Reformierte Kirche in der deutschen Schweiz : «Familienarmut geht uns alle an!»

«Familienarmut geht uns alle an!»

09.11.09 15:28

Von: refbejuso

Am 11. November suchten Vertreterinnen und Vertreter der Berner Kirchen und anderen Institutionen nach Lösungen, wie Familiennot verhindert oder zumindest gelindert werden kann. Die Kernbotschaft des kürzlich vorgestellten kantonalen Familienkonzepts, Ergänzungsleistungen für Familien einzuführen, wurde einstimmig begrüsst. Zur Tagung eingeladen hatten die Interkonfessionelle Arbeitsgruppe Sozialhilfe (IKAS) und die Berner Konferenz für Sozialhilfe und Vormundschaft (BKSV).

«Vor Gott sind alle gleich. Und das Christentum war immer die Bewegung der sozial schlechter gestellten.» Daran sollten sich die Kirchen erinnern, forderte Christoph Sigrist Pfarrer und Dozent für Diakoniewissenschaft an der Uni Bern. Dass dereinst ein ehemaliger Konfirmand Lebensmittel bei der Aktion «Tischlein deck dich» beziehen würde hätte Andreas Zeller, Synodalratspräsident der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn nicht gedacht: «Dieser flotte junge Mann arbeitslos und arm - das hat mich sehr betroffen gemacht.» Angesichts der Fakten zur Familienarmut im Kanton Bern müssten sich alle engagieren, betonte Thomas Studer, Geschäftsleiter Caritas Bern: «Familienarmut geht uns alle an!»
Dem Sozialbericht des Kantons Bern ist zu entnehmen, dass Menschen die in Familien leben am meisten armutsgefährdet sind. Selbst bei voller Erwerbstätigkeit reicht das Einkommen oft nicht – Working Poor, im Kanton Bern sind 20'000 Kinder arm. Das vorgestellte Berner Familienkonzept solle laut Pascal Coullery, stv. Generalsekretär der Gesundheits- und Fürsorgedirektion verhindern, dass Familien in die «Sozialhilfe abgedrängt werden». Kern des Konzepts ist die Einführung von Ergänzungsleistungen für Workingpoor-Familien, flankiert durch eine bessere Vernetzung der Beratungsangebote für Familien und dem Ausbau des familien- und schulergänzenden Kinderbetreuungsangebots.

Familienarmut wirkungsvoll verhindern
Andrea Lüthi, Grossrätin und Geschäftsleiterin der BKSV sagte, im Kanton sei schon viel erreicht worden, es gelte nun Lücken zu schliessen. «Wir müssen die soziale Vererbung der Armut stoppen. Schlechter gestellte Eltern haben ungenügende finanzielle Mittel um ihre Kinder schulisch zu fördern und eher eine niedrige Bildungserwartung an ihre Kinder. Sie möchten, dass die Jugendlichen möglichst rasch mitverdienen.» Die Idee Ergänzungsleistungen für bedürftige Familien einzuführen sei eine wirksame Massnahme, welche die administrativ aufwändige und für die Armutsbekämpfung wenig hilfreiche Sozialhilfe ablösen sollte.
Die Frage der ausreichenden Entlöhnung beantwortete Ueli Studer, Direktionsvorsteher Bildung und Soziales Köniz: «Ja, ich bin auch für rechte Löhne. KMUs übernehmen eine grosse soziale Verantwortung, das sollen sie weiter tun können. Man darf den Unternehmern aber nicht noch mehr Auflagen machen. Ich appelliere für mehr Unterstützung, damit auch Menschen in den Arbeitsprozess integriert werden können, die auf ein Coaching im Betrieb angewiesen sind.» Studer lieferte ein gelungenes Beispiel für ein vereintes Vorgehen: In Köniz wurde ein Runder Tisch eingesetzt an dem die Schulen, die politischen Behörden, die KMUs, der Sozialdienst und die Vormundschaftsbehörde vertreten waren. Es gelang für 15 Jugendliche ein Lehrstellenangebot in der Gemeinde zu vermitteln.


Kommentare
Keine Anmerkungen