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«Mit dem Grundeinkommen kommen wir aus dem Buchhalterwesen heraus»

Adolf Muschg: «Das bedingungslose Grundeinkommen wäre ein Element eines völlig neuen, sinnvollen Wirtschaftssystems.»
(Bild: Matthias Böhni/ref.ch) Adolf Muschg: «Das bedingungslose Grundeinkommen wäre ein Element eines völlig neuen, sinnvollen Wirtschaftssystems.»

Der Schriftsteller Adolf Muschg ist ein grosser Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE). Für ihn wäre die entsprechende Initiative ein Weg aus den sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Problemen, wie er im Interview erklärt.

Herr Muschg, der Bundesrat rechnet zur Finanzierung des BGE mit neuen Steuern in der Höhe von 25 Milliarden Franken. Kann man es so finanzieren?
Natürlich kann man das BGE nicht bezahlen, wenn man es nicht will. Es braucht einen politischen Willen. Die Kostenfrage ist die Totschlägerfrage, bevor man sich überhaupt mal inhaltlich damit auseinandersetzt. Wir haben unzählige Alibis, dieses Grundeinkommen nicht einzuführen. Aber die Frage nach den Kosten wird mit dem BGE überflüssig, weil man das System mit den Kostenzwängen verlässt.

 

Aber man muss sich die Finanzierung ja schon überlegen.
Natürlich. Zum BGE gehört ein anderes Steuersystem, das alle Steuern in eine Konsumsteuer zusammenfasst. Man würde dann zum Beispiel mit einem Kaffee diese zusammengefasste Steuer bezahlen. Damit ergäben sich höhere Einnahmen und so sollte sich das BGE finanzieren lassen.

 

Dieser Kaffee würde dann aber sehr teuer.
Er würde nicht teurer als jetzt, aber der Anteil, der das Gemeinwesen abschöpft, ist nicht mehr fragmentiert. Der Anteil dieser Konsumsteuer könnte 50 Prozent betragen. Man hat das so durchgerechnet. Aber ich bin kein Ökonom.

 

Im Herbst 2016 wird über das BGE abgestimmt. Die Frage nach den Kosten könnte dann sehr wichtig sein.
Ich rechne nicht im Traum damit, dass die Initiative angenommen wird. Aber damit, dass wir ernsthaft darüber nachdenken und uns quasi ein geistiges Vitamin zuführen. Es ist wichtig, dass wir in Alternativen denken lernen und Demut und Bescheidenheit üben im Umgang mit unseren Ressourcen – übrigens eine nicht ganz unchristliche Eigenschaft.

 

Was wäre der Vorteil des BGE?
Die Ökonomie ist längst nicht mehr für den Einzelnen da, sondern ein abgehobenes, fremdgesteuertes System. Der Markt ist ausser Rand und Band und schafft immer neue Ungleichheiten: Wir haben immer weniger Arbeit, die bezahlt wird, und immer mehr, die nicht bezahlt wird. Die Arbeitsplätze werden weniger. Hinzukommt eine gewaltige Schere zwischen jenen, die sich nicht um das Einkommen sorgen müssen, und jenen, die am Existenzminimum malochen. Wie kann man stolz sein auf Europa, wenn in den Mittelmeerländern die Hälfte der gut ausgebildeten Jugendlichen arbeitslos ist? Man geht mit unseren Ressourcen miserabel um. Das BGE wäre ein Element eines völlig neuen, sinnvollen Wirtschaftssystems. Man muss die Wirtschaft neu denken. Sonst fahren wir den Planeten gegen die Wand.

 

Sie sehen den Markt sehr negativ. Wenn er funktioniert, ist er doch auch etwas Sinnvolles.
Ja. Jede Freiheit hat mit der Handels- und Gewerbefreiheit begonnen, das ist mir schon klar. Aber momentan dominiert der Markt in einer ungesunden Weise. Er ist totalitär geworden und bedroht die anderen Sphären wie Staat und Kultur. Der Markt als Ultima Ratio liegt dem gesamten heutigen Diskurs zugrunde. «Was kostet es?» ist die zentrale Frage. Das ist fatal. Wenn wir sehen wollen, was der freie Markt faktisch bedeutet, müssen wir uns nur die Fifa ansehen.

 

Bei der Fifa ist es aber ein Marktversagen.
Aber jeder Teilnehmer des Markts will ja die Spielregeln zu seinen Gunsten ändern. Wenn man ihn durchlässt, passiert das eben.

 

Dafür gibts regulatorische Behörden.
Ja, siehe Volkswagen.

 

Sie picken die negativen Beispiele heraus. In der Summe stimmt das nicht.
Es sind die normalen Beispiele. Ein nicht kontrollierter Markt ist chaotisch, anarchisch und asozial. Ein kontrollierter Markt ist aber ein Unding. Wir müssen folglich zwischen zwei Übeln wählen, dabei aber die Marktteilnehmer so mündig und entscheidungsfähig wie möglich machen. Das BGE ist ein Beitrag dazu. Die Marktwirtschaft wird weiter laufen, aber die Menschen werden anspruchsvoller.

 

Ist das BGE eine Utopie?
Nein. Wenn Sie im Mittelalter erzählt hätten, dass es einmal Automaten geben werde, die für Sie kochen, hätte das auch niemand geglaubt. So ist es heute mit dem BGE. Es ist eine Antwort auf die Globalisierung zugunsten des Individuums. Es ist eine Chance, dass sich das Individuum verantwortlich verhalten kann, weil ihm durch das BGE wirtschaftliche Freiheit gegeben wird.

 

Ein Aufklärungsprojekt?
Durchaus. Aber es ist auch ein Ermächtigungsprojekt. Wenn wir es ernst meinen mit der Selbstbestimmung des Menschen, dann müssen wir ihm auch etwas zutrauen. Es sollen nicht ganze Völker durch wirtschaftliche Sachzwänge geknebelt werden.

 

Von welchen Zeiträumen reden wir?
Wir reden von vielen Generationen. Das wird nicht morgen oder übermorgen funktionieren. Irgendwo muss man anfangen, zum Beispiel jetzt bei uns mit dem BGE für die kommende Generation. Diese wird anders aufwachsen und eine viel freiheitlichere Perspektive auf ihr Leben haben. Niemand wird ihr sagen: Das gibts nicht, damit verdienst du nichts. Wir brauchen die Fantasie und Kreativität dieser neuen Generationen, weil wir sonst die ökologischen und sozialen Probleme nicht lösen können.

 

Können die Anliegen des BGE nicht auch mit klassischer Bildung und Weiterbildung umgesetzt werden?
Theoretisch schon. Aber schauen Sie sich unsere Bologna-Universitäten an: Da ist alles durchökonomisiert, statt Wissen und Selbsterkenntnis sammelt man Credits. Und die Professorin muss ständig Drittmittel einwerben für ihr Fach.

 

Bewertet das BGE die Arbeit nicht zu negativ? Ich kenne einige Leute, die ihre Arbeit sehr lieben und sich nicht für ein BGE interessieren. Ich vermute, Sie arbeiten auch gerne.
Ja, ich bin nicht pensionierbar (lacht). Pensionierung wäre mir ein Horror und nicht mehr arbeiten zu können eine Strafe. Aber es gibt ja nicht nur Akademiker mit interessanten Jobs, sondern auch andere, die froh wären, wenn sie nicht immer mit schwerer körperlicher Arbeit ihrem Lohn nachrennen müssten. Und es gibt viele Arbeitslose ohne Perspektiven. Übrigens eine Ressource des Jihads.

 

Sie verknüpfen das BGE mit dem Jihadismus?
Ja. Die Perspektivenlosigkeit und die Sinnlosigkeit des heutigen Wirtschaftssystems treibt heute viele in die Arme der Islamisten. Dann läuft man auch schnell evangelikalen Rattenfängern hinterher oder schwört eben zum Jihad. Das ist offenbar besser als nichts. Das wäre mit dem BGE anders, weil es dem Individuum Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet.

 

Was können die Kirchen für das BGE tun?
Es wäre wunderbar, wenn sich die Kirchen als Forum zur Verfügung stellen und sie die Diskussion ermöglichen und legitimieren, wie wir dank des BGEs aus diesem Buchhalterwesen herauskommen. Die Thematik des BGEs ist ja dem Evangelium nicht ganz fremd.

 

Veranstaltungshinweis: Podiumsdiskussion zum BGE mit Adolf Muschg, Jeannette Behringer, Torsten Meireis und Urban Federer. Moderation: Christine Stark, Redaktorin bei «Sternstunde Religion». Mittwoch, 25. November, 18 Uhr, im «Au Premier» im Hauptbahnhof Zürich

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

 

Matthias Böhni/ref.ch

 

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Hinweis

Das bedingungslose Grundeinkommen (BGE)

... verlangt vom Bund, dass er allen in der Schweiz lebenden Personen mit einem «bedingungslosen Grundeinkommen» ein menschenwürdiges Dasein ermöglicht. Die Initianten schlagen 2500 Franken monatlich für Erwachsene und 625 Franken für Kinder und Jugendliche vor. Bundesrat und Nationalrat lehnen die Initiative ab. Im Herbst 2016 soll über sie abgestimmt werden.

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