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Vom Wert und Preis der Zentrumskirchen

Publikumsmagnete: Die Türme von Berner, Basler und Fraumünster.
(Bilder: Taxiarchos228/Christian Bickel/Roland Zumbühl) Publikumsmagnete: Die Türme von Berner, Basler und Fraumünster.

Das Berner Münster, das Zürcher Fraumünster und das Basler Münster sind Symbolkirchen mit grosser Ausstrahlung. Doch die Prestigekirchen haben nicht nur einen Wert, sie haben auch ihren Preis: Im Verteilkampf um schwindende Gelder hat das Basler Münster bisher gute Karten, während das Berner Münster bereits einstecken musste. Und auch die Zürcher Zentrumskirchen könnten bald um Zuwendungen bangen.

Das Berner Münster ist das Flaggschiff der Stadtberner Reformierten. Der gotische Bau wird von Touristen besucht, hier heiraten Stadtgrössen und hier hört man öfters Predigten, die nichts weniger als liturgische Kunst sind.

Doch hinter den Kulissen ist nicht alles so edel: Anfang Mai kam es in der Berner Münstergemeinde zum Eklat. Ratspräsidentin Charlotte Gutscher trat nach nur zwei Jahren von ihrem Amt zurück. Offiziell äussern möchte sich zu dem Vorfall zwar niemand, aber in Bern zweifelt kaum jemand daran, dass die Kunsthistorikerin von den widerstrebenden Interessen der Münstergemeinde und der Berner Gesamtkirchgemeinde zerrieben wurde.

Denn Gutscher präsidierte nicht nur die Münstergemeinde, sie ist auch stark in die Restrukturierung der Stadtberner Kirchgemeinden involviert. 2015 ging der Betrieb des Münster an die Gesamtkirchgemeinde über – und diese will entsprechend mehr Einfluss nehmen: Geht es nach der Gesamtkirchgemeinde, soll sich das Münster als Zentrumskirche für alle positionieren, geht es nach der Münstergemeinde, soll es möglichst autonome Quartierkirche bleiben.

Verteilkampf

Zusätzlich zu der Positionierungsfrage steckt das Münster aber auch mitten in einem Verteilkampf um schwindende finanzielle Mittel der Berner Gesamtkirchgemeinden – und musste dabei bereits einstecken, etwa bei den Pfarrstellen: Standen der Prestigekirche bis vor zwei Jahren 180 Pfarrstellenprozente zur Verfügung, muss sie heute mit nur 150 Stellenprozenten zurechtkommen. Rechnerisch stünden ihr sogar nur 110 zu, denn mit ihren 2500 Seelen ist sie die kleinste Stadtberner Kirchgemeinde – auch wenn die Predigtgottesdienste die meistbesuchten auf Stadtboden sind. Aus Sicht der Münstergemeinde sind 1,5 Pfarrstellen zu wenig, um das Predigen auf hohem Niveau weiterführen zu können. Ein Antrag, das Pfarramt mit weiterhin 1,8 Stellen zu besetzen, scheiterte jedoch bereits 2014 im Kirchenrat. In der damaligen Parlamentssitzung wurde klar, dass eine Bevorzugung der Münstergemeinde als unfair empfunden würde – denn «bluten» müssten Kirchgemeinden, die weniger Aufmerksamkeit erhalten, jedoch über eine grössere Anzahl Mitglieder verfügen.

Die Solidarität der umliegenden Kirchgemeinden mit dem Bau in der Berner Altstadt scheint also begrenzt. Das Berner Münster ist aber kein Einzelfall. Auch andere Prestigekirchen stehen vor der Herausforderung, die kirchlichen Sparrunden zu überstehen, wie ein Blick nach Zürich zeigt. Niklaus Peter, Fraumünsterpfarrer, sieht im Zürcher Reformprozess Parallelen zur Berner Münster-Affäre. «Es gibt einen gewissen Druck auf die zentralen Kirchen in der Altstadt», so Peter. Denn trotz spärlicher Anwohnerschaft – auf Gemeindeboden Fraumünster leben gerade einmal 97 Personen – sind sie die bestbesuchten Kirchen; daraus entstehe auch viel Seelsorge- und Kasualarbeit.

Altstadtkirchen haben zentrale Aufgaben

Doch wie sich die Beziehung der städtischen Kirchgemeinden als Ganzes zu ihren Flaggschiff-Kirchen entwickle, sei noch offen, sagt Peter. In der Stadt Zürich sind die 33 Kirchgemeinden noch autonom, der Restrukturierungsprozess, der eine Einheitsgemeinde vorsieht, biete jedoch auch Chancen. Die Finanzierung soll künftig in einem kirchlichen Parlament diskutiert und aufgrund von «Schwerpunkten» und «Aufgaben» erfolgen: «Die Altstadtkirchen haben zentrale Aufgaben. Sie schaffen eine Öffentlichkeit und haben eine wichtige Funktion für die reformierte Identität», sagt der Fraumünsterpfarrer.

Dennoch warnt Peter davor, «normale» Kirchgemeinden gegen «Symbolorte» und «Altstadtkirchen» auszuspielen: «Es ist wichtig, in der künftigen Finanzierung einen Kompromiss zu finden. Nicht nur Schwerpunkte, sondern auch der Pfarr-und Gemeindealltag sollen Wertschätzung und entsprechende Finanzierung finden.» Niklaus Peter traut es dem Gesamtprojektleiter der Reform, Andreas Hurter, zu, zwischen den Interessenslagen zu vermitteln, und das Verständnis für die Leistungen von «Symbolkirchen» zu wecken: «Wie es aber dann aussieht, wenn die neue Finanzierung aktuell wird, wird sich erst zeigen.»

Basel: entspanntere Situation

Für das Basler Münster hingegen, das im Besitz der Stadtbasler Kantonalkirche ist, stellt sich die Situation entspannter dar. Interessens- und Nutzungskonflikte zwischen der Kantonalkirche als Besitzerin und der Münstergemeinde, für welche das Münster die Gemeindekirche ist, werden in der sogenannten Münsterkommission austariert. Zumindest auf Nutzungsebene scheint damit wenig Konfliktpotential vorhanden.

Doch in finanzieller Hinsicht sieht es anders aus: Roger Thiriet, Medienbeauftragter der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Basel-Stadt, berichtet hier von einem «leichten Unbehagen» in anderen Gemeinden mit Blick auf den 2015 begonnenen Sparprozess. Die Kirche rechnet mit einem Rückgang ihrer Kirchensteuereinnahmen von 18 Millionen auf 12 Millionen Franken bis zum Jahr 2025. Gemeinden werden vermehrt Drittmittel einwerben müssen, um ihre Dienstleistung auf dem heutigen Niveau zu halten. Hier hat das Münster schon heute die Nase vorn, denn zahlungskräftige Gemeindemitglieder sowie Gönner der Münsterbauhütte greifen der Prestigekirche finanziell unter die Arme. Zudem erwägt der Kirchenrat eine Finanzierung, die Kirchgemeinden mit hohen Gottesdienstbesucherzahlen bevorzugen würde. Dazu gehört auch das Münster.

Punktueller Widerstand

Gegen dieses Finanzierungsmodell regt sich nun punktuell Widerstand. An der letzten Basler Synode vom 22. April 2016 stellte der Riehener Synodale Stefan Wenk den Verteilschlüssel generell in Frage: Steuergelder, die von mitgliederstarken Gemeinden generiert würden, sollten wieder an diese zurückfliessen. Alles andere sei unfair. Wenk erwähnte in seiner Interpellation konkret die Münstergemeinde, die Gellertkirche und St. Jakob: Sie würden doppelt so viele Gelder erhalten wie vergleichbar mitgliederstarke, aber «unsichtbare», «normale» Gemeinden wie etwa Kleinbasel.

In Wenks Kostenaufstellung fehlt allerdings die kantonalkirchliche Arbeit, für die das Münster im Gegensatz zu anderen Gemeinden selber aufkommt. Zu dieser gesamtkirchlichen Arbeit des Münsters gehört etwa die letztjährige vielbesuchte Kampagne «feste feiern» oder die samstägliche Vesper «Wort und Musik».
Trotz dieser Unmutsbekundung an der letzten Synode gibt sich Roger Thiriet zuversichtlich, was die Wertschätzung des Münsters als Zentrumskirche sowie die Beziehung der umliegenden Gemeinden mit dem Münster betrifft: «Ich sehe keinen Anlass zur Befürchtung, dass die Situation ähnlich schwierig werden könnte wie im Fall des Berner Münsters.»

 

Dieser Artikel erschien erstmals in Bref Nr. 10/2016.

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