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«Bei den Christen funktioniert die Solidarität noch»

Andreas Goerlich, Pfarrer aus Pfungen, bei einer syrischen Flüchtlingsfamilie im Camp Domiz bei Erbil im Nordirak.
(Bild: zVg) Andreas Goerlich, Pfarrer aus Pfungen, bei einer syrischen Flüchtlingsfamilie im Camp Domiz bei Erbil im Nordirak.

In Hörweite zu Erbil tobt der Krieg, und rund um die Hauptstadt der nordirakischen Kurdenregion herrscht das Flüchtlingselend. Pfarrer Andreas Goerlich aus dem zürcherischen Pfungen ist oft zu Besuch bei den Flüchtlingen und hilft, wo er kann.

Bei uns stöhnen alle unter der Hitzewelle. Wie sah es denn jüngst bei Ihrer Reise in den Nordirak aus?
Nun bei 43 Grad in einer baumlosen Wüstenlandschaft, das macht die Situation für Flüchtlinge in Zelten oder Blechhütten wesentlich erbarmungsloser. Aber was mich gefreut hat: Wir haben vor einem halben Jahr Samen verteilt. Heute sieht man um viele Zelte herum Sonnenblumen und schattenspendende Büsche. Solch eine bescheidene Hilfe, wie das Verteilen von Samen, erleichtert das Leben der Flüchtlinge.

 

Stichwort bescheidene Hilfe: Kann ein Mini-Projekt, wie die von Ihnen initiierte «Syrien Hilfe», wirklich etwas bewirken in einer Situation von vier Millionen Flüchtlingen ausserhalb der Grenzen Syriens?
Wir können nicht Millionen helfen, wir bringen aber für Hunderte von Menschen einen Lichtblick in ihr Leben. Da ist zum Beispiel Anis aus Syrien. Der behinderte junge Mann hat sich an allen Körperteilen wundgelegen. An den rauen Wolldecken, die der das Flüchtlingshilfswerk UNHCR im Lager verteilt hat, scheuerte er sich noch mehr auf. Wir haben ihm nun für wenige Franken neue Leintücher beschaffen können. Und eine luftgefüllte Matratze. Das ist für ihn eine enorme Erleichterung.

 

Sie wollten auch einem alten Mann eine Augenoperation ermöglichen und haben hierfür 10’000 Dollar in der Schweiz gesammelt. Ist dies angesichts des grossen Elends nicht zu viel Geld für eine Person?
Da muss ich etwas ausholen: Der alte Mann aus Damaskus ist, nachdem sein Haus ausgebombt wurden, mit seinen drei Enkeln geflohen. Der Vater wurde erschossen, die Mutter, eine Alkoholikerin, blieb zurück. Der Grossvater leidet an einem stark wuchernden Augenkrebs. Er ist die einzige Bezugsperson für die Kinder. Nun stellte sich heraus, dass der Krebs so weit fortgeschritten ist, dass nur eine ganz teure Operation von 30’000 Dollar geholfen hätte.

 

Und soviel Geld haben Sie nicht?
Nein. Wir werden nun einen Transport nach Damaskus organisieren. Da kann er sich zumindest das Geschwür aus der Augenhöhle in einem staatlichen Spital ausschaben lassen und vielleicht so noch zwei, drei Jahre leben und seine Enkel begleiten.

 

Vom Nordirak zurück nach Damaskus – geht das?
Die Grenze darf man sich trotz des Krieges nicht undurchlässig vorstellen. Täglich gehen Flüchtlinge nach Kamischli, schauen nach ihren Gärten, bringen Lebensmittel zurück. Dieses Jahr gibt es dort eine Rekordernte aufgrund der üppigen Regenfälle im Frühling.

 

Also ist die Lebensmittelsituation in den Lagern gut?
Überhaupt nicht. Deshalb müssen die Flüchtlinge zusätzlich arbeiten oder nach ihren Feldern in der Heimat schauen. Der monatliche Beitrag von 23 Dollar pro Flüchtling wurde nun auf 19 Dollar gekürzt. Der Konflikt in der Ukraine zehrt immer mehr UN-Hilfsgelder auf und die USA sowie Russland haben ihre Geldzahlungen an den UNHCR für die syrischen Flüchtlinge praktisch eingestellt. Am schlimmsten trifft dies die Traumatisierten, Kriegsverletzten, Schwerkranken und Behinderten. Sie können nicht arbeiten und die 19 Dollar reichen eigentlich nicht zum Leben, erst recht nicht, wenn davon noch Medikamente gekauft werden müssen.

 

Wie reagiert die Bevölkerung auf den wachsenden Flüchtlingsstrom?
Am Anfang war es beglückend zu sehen, wie die Bevölkerung der kurdischen Hauptstadt die Flüchtlinge mit offenen Armen aufgenommen hat. Heute dagegen sind die Flüchtlinge zu Sündenböcken geworden, denen die sich verschlechternde ökonomische Situation angelastet wird.

 

Was sind die Gründe dafür?
Der Krieg gegen die IS verschlingt immer grössere Mittel der kurdischen Selbstverwaltung. Die Beamten, wie auch die Angestellten der Ölgesellschaften, bekommen immer weniger Lohn. Die angespannte Situation hat nun auch die anfängliche Solidarität schwinden lassen. Jetzt müssen die Flüchtlinge horrende Preise zahlen beispielsweise für eine Taxifahrt vom Flüchtlingslager in die Stadt. Bei einem Spitalbesuch legen sie erst einmal – sozusagen als Eintrittsbillet – 70 Dollar hin.

 

Ist dies bei den Christen auch so?
Das ist erstaunlich: Bei den Christen – vielleicht auch wegen ihrer Kontakte ins Ausland – funktioniert die Solidarität immer noch. Die christlichen Flüchtlinge werden in den Gemeindehäusern, in leer stehenden Häusern untergebracht. Die vor Ort ansässigen Gemeinden kümmern sich mit einer beinahe grenzenlosen Hingabe um die neu Ankommenden. Unsere Hilfe geht auch an Projekte des christlichen Werks Capni, das auch von der Zürcher Landeskirche unterstützt wird.

 

Die Christen werden also kirchlich untergebracht und von ihren Glaubensgenossen versorgt?
Genau. Dies hat aber eine nicht zu übersehende Schattenseite. Denn damit sind sie nicht offiziell beim UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR registriert. So muss die medizinische Hilfe selbst organisiert werden und von ihnen wird keiner jemals das Privileg haben, mit einem Kontingent nach Europa auszureisen.

 

Spenden: PC 89-268661-5, Evangelische Kirchgemeinde Pfungen, Syrienhilfe, A. Goerlich, 8422 Pfungen

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

 

Delf Bucher / reformiert.info

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Hinweis

Andreas Goerlich ...

... ist reformierter Pfarrer von Pfungen bei Winterthur und bereits zum siebten Mal in den Nordirak gereist. Der 51-Jährige hat in seiner Kirchgemeinde die «Syrienhilfe» ins Leben gerufen, die Flüchtlingen in den UNHCR-Flüchtlingscamps im Nordirak hilft.

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