Gesellschaft & Politik

Die Reformierten und ihr fataler Hang zur Nicht-Inszenierung

Medienschaffende lieben sie: Repräsentative Figuren aus der Kirche, die mit ihren Haltungen auch mal anecken. Im Bild Vitus Huonder, Bischof von Chur, und Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes.
(Bild: Wikimedia/zVg SEK) Medienschaffende lieben sie: Repräsentative Figuren aus der Kirche, die mit ihren Haltungen auch mal anecken. Im Bild Vitus Huonder, Bischof von Chur, und Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes.

Reformierte Positionen haben es in den Medien ungleich schwerer als katholische, wie die Debatte zur Homo-Ehe zeigt. Das habe mit dem Wesen der Reformierten zu tun, aber längst nicht nur, sagen SRF-Sternstunde-Redaktionsleiterin Judith Hardegger und die Publizistin Klara Obermüller.

In den 80er-Jahren soll der reformierte Radio-Beauftragte am Sonntagmorgen jeweils mit der Stoppuhr gemessen haben, über wie viel Sendezeit Katholiken beziehungsweise Reformierte verfügten. Diese Zeiten sind längst vorbei. Bis heute geblieben ist aber die immer wieder geäusserte Wahrnehmung, dass reformierte Positionen in den Medien weniger Beachtung finden als jene der Katholiken. So sagte unlängst die reformierte Dekanin Cornelia Camichel Bromeis in einem Interview mit dem Online-Portal ref.ch: «Es kann nicht sein, dass am Ende ein Pressesprecher eines Bischofs in der Arena zum Thema der Ehe für Homosexuelle so auftreten kann, als würde er die Meinung der ganzen Christenheit vertreten. Dass wir Reformierte da nicht mit einer klaren Position anwesend waren, ist eine verpasste Chance.»

Reformierte müssen im TV stärker um Beachtung kämpfen

Auf Anfrage empfindet Sternstunde-Redaktionsleiterin Judith Hardegger die Berichterstattung zur Homo-Ehe als ausgewogen. So sei nach dem kurzen Gespräch mit dem Generalsekretär Grichting ein Film über einen homosexuellen anglikanischen Bischof gezeigt worden und auf der SRF-Kulturplattform gab’s ein Interview zum Thema mit der reformierten Pfarrerin Sibylle Forrer. Zudem habe sich die selbe Pfarrerin in einem «Wort zum Sonntag» theologisch klug und prägnant für die Homo-Ehe ausgesprochen – und dies zur besten Sendezeit.

 

Redaktionsleiterin Hardegger sagt aber auch: «Reformierte müssen gerade im bildstarken Medium TV sicherlich stärker um Beachtung ihrer Positionen kämpfen.» Dies habe auch mit den reformierten Positionen zu tun, die einen hohen Grad an Differenziertheit aufweisen und manchmal mehr eine akademischen Auslegeordnung seien als eine Position. «Es kann verlockend sein, schneller auf katholische Positionen einzugehen, weil bekannte Figuren vorhanden sind und diese klare Positionen äussern. Man denke da an den Papst.» Da nun aber die reformierten Kirchen bekanntlich nicht über eine solche Galionsfigur verfügen, dürfe man als Journalist nicht dieser Verlockung erliegen: «Es muss Aufgabe von SRF und den Medien sein, auch komplexere Positionen, wie jene der reformierten Kirchen, dem Publikum verständlich zu machen.» Allerdings: Um komplexe Positionen für das Publikum «übersetzen» zu können, brauche es ein grosses Wissen über Religion und Kirche – und solche Fachjournalisten gebe es eher wenige, sagt Hardegger.

«Die reformierte Position zur Homo-Ehe? Gibt es die überhaupt?»

Das reformierte Grundproblem für Medienschaffende sei, dass es oftmals keine einheitlichen Reformierten Positionen gäbe, und auch ein reformierter «Leader» fehle, sagt Hardegger. Dies habe zur Folge, dass Journalisten oftmals nicht so leicht eine Meinung bei den Reformierten «abholen» können. Die aktuelle Debatte um die Homo-Ehe zeige dies gut: «Offen gesagt kann ich jetzt auch nicht spontan und klar sagen, was die offizielle reformierte Position dazu ist – und ob es die überhaupt gibt.»

 

Für die Publizistin und ehemalige Sternstunde-Moderatorin Klara Obermüller ist das Dilemma der Reformierten, dass sie mit ihrem Hang zur Nicht-Inszenierung nur ungenügend dem Bedürfnis der Medien gerecht werden. Dort sei in den letzten Jahren ein starker Trend zur «Personalisierung, Emotionalisierung und Skandalisierung» zu beobachten gewesen. «Diesem Trend kommt die katholische Kirche mit ihren markanten und zum teil auch nervigen Persönlichkeiten sicherlich stärker entgegen als die reformierte», sagt Obermüller.

Reformierte: Mehr Mut zur Personalisierung

Die Diskussion um die Beachtung reformierter Ansichten in den Medien ist alt. Obermüller erinnert sich, dass ihr in ihrer Laufbahn als Journalistin die katholischen Themen «nur so zugeflogen» seien. Fälle wie diejenigen um Bischof Haas, Eugen Drewermann oder Hans Küng bescherten ihr reichlich Stoff. Es sei aber auch falsch zu glauben, dass die Reformierten nie für Schlagzeilen sorgten. «Über schwangere Frauen auf der Kanzel oder Homosexuelle im Pfarramt wurde bei den Reformierten heftig gestritten», sagt Obermüller, «auch wenn den Journalisten kein Papst oder Bischof zwecks Positionsbezug zur Verfügung stand.» Ein reformiertes, dogmatisches Bewusstsein für das, was ging – und was nicht, sei damals durchaus spürbar gewesen.

 

Obermüller plädiert für mehr Mut zur Personalisierung auf reformierter Seite. «Ich bin mir sicher, dass Ansichten und Glaubensinhalte über konkrete Menschen besser vermittelt werden können als über theoretische Schriften.» Am Beispiel von Pfarrer Sieber habe man dies gut beobachten können, aber auch bei einer Persönlichkeit wie etwa der evangelischen Theologin Dorothee Sölle. «Beide wurden wahrgenommen, weil sie ihre Positionen mit Leidenschaft und Vehemenz vertreten haben – und es im Falle von Pfarrer Sieber immer noch tun». Obermüller sieht da auch die Reformierten selbst in der Pflicht. Pointierte reformierte Stimmen müssten innerhalb der Kirchen erwünscht sein und gefördert werden, meint sie. «Heute werden solche Stimmen noch immer gern als eitel oder profilierungssüchtig abgetan. Das ist schade.»

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

 

Oliver Demont, ref.ch

 

Kommentar(e)

Stichworte

Artikel drucken

Werbung