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«Die Bibel verurteilt den Suizid nicht»

Karoline Iseli leitet eine Selbsthilfegruppe für Hinterbliebene.
(Bild: zvg) Karoline Iseli leitet eine Selbsthilfegruppe für Hinterbliebene.

Am 10. September jährte sich der Welttag der Suizidprävention. Karoline Iseli von der Fachstelle Kirche+Jugend der reformierten Kirche Zürich leitet eine Selbsthilfegruppe für Hinterbliebene. Im Interview erklärt sie, was die Trauerarbeit so schwer macht und warum Suizidversuche oft vertuscht werden.

Frau Iseli, was für einen Unterschied macht es, ob ich einen Angehörigen durch einen Verkehrsunfall oder durch Suizid verliere?
Bei einem Suizid sind die Hinterbliebenen stark mit der Frage nach dem Warum konfrontiert. Das ist bei einem Verkehrsunfall anders. Hier lässt sich oft die Ursache eruieren. Möglicherweise hat jemand einen Fehler gemacht oder etwas übersehen. Beim Suizid weiss man vielleicht, ein Mensch hat Depressionen gehabt, aber den wahren Grund kennt man meist nicht. Dadurch drängt sich die Schuldfrage auf. Die Hinterbliebenen fragen sich: Habe ich den Menschen zu wenig geliebt, habe ich Fehler gemacht? In den meisten Fällen bekommen sie keine Antwort.

 

Kann man einen Suizid denn überhaupt verstehen?
Das hängt sehr vom Einzelfall ab. Ich habe einen sehr guten Freund, der unter schweren Depressionen litt. Er hat sich glücklicherweise nicht das Leben genommen. Ich habe damals aber nicht geahnt, wie suizidal er war. Ein Stück weit kann ich mich in suizidale Menschen hineinversetzen, die an einer Depression erkrankt sind. Meist ist es so, dass die Betroffenen nicht mehr so weiter leben wollen wie jetzt. Das heisst aber nicht, dass sie generell nicht mehr weiter leben wollen.

 

Sie leiten die Selbsthilfegruppe des Vereins Refugium. Was sind die Vorteile gegenüber einer Psychotherapie?
Entscheidend ist, dass die Hinterbliebenen sich austauschen können. Das ist in der Psychotherapie meist nicht möglich. Eine Selbsthilfegruppe ist daher eine wertvolle Ergänzung. Es gibt Betroffene, die sich in einer solchen Gruppe wohler fühlen als in einer Einzeltherapie. Für viele ist die Gruppe auch der erste öffentliche Ort, den sie nach langer Isolation aufsuchen. Sie haben hier die Gelegenheit, die ganz suizidspezifischen Fragen zu stellen, etwa die Schuldfrage und die Frage nach dem Warum. Denn diese Fragen tauchen immer wieder auf. Zudem: Je länger der Suizid her ist, umso mehr sind die Hinterblieben auf sich allein gestellt. Ihr Umfeld versteht einfach nicht, warum sie immer noch trauern. In der Gruppe haben diese Fragen auch Monate oder Jahre nach dem Suizid Platz.

 

Die offiziellen Statistiken reden von jährlich 15‘000 bis 25‘000 Suizidversuchen hierzulande. Geht das nicht genauer?
Es ist leider gar nicht so einfach, Suizidversuche als solche zu erkennen. Viele kommen gar nicht erst an die Öffentlichkeit. Oft werden sie vertuscht. Da kann es zum Beispiel passieren, dass Eltern mit ihrer Tochter, die sich die Pulsadern aufgeschnitten hat, zum Hausarzt gehen und behaupten, sie sei in eine Glasscheibe gestürzt. Ich habe das alles schon erlebt. Suizid ist immer noch ein Tabu.

 

Warum ist das so?
Ich denke, in der Öffentlichkeit fehlt noch viel Wissen über dieses Thema. Zum Beispiel auch über die Frage, was eine Depression ist. 80 bis 90 Prozent aller suizidalen Menschen haben eine depressive Komponente. Bei der Bevölkerung wird Depression immer noch mit fehlender Belastbarkeit und mangelndem Arbeitswillen assoziiert. Dass Depression eine organische Erkrankung ist, bei der ein Mangel an Serotonin im Gehirn vorliegt, ist vielen nicht bekannt. Auch der Zusammenhang von Suizid und Depression ist noch zu wenig bekannt. Hier ist noch viel Öffentlichkeitsarbeit notwendig.

 

Unter Verkehrs- oder Krebsprävention kann man sich etwas vorstellen. Wie aber soll Suizidprävention aussehen?
Zunächst einmal kann man durch Veranstaltungen wie unsere Lesung vom 10. September auf die Tatsache hinweisen, dass es so und so viele Suizide in der Schweiz gibt. Ein anderer Weg zielt auf die Sensibilisierung der Hausärzte. Denn diese kommen ja meist als erste mit depressiven Menschen in Berührung. Wir von der Fachstelle Kirche+Jugend arbeiten auch mit vielen Institutionen zusammen, etwa mit Kriseninterventionszentren. Ganz zentral ist auch der Kontakt mit den Mittel- und Berufsschulen. Die Schüler an den Gymis stehen unter starkem Druck, da ist Suizid ein grosses Thema. Ausserdem stehen wir im interdisziplinären Austausch mit Polizei, Sanität und Notfallseelsorge. Es ist wichtig, dass Menschen in Not von uns erfahren.

 

Konnte die Präventionsarbeit in den letzten Jahren denn schon Erfolge verbuchen?
In den letzten Jahren ist die Suizidrate leicht zurück gegangen. Ich denke schon, dass das auch mit der Prävention zusammenhängt. Eine Enttabuisierung ist aber auch stark von der Region abhängig. In städtischen Gebieten ist man weiter als auf dem Land. Ich hatte gerade kürzlich einen Hinterbliebenen in unserer Gruppe, der auf dem Land wohnt und immer wieder erlebt hat, dass Leute bei einer Begegnung die Strassenseite wechseln. Das ist ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Die Leute wissen oft nicht, was sie sagen sollen. Sie halten es vielleicht auch für dubios, dass sich jemand suizidiert hat, und denken, dass in dieser Familie irgendetwas nicht gestimmt hat.

 

Die Kirche hat viel zur Stigmatisierung des Suizids beigetragen. Wie vereinbaren Sie Ihre Arbeit mit Ihrem Glauben?
Damit habe ich kein Problem. In der Bibel sind etwa zehn Suizide erwähnt, und keiner davon wird bewertet. Das ist das Entscheidende. Judas etwa beging einen Verrat und hat sich später erhängt, ohne dass das bewertet wird. Dort, wo die Grablegung erwähnt wird, fällt auf: alle Suizidenten bekommen ein Grab wie die normal Verstorbenen. Die Stigmatisierung des Suizids entstand erst in der Auslegung der Bibelstellen.

 

Erleben sie, dass Hinterbliebene, die Sie betreuen, sich dem Glauben zuwenden?
Dass jemand aufgrund eines Suizids eines Angehörigen gläubig wurde, habe ich noch nie erlebt. Oft verspüren die Hinterbliebenen aber den Wunsch, mit dem Verstorbenen in Kontakt zu treten. Manche erwägen dann, ein Medium aufzusuchen. Ich selber arbeite konfessionell neutral. Ich empfehle niemandem den Gang zu einem Medium, halte ihn aber auch nicht zurück. Persönlich glaube ich nicht, dass dadurch die Frage nach dem Warum gelöst wird. Überzeugt bin ich hingegen, dass wir in unserer christlichen Auslegung einen grossen Schatz an Ritualen haben, die hilfreich für die Hinterbliebenen sein können: Singen, Anzünden von Kerzen, Aufschreiben des Erlebten. Darauf weise ich in der Begleitung der Betroffenen implizit hin.

 

Kontakt:
Fachstelle Kirche+Jugend, Ausstellungsstrasse 105, 8031 Zürich, Tel. 044 271 88 11, Homepage: www.kirche-jugend.ch, E-Mail:

 

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Hinweis

Karoline Iseli...

... von der Fachstelle Kirche+Jugend der reformierten Kirche Zürich ist Pfarrerin und Pflegefachfrau. Sie leitet die neue Selbsthilfegruppe des Vereins Refugium. Diese startet mit zwei offenen Informationsabenden am 15. und 29. September in Zürich.

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