Pfarrer Walter Wettstein, Jahrgang 1919, 8038 Zürich
Demonstration gegen das Kabarett Pfeffermühle
Ich habe die Vorkriegszeit aus einer speziellen Perspektive erlebt, da mein älterer Bruder Mitglied der Fröntlerjugend war und einmal verhaftet wurde. Er schrieb auch Artikel in der Fröntlerzeitung. Deswegen musste er vor dem Rektor des Gymnasiums antraben. Der erklärte ihm, dass das Politisieren in der Schule verboten sei, und es wurde ihm mit dem Ausschluss aus der Schule gedroht. Einmal geriet ich in eine Demonstration der Front gegen das hitlerkritisch eingestellte Kabarett Pfeffermühle von Erika Mann und erlebte dabei hautnah das Eingreifen der Polizei gegen die Demonstranten.
Da man heute weiss, was damals in Deutschland vor sich ging, ist es kaum nachzuvollziehen, wie nach 1933 unter den Rechtsgerichteten hier in der Schweiz ein patriotischer Aufbruch zu spüren war. Erst nach dem Anschluss von Österreich und dem Einmarsch in die Tschechoslowakei geschah auch bei mir eine Wendung. Ich war damals Mitglied der Oxfordgruppenbewegung, einer bedeutsamen Erweckungsbewegung, und die Nachricht von den Judenverfolgungen war etwas Schreckliches für mich.
Zum patriotischen Einsatz gerufen
Während meines Aktivdiensts von 1939 bis 1944 konnte ich kein einziges Semester ohne Militärdienst erleben. Es war im September 1939, als wir Soldaten des Infanterieregiments 26 im Zürcher Unterland in einem Gottesdienst zur Verteidigung der Schweiz feierlich verpflichtet wurden und schwören mussten. Unser Feldprediger hielt die Ansprache. Er war im Frontenfrühling als Obmann eines patriotischen Bundes und als guter Redner bekannt. Der Bibeltext seiner Ansprache war aus der Offenbarung 3,11: «Behalte, was du hast!» Er rief uns eindrücklich auf, unser Land treu zu verteidigen und eben zu «behalten, was wir haben». Meine Kameraden waren grossenteils Kommunisten und Sozialisten aus Winterthur ZH. Es war für mich erfreulich zu hören, wie diese einfachen Arbeiter sich darüber empörten, wie der Pfarrer die Bibel missbraucht hatte, um uns zum patriotischen Einsatz aufzurufen. Dieses Erlebnis führte mich dazu, nie als Feldprediger zu wirken, obwohl ich dazu aufgefordert wurde.
An der Grenze hatten wir Todesangst
1940 erwartete man auch die Besetzung der Schweiz. Ich tat Dienst an der Verteidigungslinie bei Bülach ZH, nahe der Grenze. Wir mussten in einem Wald Stellung beziehen und ich war mir bewusst, wohl bald sterben zu müssen. Ein anderes Mal stand ich an einer Strassenkreuzung in Oberglatt ZH, ich hatte Nachtwache mit scharf geladenem Maschinengewehr. Zahlreiche Autos fuhren an mir vorbei, die Leute flüchteten mit Sack und Pack in die Innerschweiz. Wieder ging das Gerücht, bald kämen die Deutschen.
Später wurde ich Offizier bei der Infanterie, und aus dieser Zeit erinnere ich mich an ein grosses Manöver im Zürcher Oberland. Unser Bataillon musste Rüti ZH angreifen. Ich war zuvorderst, wir stürmten an der Kirche vorbei, ich mit der Pistole in der Hand, und gerieten unverhofft in einen Leichenzug. Der Pfarrer im Talar stand plötzlich mitten im Manöverkampf.
Bei Amsteg UR Gold der Nationalbank bewachen
1943 musste ich im Kanton Uri Dienst tun. Es hiess, unsere Einheit müsse bei Amsteg UR das von Bern versteckte Gold der Nationalbank bewachen. Wir mussten auch die Geleise und Brücken der Gotthardbahn überwachen. Dabei fuhren lange deutsche Güterzüge an uns vorbei, die mit Waren und Waffen für die Besatzungsarmee in Italien bestimmt waren. Während dieses Ablösungsdienstes schrieb ich auch meine Probepredigt für das Abschlussexamen.
Auch da, auf dem Gotthard, werweisste man dauernd: Kommen die Deutschen oder kommen sie nicht? Im Nachhinein war der Aktivdienst eine prägende Erfahrung meines Lebens. Ich, der behütete Student und Lehrerssohn, schlief im gleichen Stroh mit einfachen Arbeitern, das war eine ganz andere Welt. Was da alles erzählt wurde, wie es rau zuging, wie richtig gesoffen wurde – die Leute waren in jenen Momenten echt und zeigten sich auch von ihrer schlimmsten oder verletzlichsten Seite.
© Reformierte Medien und Autor
Diesen Artikel mit anderen teilen: