Marlise Schiltknecht ist Beauftragte für Diakonie in St. Gallen und servierte einst in der Zürcher Kronenhalle.
Von Matthias Böhni *
Und wieder so ein farbiger, nicht zu erfindender Mensch! Marlise Schiltknecht wollte sich zuerst nicht porträtieren lassen, und das passt zu ihr. Die bald 50-jährige Appenzellerin ist mit sieben Geschwistern in einer Bauernfamilie aufgewachsen und macht nicht viel Aufhebens von sich. Pathos, Egozentrik, Churchspeak liegen ihr fern. Dafür hat sie gerne Resultate.
Zum Beispiel in ihrer Arbeit als Be-auftragte für Diakonie der reformierten St. Galler Kirche, die sie seit neun Jahren ausübt. Unter ihrer Ägide ist etwa die Anlaufstelle «Koala» entstanden, die das Heks vor kurzem übernommen hat. Sie hat auch Treffpunkte im ganzen Kanton für Menschen angestossen, die in prekären finanziellen Verhältnissen leben.
«Dort werden Lebensmittel günstiger abgegeben, die Leute können sich vernetzen, es öffnen sich Türen. Wichtig ist, die Armut sichtbar zu machen. Oft wissen wir nicht, wen es betrifft, und von alleine kommt niemand», sagt Marlise Schiltknecht.
Die Arbeit sei eine Gratwanderung: «Man darf die Leute nicht bevormunden, sie sollen ihre Würde wieder spüren.» Zudem dürfe sich Diakonie nicht auf Kosten der Armen aufspielen, um an mehr Spendengelder heranzukommen. Das Engagement soll aus dem Herzen kommen.
Marlise Schiltknecht weiss, wie es ist, in «besonderen Konstellationen» zu leben. Ihre unmittelbar älteren Geschwister waren Zwillinge, die jüngeren auch. 1980 schloss sie eine Koch- und Servicelehre ab, arbeitete in der Zürcher Kronenhalle, bediente Inge Meysel, Udo Jürgens oder Karl Schweri. Gleichzeitig sah sie die weniger glamouröse Welt der Küchenhilfen aus Portugal.
Die Mutter dreier heute erwachsener Kinder liess sich später scheiden und war oft für Verdienst und Kinder allein zuständig. Als Hobbys nennt sie übrigens «Möbel restaurieren» und «Lehmwände verputzen».
1996 absolvierte sie die Schule für Sozialbegleitung in Zürich, und 2007 schloss sie einen dreijährigen Theologiekurs ab. Bald wird sie Grossmutter, und 2009 schaffte sie es sogar ins Guinnessbuch der Rekorde: Am Uno-Tag zur Überwindung der Armut brieten sie und eine Selbsthilfegruppe das grösste Rührei der Welt, 530 Kilo schwer.
Vielleicht haben diese Konstellationen ein bestimmtes Sein gefördert: das Unterwegs-Sein. Und ein bestimmtes Denken. Immer wieder fragt sie sich: Ist es das, was ich will? Nützt es etwas? Ist es wichtig? Und sagt schliesslich den Satz, der dem Schreibenden am meisten imponiert: «Nicht mehr zweifeln ist gefährlich.»
* Matthias Böhni ist Redaktor bei der Reformierten Presse.
Quelle: Reformierte Presse 5/10.
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