Offenheit für das Religiöse

Otto Pöggeler über Philosophie und hermeneutische Theologie

Frank Jehle - Eine verwirrende, teilweise irritierende, aber auch faszinierende Publikation! Pöggeler, berühmter Hegel- und Heideggerforscher sowie Klee- und Celan-Interpret, feierte 2008 seinen achtzigsten Geburtstag. Es mag sein, dass seine Kraft nicht mehr ausreicht, um die Gedanken zu bündeln. Er weiss unheimlich viel. Sein Zettelkasten, gefüllt mit Lesefrüchten, ist unerschöpflich. Da gibt es kaum eine geistige Grösse der letzten hundert Jahre, die nicht zitiert wird.

Allerdings, wo war das Lektorat? Angesichts der vielen Personen brauchte es ein Namenregister. Man hätte dem Verfasser helfen müssen, die Gedanken besser zu ordnen und Überflüssiges oder Redundantes abzuzwacken. Einzelne Abschnitte sind auch unsorgfältig korrigiert.

Kaum Neues über Bultmann
Das Buch bietet mehr, aber auch weniger, als der Titel verspricht. Über Bultmann erfährt man kaum etwas Neues. Anderseits wird nicht nur Heidegger behandelt, sondern viele andere Denker sind besprochen, bekannte und weniger bekannte, von Ernst Troeltsch, dem Altmeister der liberalen Theologie, bis zu Eugen Biser, dem zeitgenössischen Katholiken, von dem eine eigenwillige Paulusdeutung vorliegt.

Gemeinsamer Nenner ist die Offenheit für das Religiöse. Wie Pöggeler minuziös nachweist, gibt es wenige ernstzunehmende Philosophen, die nicht religionsphilosophische und theologische Fragen zumindest streifen. Mehrfach wird der Jurist und deutsche Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde mit seinem berühmten Diktum von 1972 zitiert: «Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht geben kann.» Es geht nicht ohne Religion, wobei von den Vertretern der verschiedenen Glaubensgemeinschaften aber gefordert werden muss, dass sie die staatliche Rahmenordnung respektieren.

Heideggers Frühzeit
Besonders informativ waren für mich die Abschnitte über den jungen Heidegger, der besonders in seiner Frühzeit eine Fülle von theologischen Anregungen in sein Denken aufnahm. Der 1889 in Messkirch geborene Mesnerssohn war für eine kirchliche Laufbahn bestimmt. Nach dem Abitur trat er ins Priesterseminar von Freiburg im Breisgau ein und begann mit einer streng neuthomistischen Erziehung. Es war die Zeit, in der Pius X. Antimodernisteneid einführte.

Nur kurz vorher hatte Johannes Ficker Luthers bisher unbekanntes Vorlesungsmanuskript über den Römerbrief von 1515/16 herausgegeben. Obwohl natürlich auf dem Index stehend, fand diese Publikation den Weg in die Bibliothek des Priesterseminars und wurde vom erst zwanzigjährigen Heidegger minuziös gelesen. Hier lernte er einen Denkstil kennen, der sich völlig vom objektivierenden Neuthomismus unterschied. Seit er Luthers Römerbriefkommentar gelesen habe, sagte Heidegger, sei ihm «vieles vordem Quälende und Dunkle hell und befreiend geworden». Er verstehe das Mittelalter und die Entwicklung der christlichen Religiosität ganz neu. Es hätten sich ihm «ganz neue Perspektiven der religionsphilosophischen Problematik ergeben».

Bereits nach zwei Jahren brach Heidegger die Ausbildung zum Priester ab und wandte sich dem Philosophiestudium zu. Einige Jahre später heisst es, «erkenntnistheoretische Einsichten» hätten ihm «das System des Katholizismus problematisch und unannehmbar gemacht - nicht aber das Christentum und die Metaphysik, diese allerdings in einem neuen Sinne». Der junge Philosoph las überraschend viel Theologisches: die Reden Schleiermachers, Rudolf Ottos «Das Heilige» und sehr früh auch Karl Barths Römerbriefkommentar. Die Auseinandersetzung mit der Mystik wurde wichtig. In seinen Vorlesungen legte er den Galaterbrief aus und handelte von «Augustinus und de[m] Neuplatonismus». Hier finden sich schöne Aussagen über den Begriff der Liebe: «Die eigentliche Liebe hat die Grundtendenz auf das dilectum, ut sit. Liebe ist also Wille zum Sein des Geliebten.» Wie Pöggeler interpretierend ausführt: «Die mitweltliche Liebe hat den Sinn, dem Geliebten zur Existenz zu verhelfen.» Aus diesem «Bezug auf Augustinus» entwickelte Heidegger eine «Lieblingswendung», das «Volo, ut sis». Liebe heisst: Ich will, dass du bist. Auch Heideggers Schülerin und Freundin Hannah Arendt übernahm diese Formulierung.

Zu Beginn des Wintersemesters 1923/24 trat Heidegger eine Professur in Marburg an. Die vorübergehende Zusammenarbeit mit Rudolf Bultmann begann, an dessen Seminar «Die Ethik des Paulus» er sofort teilnahm und zu dem er das Referat «Das Problem der Sünde bei Luther» beitrug. - Solche Einzelheiten bringen es mit sich, dass man Pöggelers Buch trotz der am Anfang genannten Mängel mit Gewinn liest.

Otto Pöggeler: Philosophie und hermeneutische Theologie. Heidegger, Bultmann und die Folgen. Wilhelm-Fink-Verlag, München 2009. 320 Seiten, Fr. 67.–.

Frank Jehle war Seelsorger und Dozent an der Universität St. Gallen. Heute ist er freischaffend und lebt in St. Gallen.

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