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Der lange Weg zur Frauenordination

(Bild: riforma.it) Eine Frau auf Luthers Kanzel: Die kürzlich ordinierte Libanesin Najla Kassab.

Die Generalversammlung der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (WGRK) hat am 4. Juli beschlossen, dass bis 2024 in allen Mitgliedkirchen die Frauenordination möglich sein soll. Ein ehrgeiziges Ziel, meinten viele Delegierte. Aber wo ist eigentlich das Problem?

«Hier stehe ich» – der Triumph in der Stimme von Najla Kassab ist nicht zu überhören, als sie an diesem Mittwoch in der Wittenberger Stadtkirche von Luthers Kanzel aus predigt. Kein Wunder: Erst im Februar 2017 haben ihre Evangelischen Kirchen in Syrien und im Libanon die Frauenordination ermöglicht. Kassab war die erste, die dann im März tatsächlich ordiniert wurde. Und am 7. Juli wurde sie schliesslich für die nächsten sieben Jahre zur Präsidentin der WGRK gewählt.

Warum hat es so lang gedauert mit der Frauenordination in Syrien und im Libanon? Immerhin wurde das Thema seit über zwanzig Jahren diskutiert. «Es gab einfach keine Vorbilder», sagt Kassab. «Die Gesellschaft war nicht bereit dafür.» Theologische Gründe hätten bei der Ablehnung kaum eine Rolle gespielt. Im Gegenteil: «Die Frauenordination ist möglich geworden, weil wir endlich angefangen haben, ernsthaft Theologie zu betreiben», so Kassab.

«Jesus hatte nur männliche Jünger»

Das sehen nicht alle der in Leipzig versammelten Mitgliedkirchen der WGRK so. Die Mexikaner zum Beispiel nennen ausdrückliche biblische Gründe für die Ablehnung der Frauenordination: «Jesus hatte nur männliche Jünger», sagt Präsident Danny Ramirez von der dortigen presbyterianischen Kirche. «Deshalb ordinieren wir keine Frauen und sehen auch keinen Grund, das in Zukunft zu tun.»

«Es ist immer ein Zusammenspiel von Bibel und Kultur», meint Dorcan Gordon von der presbyterianischen Kirche in Kanada dazu. Sie kann sich noch gut an die Einführung der Frauenordination in ihrem Land vor rund fünfzig Jahren erinnern. «Da hiess es dann auf einmal, Frauenstimmen seien nicht kräftig genug zum Predigen», sagt sie. Und eine Pfarrerin mit Kindern konnte sich schon gar niemand vorstellen. Sie selber wurde dann mit ihren vier Kindern der Beweis, dass es doch geht.

Auch politische Gründe gegen die Frauenordination werden zuweilen geltend gemacht. So hat die Synode der Presbyterianischen Kirche in Ägypten (Nil-Synode) erst vor kurzem die Frauenordination mit knapper Mehrheit abgelehnt. Weil ordinierte Pfarrerinnen die vom Staat befohlene enge Zusammenarbeit mit anderen evangelischen Kirchen behindern könnten.

Anfeindungen und Arbeitsüberlastung

Aber auch wenn Frauen dann ordiniert werden, heisst das nicht, dass sie im Pfarramt gleichberechtigt mit den Männern sind. So gibt es in Sambia die Frauenordination theoretisch zwar schon seit Jahrzehnten. Aber der Widerstand von Gemeinden und männlichen Kollegen war enorm. «Sie mussten uns verstecken», erinnert sich Peggy Mulayamba, seit 2010 die erste Generalsekretärin der sambischen reformierten Kirche. Frauen konnten bis vor kurzem nicht Gemeindepfarrerin werden, sondern wurden in Spezialpfarrämter und Hilfsorganisationen abgeschoben. Auch so sei die permanente Anfeindung zermürbend gewesen. Dazu kam die chronische Arbeitsüberlastung. Denn laut Mulayamba mussten die Frauen doppelt so gut sein wie die Männer, um zu beweisen, dass sie für diese Arbeit geeignet waren. Und das für weniger Geld, vor allem, wenn sie verheiratet waren: Bei Männern trug die Kirche die Kosten für Wohnung und Transportmittel. Bei Frauen der Ehemann.

In Sambia hat sich die Situation der Pfarrerinnen seit dem Amtsantritt von Mulayamba deutlich gebessert. Auch in anderen Kirchen hat in den letzten Jahren ein Mentalitätswandel eingesetzt. Sonst hätte die Generalversammlung nicht fast einstimmig die weltweite Frauenordination bis 2024 gefordert, ist sich eine Delegierte sicher. Allerdings waren über 100 der 233 Mitgliedkirchen der WGRK in Leipzig nicht anwesend, es ist unklar, wie diese sich verhalten hätten. Zum Beispiel die reformierten Ukrainer, die 2006 die Frauenordination wieder abgeschafft haben.

Das kenianische Rezept

Frauenordination bis 2024 – das ist ein ehrgeiziges Ziel. Viele Delegierte halten den Zeitplan für zu straff. Doch die WGRK will ihre Mitgliedkirchen darin unterstützen. Durch Diskussionen, Argumentationshilfen oder die Ausbildung von Theologinnen. Wie es gehen könnte, zeigt das Beispiel Kenia. Für Jonah Lagat, Generalsekretär der dortigen Kirche, heisst das Rezept «education». Auf allen Ebenen: Studierende und Kirchenleitungen, Gemeindeglieder und männliche Pfarrer müssten umdenken lernen. Gerade letztere hätten oft die grössten Vorbehalte, weil sie Konkurrenz fürchteten. Aber Frauen seien keine Rivalinnen, sondern könnten die Arbeit der Männer sinnvoll ergänzen, ist Lagat überzeugt: «Manche Dinge können Frauen einfach besser.» Zum Beispiel mit weiblichen Gemeindegliedern über Ehe und Sexualität reden.

Vielleicht schaffen es die Kenianer mit der Frauenordination bis 2024. Immerhin sitzen jetzt schon um die achtzig kenianische Theologinnen in den Startlöchern.

 

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