«Humor ist wie ein Mantel, den man jemandem hinhält, damit er einsteigen kann»

Roman Angst. (Bild Tula Roy)

Religion und Humor machen fit für den Alltag, lösen Krämpfe und überwinden den Tunnelblick. Der Schuss kann aber auch nach hinten losgehen. Roman Angst, Witzkenner und reformierter Pfarrer an der Zürcher Bahnhofkirche, über den Reiz des Witzes. Die Fragen für ref.ch stellte Matthias Böhni.

Roman Angst, können Sie den folgenden Witz erläutern? «Ein Christ und ein Atheist treffen sich. Da fragt der Christ: Was bedeutet dir Jesus? Der Atheist: Der ist für mich gestorben. Meint der Christ: Komisch für mich auch.»
Roman Angst:
Wenn man Witze erklärt, verlieren sie an Gehalt. Hier bedeutet das Gleiche aus verschiedenen Blickwinkeln eben nicht das Gleiche. Das gibt eine fruchtbare Spannung, die zum Nachdenken anregt. Und sie kommt so rasant, dass man lacht.

Versöhnen sich bei diesem Witz die entgegengesetzten Standpunkte?
Ich glaube nicht. Ich möchte mir nicht überlegen müssen, wie das Gespräch weitergeht. Das zerstört den Witz. Ich könnte mir vorstellen, dass der Atheist böse wird und der Christ lacht.

Ich hätte gedacht, der Christ wird böse.
Das ist eben die Spannung, die aufgeht. Deshalb muss ich mir bei jedem Witz zuerst überlegen, wem vor welchem Hintergrund ich ihn erzähle. Diesen Witz einem sehr frommen Menschen zu erzählen bringt wahrscheinlich nichts. Das ist ja das Thema bei den Mohammed-Karikaturen.

A propos Mohammed-Karikaturen: Sind gewisse Religionen geeigneter für Humor als andere?
Nein, Humor hat in erster Linie mit Menschen zu tun, es gibt in jeder Religion humorvolle und humorlose Menschen.

Aber der Islam ist doch eher humorresistent…
Das sind Klischees. Wir kennen den Islam zu wenig. Till Eulenspiegel-Figuren kennt der Islam auch, Nasreddin Hodscha ist ihr Eulenspiegel. Auch bei den Witzen gilt: Die Fremden bleiben uns fremd, wenn wir sie nicht kennenlernen.

Aber am lustigsten sind die jüdischen Witze, einverstanden?
Es gibt nicht den jüdischen Humor, der auf alle Juden zutrifft. Was wir als jüdischen Humor bezeichnen, ist jener des osteuropäischen Schtetls. Es war der Humor von Juden, die sehr schlechte Lebensbedingungen hatten und mit dem Humor ihre Welt bewältigt haben. So wie der Humor von Martin Luther auch nicht als typisch evangelisch gelten kann. Es gibt auch viele jüdische Insiderwitze, zu denen man keinen Zugang hat, wenn man das Judentum nicht sehr gut kennt.

Welchen Zusammenhang haben Religion und Humor?
Ganz generell: Beide wollen uns fit machen, bestimmte Situationen auszuhalten, zu überstehen, zu meistern. Beide entsprechen zudem einer Haltung, die sehr im Moment, im Hier und Jetzt lebt. Sowohl beim Humor wie auch in der Religion ist man idealerweise bereit für das, was jetzt kommt, inklusive des Todes. Wenn man das noch mischt, dann wird’s ganz besonders gut. (lacht)

Gibt es reformierten Humor?
Ja, für mich gibt es ihn. Ich illustriere ihn anhand einer Geschichte: Der Hund eines Pfarrers streunte auf dem Friedhof. Die Kirchenpflege schrieb dem Pfarrer darauf einen Brief, dass das nicht gehe. Der Pfarrer schrieb zurück: «Ich habe Ihren Brief dem Hund vorgelesen.» Das ist für mich reformierter Humor: Wenn man ganz auf der sachlichen, bescheidenen, neutralen, etwas bürokratischen Ebene bleibt. Wenn man Dinge ausführt nach dem Buchstaben und damit gleichzeitig kritisiert, das man das auch anders hätte tun können – nämlich im direkten Gespräch. Heute würde man sagen: Die Kirchenpflege und der Pfarrer brauchen Beratung. (lacht schallend)

Sie sind Seelsorger in der Zürcher Bahnhofskirche. Braucht es da speziellen Humor?
Es braucht überhaupt Humor, nämlich eine wache, offene Haltung mit einem Lächeln. So wie man den Klienten begegnet, so kommt es zurück. Die humorvolle Haltung ist auf beiden Seiten ein Schlüssel.

Welche Rolle kann Humor in der Seelsorge übernehmen?
Humorvolle Gleichnisse und auch Witze können etwas verdeutlichen und einem Leben eine neue Richtung geben. Mein Hobby ist es, die Menschen zu etwas Bekömmlicherem einzuladen, indem ich den Humor als Werkzeug gebrauche. Lachen bewirkt eine Lösung. Wenn ich einen Witz, eine überraschende Bemerkung oder eine passende Geschichte zur berichteten Situation erzähle, hören die Leute zu und sind mit dem Lachen oder Nachdenken nachher befreiter. Witze machen offen und legen den Fokus anders, sie generieren Ideen. Witze reissen auf, sie beflügeln. Das ist mein Stil der Beratung. Vielleicht hilft das auch mir zu überleben.

Ein Beispiel?
Kürzlich erzählte mir jemand eine Geschichte, die immer dunkler und schwerer wurde und auch mich hinunterzog. Ich rief: «Ich habe meine Badehose nicht dabei, ich will nicht ins schwarze Loch stürzen!» Nachdem wir gelacht hatten, konnte mir die Person erzählen, was es auch Positives in ihrem Leben gibt.

Aber die Badehose hatte keinen Zusammenhang.
Nein, das ist eben der Sprung in der Schüssel. (lacht)

Ein Seelsorger, der nun zwanghaft Witze wälzt, kommt kaum auf einen grünen Zweig.
Nein. Bei mir kommt es wirklich von innen, ich hatte das Glück, Verwandte zu haben, die immer Witze erzählten. Und wenn Sie einmal beginnen, Witze zu erzählen, dann werden Ihnen auch Witze zugetragen.

Wie viele Witze sind in Ihrer Witzsammlung?
Die hab ich noch nie gezählt, das interessiert mich nicht. Es sind Tausende, und nicht alle sind lustig. Bei manchen liegt der Witz in der Wiederholung. (schmunzelt)

Was würden Sie machen, wenn die Leute nun nur noch wegen Ihren Witzen in die Bahnhofkirche kommen?
Diese Gefahr besteht nicht – und wenn, hätte ich keine Angst davor. Zudem weiss ich immer drei Witze.

Was sagen Sie zu Giacobbo/Müller?
Sehe ich mir immer an, finde die Show aber nicht immer gleich lustig. Ich liebe es, wenn Mike Müller aus der Reserve kommt. Manchmal wünschte ich mir, sie hätten besseres Timing. Die Perfektion, die man von deutschen Kabarettisten kennt, erreichen sie nicht immer.

Wie behandeln die beiden Religion? Sie kommt ja immer wieder.
Ich finde, sie haben dazu nicht sehr viel zu sagen, weil sie keinen Bezug haben. Müller scheint mir ein bisschen mehr Respekt zu haben vor dem, was die Kirchen Gutes tun. Er bremst Giacobbo manchmal auch. Ich vermute, dass die beiden kirchliche Freunde haben, von denen sie hin und wieder Kritik hören müssen.

Zurück zur Seelsorge. Dort kann Humor auch heikel sein…
Beim Humor ist immer die Beziehung wichtig. Wenn ich sie falsch einschätze, kann ich bös landen. Humor ist wie ein Mantel, den man jemandem hinhält, damit er hineinsteigen kann, wie bei der Wahrheit. Dazu muss er aber passen. Man kann mit dem Humor auch an einer Oberfläche abschlittern und selber damit umfallen.

Beispiel?
Bei einem Vortrag in einer Kirchgemeinde erzählte ich einen Witz, den Karl Barth angeblich über sich selber erzählt hat: «Als Karl Barth in den Himmel kam, musste er zuerst eine Prüfung ablegen. Niemand traute sich zu, ihn zu prüfen, und so rief man den Heiligen Geist. Als nach Stunden Petrus in das Prüfungszimmer schaute, sagte er zu Jesus: Ich glaube, der Heilige Geist verliert.» Dieser Witz kam in dieser Gemeinde ganz schlecht an. Als Theologe unter Theologen kann ich ihn erzählen, aber nicht in einer Kirchgemeinde. Über den Heiligen Geist wird in der evangelischen Welt keine Witze gemacht. Am nächsten Tag hatte ich bereits 30 Briefe. Ich habe die Leute verletzt und mich dann entschuldigt.

Sollte man Humor in die seelsorgerliche Ausbildung integrieren?
Ja, das finde ich. Heute ist er bei fast allen pflegerischen Ausbildungen integriert. Die Spitäler sind schon früh draufgekommen, dass Humor in der Pflege hilft. Genauso hilft er in der Seelsorge. Er ist ein Werkzeug, das man überlegt benutzen soll. Auch in der Verkündigung und im Unterricht. Eine humorvolle Kirche ist auch eine erfolgreichere Kirche.

Sie haben das Lachen als «stationäres Joggen» bezeichnet.
Rein physiologisch löst das Lachen viel aus. Muskelverhärtungen werden aufgeweicht, der Puls steigt, verlangsamt sich auf eine natürliche Weise, Endorphine werden ausgeschüttet, die Stimmung wird aufgehellt. Da läuft ganzkörperlich sehr viel ab.

Was halten Sie von Monty Pythons Film «Life of Brian»?
«Life of Brian» ist für mich die Meisterprüfung des religiösen Humors. Wer sich seines Glaubens nicht sicher ist, der darf diesen Film tatsächlich nicht anschauen. Wer sich sicher ist, erhält hier noch die notwendigen Verunsicherungen und Fragen. Und ein herrliches Lied zum Schluss, das den Betrachter das ganze Leben begleiten wird – «always look at the bright side of life.»

Roman Angst ist 1953 geboren, hat in Zürich studiert, war später Pfarrer in Rafz und Hittnau. Er beschäftigt sich seit Kindesbeinen mit Witzen und erzählt sie leidenschaftlich gerne. Er schreibt auch einen Blog auf ref.ch, wo die Witze ebenfalls nicht zu kurz kommen.

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