«Der Lehrer schlug vor, die Turnhalle in der Synagoge zu bauen»

Otto Bächli, 1952 (Bild: zvg)

Pfarrer Dr. theol. Otto Bächli, Jahrgang 1920, 5726 Unterkulm AG
(aufgezeichnet von Monika Dettwiler)

Der Judenfriedhof machte mir grossen Eindruck
Ich bin aufgewachsen im Surbtal, in der Nähe der deutschen Grenze. In Endingen und Lengnau, gab es ziemlich viele Juden in jener Zeit. Der Vater leitete eine Fuhrhalterei. Dazu gehörte noch der jüdische Leichenwagen, und der stand in unserem Schopf. Als Kinder spielten wir manchmal da drin, aber der jüdische Wagen war tabu. Ich ging oft mit Vater zum Judenfriedhof zwischen den beiden Dörfern, er hiess «der gute Ort». Nie wurde dort ein Grab aufgehoben. Die Gräber bestanden seit 1750, und die Grabsteine waren total überwuchert. Dieser markante Judenfriedhof machte mir grossen Eindruck. In Endingen war ein schlechter Lehrer, und als es um die Frage ging, wo die Turnhalle gebaut werden sollte, schlug er bei Kriegsanfang vor, sie im «Fremdkörper Syndagoge» zu bauen. Der Lehrer musste das Dorf bald verlassen.

Wir sprachen Jiddisch mit jüdischen Kindern
Ich ging in die Kantonsschule und arbeitete während der Ferien in der Gemeindekanzlei. Dort hatte ich Zugang zu den Akten, ich sah die Weisungen von Bern und was bei Kriegsabteil zu geschehen hatte. Die Juden waren gesondert aufgeführt, denn bei Gefahr hätte man sie an einen speziell geschützten Ort evakuiert. Das Verhältnis zu den Juden war hier gut.

Einmal fuhr ich mit der Mutter von Aarau heim mit dem Postauto. Ein Jude mit Gepäck fragte mich vor dem Aussteigen, ob ich ihm die Koffern heim trage. Da er nicht alt war, sagte ich nein. Mutter schalt mich und erklärte, der Mann dürfe nichts tragen, weil schon Sabbat sei.

Wir hatten ein Bauernhaus mit vier Wohnungen, und in einer lebten Juden. Wir sprachen auch Jiddisch im Umgang mit jüdischen Kindern. Wohl aus diesen Erfahrungen heraus wurde später mein Hang zum Alten Testament und zum Hebräischen sehr stark.

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