Depression überschattet auch den Glauben


15.04.2011 00:00
Von: Herbert Pachmann

Menschen mit psychischen Erkrankungen verlieren oft den Zugang zur Religion
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Depression ist die am häufigsten auftretende psychische Erkrankung. Herbert Pachmann hat mit Pfarrer Rolf Bärtsch, Seelsorger im Kantonsspital Graubünden, über die Zusammenhänge von Depression und Religion gesprochen.

<div class="fotobylines">Foto: zvg</div><div class="legenden">Der Spitalseelsorger Pfarrer Rolf Bärtsch will Prozesse der Selbstklärung initiieren.</div>

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Der Spitalseelsorger Pfarrer Rolf Bärtsch will Prozesse der Selbstklärung initiieren.

und bestimmten Haltungen in der Gesellschaft einfach nicht mehr umgehen.

Also eine Art Verweigerung?
Ja, eigentlich reagieren sie ganz gesund auf eine persönliche Situation, die sie krank macht. Wenn die Seele nicht reagieren würde, wäre das ja fatal. Vielleicht zeigen Depressive im Kern ganz gesunde Reaktionen.


Welche Funktion hat Religion?

Religion schafft Sinn, sie ermöglicht ein vertieftes Gefühl von Kontrolle und verstärkt das Wohlbefinden. Ausserdem schafft sie Beziehung und unterstützt per-sönliche Veränderungsprozesse.

Kann man das auch jungen Menschen vermitteln, die kaum noch in Glaubenszweifel geraten?

Ich glaube schon. In einem Gruppengespräch haben sich kürzlich nur zwei als Atheisten bezeichnet. Doch auch sie haben ein allgemeines Gefühl, dass Religion Halt und Geborgenheit gibt.

Können Sie den Patienten helfen, ihre Krankheit zu akzeptieren?

Wir versuchen schwierige Situationen zu klären und emotional zu bewältigen. Dabei kommen wir auch zur Frage nach dem tieferen Sinn der Krankheit. Das können wir miteinander bearbeiten. Die Antwort freilich muss sich der Patient dann selbst geben, nicht ich.

Und wie gelingt das?

Ich vergleiche unsere Gespräche mit der Hebammenkunst. Im Gespräch soll herausgeholt werden, was der Mensch in sich hat.

Wie meinen Sie das?

Ich bin überzeugt: Der Mensch hat alles in sich, was er zum Leben braucht. Im Moment weiss er es vielleicht nicht. Da versuche ich eine Art Geburtshelfer zu sein. Ich pflanze also nichts Neues in ihn hinein, sondern schäle heraus, was verborgen da ist. Wir initiieren also Prozesse der Selbstklärung. Wenn das gelingt, haben wir viel erreicht.

Reformierte Presse: Welche Zusammenhänge sehen Sie?

Rolf Bärtsch: Menschen werden depressiv, weil ihnen der Glaube verloren gegangen ist. Häufiger aber verlieren sie den Glauben, weil sie an Depressionen leiden.

Wie äussert sich das?

Sie haben rasch das Gefühl, dass Gott sich von ihnen abwendet. Diesen Rückzug deuten sie als Bestrafung für mögliche Sünden. Damit verstärkt sich dann das Gefühl: «Ich bin ein schlechter Mensch.»

Und dann?

Patienten erleben einen Kontrollverlust über ihr Leben und geraten in Hilflosigkeit. Sie fühlen sich ausgeliefert an das Schicksal und wollen es einer höheren Macht anvertrauen. Sie suchen Kontrollgewinn durch Kontrollverzicht.

Was tun Sie als Seelsorger?

Ich sage ihnen die «frohe Botschaft». Ob sie wirklich ankommt, ist schwer zu sagen. Ich kann dann auch sagen: «Ich glaube für dich, bis du es selber wieder kannst.»

Reicht das?
Wir können mehr: Rituale begehen, Segensworte sprechen, beten, eine Kerze anzünden. All das wird sehr geschätzt. Sie wollen mitunter einfach ein Lied singen oder beten. Dann gehe ich mit ihnen in die Kapelle. Erst später, wenn sie ihr Leben wieder heller erleben, können wir auch über theologische Themen sprechen.

Welche wären das?

Da geht es um Schuld und Vergebung, um Zerrissenheit und Versöhnung, um Karfreitag und Ostern. Zunächst ist es entscheidend, das Leiden ernst zu nehmen. Man muss es bearbeiten können. Aber das ist nicht das letzte Wort, denn Ostern ist stärker als Karfreitag. Sobald sich das Krankheitsbild aufhellt, zeigt sich, dass Sünde und Gottesverlust kaum noch eine Rolle spielen.

Was sind die Ursachen für die steigende Zahl an Depressionen?

Dafür gibt es unterschiedliche Er-
klärungen. Ich habe da meine eigene Ansicht und sehe in der Depression auch einen Rückzug. Menschen wollen mit dem Druck



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