Gesellschaft & Politik

4000 Gründe, warum es die Berner Kirche braucht

Die Kirche hat viele Gesichter: Mehr als Tausend Basismitglieder marschierten zum Berner Rathaus.
(Bilder: ref.ch/Susanne Leuenberger) Die Kirche hat viele Gesichter: Mehr als tausend Basismitglieder marschierten zum Berner Rathaus.

Mehr als tausend kirchennahe Menschen marschierten am Montag durch Berns Innenstadt und übergaben beim Rathaus 4000 persönlich ausgefüllte Karten, die festhielten, warum Kirche Sinn macht. Die Basisaktion reagiert auf die Sparbeschlüsse des Kantons. Kirchendirektor Neuhaus und Grossrätin Struchen nahmen die individuellen Manifeste entgegen.

Aus dem Berner Oberland reisten sie an, aus dem nähreren Kehrsatz, der Nachbargemeinde Köniz oder dem Oberargau, einige kamen als Kirchgemeinde in Bussen, andere privat: Gut tausend Basismitglieder der Kirchen versammelten sich zur Mittagszeit bei strahlendem Wetter beim Waisenhausplatz in Bern, um sich mit dem «Marsch zum Berner Rathaus» Gehör zu verschaffen: «Ich bin heute hier, weil die Kirche mein sprituelles Fundament und meine Heimat ist», sagt etwa die Pensionierte Beatrice Thönen. Lange Jahre sei sie im Chor ihrer Kirchgemeinde aktiv gewesen, und habe jeweils auch beim Weltgebetstag mitgemacht.

«Kirche entschleunigt, ich werde auf andere und anderes aufmerksam und in meiner Spiritualität abgeholt», meint Elsbeth Kuratle von der Kirchgemeinde Meikirch, die heute frei hat. Ihre Kollegin Anke Klingenberg macht verlängerte Mittagspause, um ihre Postkarte persönlich abzugeben: «Mir ist das Soziale wichtig, das die Kirche leistet – die Kinderarbeit, die Jugendarbeit, die Arbeit mit den Alten. Und die Integration in die Gemeinschaft. » Als zugezogene Deutsche hätte sie über die Kirche schnell Anschluss in Meikirch gefunden.

So bewegt sich der Menschenstrom in ruhiger, aufgeräumter Stimmung Richtung Rathaus. Jeder und jede Einzelne ist heute hier, um ihre oder seine Postkarte mit dem persönlichen Statement, warum ihnen Kirche wichtig ist, bei der Berner Regierung zu deponieren.

  • Haufenweise Sinn: Mehr als 4000 Postkarten hielten fest, warum Kirche Sinn macht.

Hinter dem Marsch zum Rathaus stehen vier reformierte Pfarrerinnen aus dem Oberaargau. «Wir wollten die Basis mit dem Marsch motivieren, aktiv zu werden und die vielen Gesichter der Kirche sichtbar zu machen. Wir mobilisierten nicht nur unter Reformierten, sondern auch die Katholiken und Christkatholiken sind dabei», meint Sandra Kunz vom Organisationskommitee. Die Pfarrerin der Gemeinde Roggwil hatte gemeinsam mit Judith Mayer von der Gemeinde Wynau, Sybille Knieper, Pfarrerin in Oberbipp und Tabea Stalder vor Gemeinde Thunstetten die Idee für den Marsch und die Postkartenaktion. So gehe es darum, auf die vom Berner Kanton beschlossenen Sparmassnahmen zu reagieren. Zwar stehe die Kirche hinter den Sparbeschlüssen, doch müsse man einen längerfristigen Denkprozess anregen, warum es die Kirche braucht.  Gerade in Zeiten schwindender Gelder und Mitgliederzahlen.

Der Kanton spart an der Kirche

Der Kanton Bern muss sparen. Auch an den Pfarrlöhnen, für welche er als einziger Kanton der Schweiz aufkommt. So hat der Grosse Rat in der Herbstsession am vergangenen Donnerstag entschieden, dass ab 2016 in den Berner Landeskirchen weitere 27,5 Pfarrstellen abgebaut werden sollen. Bereits eingespart sind 6,5 vakante Stellen bei der evangelisch-reformierten Landeskirche. Noch abgebaut werden müssen 18,4 Pfarrstellen bei den Reformierten, 2,5 Stellen bei den Katholiken und 0,1 Stellen bei den Christkatholiken. Viele der Marschierenden sind besorgt über die Sparmassnahmen. So meint Rosmarie Reber, die in der Kirchgemeinde Köniz dabei ist: «Mir ist nicht gleichgültig, was mit der Kirche passiert. Wenn die Kirche mehr und mehr Gelder verliert, steht vieles auf dem Spiel. Auch Dienste am anderen, die niemand ausser der Kirche leistet.»

Kirche braucht Basis

Den Höhepunkt des Marschs bildet die Übergabe der 4000 Postkarten an Grossrätin Béatrice Struchen und Kirchendirektor Christoph Neuhaus beim Berner Rathaus. Letzterer zeigt in einer kurzen Rede Verständnis für die Aktion und meint scherzhaft, er sei froh, dass die Kirche die Einsparungen des Kantons mittrage, der Marsch gewaltlos verlaufen sei und er das Rathaus nicht zur Hintertür verlassen müsse. Ebenso wie Grossrätin Struchen lobt er das Engagement der Anwesenden und meint, dass es heute so wichtig wie nie sei, dass die Kirche so eine motivierte Basis habe.

Die Kirche auf der Strasse

Sandra Kunz und Judith Mayer vom Organisationskommittee geben sich äusserst zufrieden mit dem heutigen Tag: «Dass der Anlass so gross würde, realisierten wir erst vor etwa zwei Wochen. » Ihre Aktion, auf die sie in allen Berner Kirchgemeinden und mit einer mit eigenen Webseite aufmerksam gemacht haben, sei auf sehr grosse Resonanz gestossen. «Wir haben gemerkt, die Leute interessieren sich für die Kirche. Sie sind bereit, sich einzusetzen.»

In der Tat: Die Berner Kirche markiert Präsenz in den Strassen Berns. So erfolgt der Marsch zum Rathaus nur eine Woche nach dem Berner Kirchenfest, an welchem die Stadtberner Kirchen unter dem Motto «Himmlische Stadt» einen einmaligen Grossanlass mit über 14000 Besucherinnen und Besuchern auf die Beine gestellt hatten.  Sind seitens des OKs weitere Aktionen geplant, um auf die Kirche und ihre zahlreichen Facetten aufmerksam zu machen? Sandra Kunz und Judith Mayer geben sich zunächst zufrieden mit der heutigen Aktion: «Für weitere öffentliche Aktionen fehlen uns schlicht die Kapazitäten», so Judith Mayer. Die beiden Frauen hoffen jedoch, dass sie mit ihrer Aktion einen Stein ins Rollen gebracht haben: «Für uns ist wichtig, dass nun ein Meinungsbildungsprozess zum Verhältnis von Kirche und Staat einsetzt.»

 

 

 

 

 

 

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