Gut gemeint und doch gefährlich?

(Bild: picture-alliance)

Das christliche Hilfswerk Open Doors nimmt sich bedrohter Christen an – und befindet sich auf einer Gratwanderung: Die Organisation informiert regelmässig über verfolgte Christen. Wie neutral sind die Informationen? Betreibt Open Doors Schwarzmalerei und ruft damit die Probleme erst hervor, die sie lösen will?

Von Matthias Böhni *

Seit 1993 erstellt Open Doors den «Weltverfolgungsindex», ein Ranking, bei dem jene Staaten zuoberst sind, die den christlichen Glauben angeblich am meisten einschränken. Laut Daniel Gerber, Informationsbeauftragtem von Open Doors Schweiz, verschickt das Hilfswerk seit 2008 pro Woche eine Pressemitteilung. Und dort steht in der Regel Beängstigendes: Überall werden Christen verfolgt, geplagt und ausgewiesen. Woher bezieht Open Doors die Informationen?

«Von einer internen Nachrichtenagentur mit christlichem Hintergrund, die in den rund 50 Ländern arbeitet, in denen auch Open Doors tätig ist», erläutert Gerber. Mehr könne er nicht sagen, da man die Informanten nicht gefährden wolle.

Journalistische Kriterien
Als Beispiel, wie man zu Nachrichten komme, erwähnt er eine Anwaltskanzlei in Pakistan, die verfolgte Christen vertrete und Informationen ausgewählten Medien weitergebe. Gerber betont, dass journalistische Kriterien gälten und die Informanten nüchtern berichteten. Er räumt ein, dass diese Meldungen oft bedrückend klängen. Man wolle daher in Zukunft vermehrt positive Nachrichten bringen.

Open Doors ist ein überkonfessionelles Hilfswerk mit freikirchlichem Hintergrund (zumindest in der Schweiz), das zum grössten Teil durch Spenden finanziert wird, gemäss Gerber auch von reformierten Kirchgemeinden aus fast allen Kantonen. Gegründet wurde es 1955 vom Holländer Anne van der Bijl, der Bibeln mit einem VW-Käfer in den Ostblock schmuggelte. Noch heute werden Bibeln in Länder gebracht, wo die Bibel verboten ist. Die Schweizer Abteilung wurde 1979 gegründet, noch vor der deutschen Filiale, und nun möchte man laut Gerber von der Schweiz aus auch eine in Österreich errichten.

Doch so edel die Aufgabe tönt, hat sie doch auch problematische Seiten. Auf der Website der deutschen Open-Doors-Filiale (www.opendoors-de.org) ist beispielsweise zu lesen, dass man 2007 250?000 Kinderbibeln in Ägypten verteilt habe. Schafft damit Open Doors die Probleme, über die sie nachher berichtet? 

Daniel Gerber verneint. «Wir verteilen die Bibeln auf Wunsch der einheimischen christlichen Bevölkerung. In Ägypten herrscht zudem offiziell Meinungsfreiheit. Wir unterstützen lediglich die einheimischen Kirchen und senden keine Missionare.» In China hätten die ins Land geschmuggelten Bibeln sogar dazu geführt, dass nun legal Bibeln gedruckt werden könnten.

Skeptisch gegenüber Organisationen wie Open Doors ist Philippe Dätwyler. Er ist Kulturbeauftragter der reformierten Landeskirche Zürich, Sekretär des «Interreligiösen Runden Tisches im Kanton Zürich» und hat das Positionspapier der Zürcher Kirche «Kirche und Islam» redaktionell bearbeitet. «Natürlich ist es nicht nur legitim, sondern wichtig, den bedrängten Christen zu helfen», sagt er. Andererseits könne man sie auch in Gefahr bringen, wenn man dies unbedarft oder mit offensichtlich missionarischen Absichten mache. Wenn Organisationen wie Open Doors oder Christian Solidarity International bei ihren Länderberichten wie in einem Schwarzbuch nur alles Negative auflisteten und die Komplexität, die in solchen Konflikten steckten, systematisch ausblendeten, trage dies zu einer Dämonisierung dieser Länder oder einer ganzen Religion, wie etwa des Islams, bei.

«Auch Aktionen wie Bibeln- verteilen in muslimischen Ländern können fatale Nebenwirkungen haben und die Spannungen zwischen Muslimen und Christen noch anheizen», so Dätwyler. Wenn man sich über Übergriffe gegen Christen informieren wolle, könne man dies auch bei der Gesellschaft für bedrohte Völker oder beim UNHCR, dem Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen, tun.

Der Komplexität Rechnung tragen
Der Komplexität von religiösen Konflikten eher Rechnung trage beispielsweise das Projekt «Religion in Freiheit und Würde» von Mission 21, das versuche, Brücken zu bauen und das gegenseitige Verständnis zu fördern. Auf diese differenzierte Art helfe die reformierte Zürcher Landeskirche etwa auch den bedrängten Christen im Nordirak.

Matthias Böhni ist Redaktor der Reformierten Presse. 

Quelle: Reformierte Presse Nr. 35/2010

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