Erhebung geht hervor, dass die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer zwar humanitäre Hilfe leisten will, über 80 Prozent sogar «grosszügig». Allerdings sollte diese Unterstützung finanzieller Art sein und vor Ort geschehen.

Es bleibt nur die Flucht

Der Trimbacher Synodale Hannes Steiger, der die Resolution mitverfasste, hält dagegen, dass man in einem vom Krieg zerrissenen und verwüsteten Land wie Syrien, das über keine funktionierenden Strukturen verfüge, mit Geld nichts mehr ausrichten, könne. Es sei logisch, dass die Menschen nach Europa und in die Schweiz flüchteten. «Wir müssen sie aufnehmen, eine Alternative gibt es nicht», betont Steiger. Er ist sich bewusst, dass man mit einer Resolution nicht mehr als Position beziehen könne. Steiger glaubt, dass es genügend Wohnraum gibt, und hofft, dass die Leute aufgerüttelt werden.

Die Synode ruft nicht nur dazu auf, Flüchtlinge aufzunehmen. Sie distanziert sich zudem «von immer zahlreicheren Abwehrreflexen bei offiziellen Stellen und Teilen der Bevölkerung» und stellt klar: «Das Boot ist längst nicht voll.» Mittlerweile wehrten sich nicht nur Parteien gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, sondern auch Regierungsräte, meint Hannes Steiger. Dieser Entwicklung tritt die Synode entgegen. «Die Kirche ist Teil der öffentlichen Meinung. Wenn diese eine problematische Richtung einschlägt, ist es unser Auftrag, dagegen Stellung zu beziehen», so Steiger.

Die Rede vom Rettungsboot

Mit der Feststellung, das Boot sei nicht voll, spannt die Synode den Bogen zum Zweiten Weltkrieg und knüpft an den Widerstand aus kirchlichen Kreisen gegen die damalige Flüchtlingspolitik des Bundesrates an. Am 30. August 1942 veranstaltete die reformierte «Junge Kirche» in Zürich-Oerlikon eine von mehreren tausend Menschen besuchte Landsgemeinde. Dort kritisierte Max Wolff, der Präsident der Zürcher Synode, den als Redner geladenen Bundesrat Eduard von Steiger: Die Kirche lehne sich dagegen auf, wenn man von ihr fordere, «dass sie zu schwerstem Unrecht, das in der Welt geschieht, schweige» und «gleichgültig oder angstvoll zusehe». Von Steiger rechtfertigte sich mit dem Vergleich: «Wer ein schon stark besetztes kleines Rettungsboot mit beschränktem Fassungsvermögen zu kommandieren hat, indessen Tausende von Opfern einer Schiffskatastrophe nach Rettung schreien, muss hart scheinen, wenn er nicht alle aufnehmen kann.»

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Karin Müller/kirchenbote-online.ch

 

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