Geht die Kirche unter, wenn das Jawort nur noch geblubbert wird?

Auf dem Schiff oder im Garten: Immer öfter wollen Menschen «outdoor» den kirchlichen Service nutzen. Erfüllt ein Pfarrer, der auf einem Berggrat tauft, einen wichtigen Auftrag, weil er zu den Leuten geht und mit ihnen feiert? Oder wird er zum blossen Event-Zampano? Outdoor-Heiraten und -Taufen sind in, werden aber innerkirchlich kontrovers beurteilt.

Von Matthias Böhni *

Auf einem Fussballplatz in Grenchen wollte Uwe Löhr seine Auserwählte Jacqueline Hari Anfang Juni 2008 heiraten. Doch der reformierte Pfarrer Samuel Wendel lehnte ab, und die Landeskirchen Bern-Jura-Solothurn stellten sich hinter ihn.
«In der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Grenchen-Bettlach halten wir daran fest, dass die kirchliche Trauung ein Gottesdienst ist. Und zu diesem gehört als Ort die Kirche – so wie ein Fussballmatch auf dem Sportplatz stattfindet», zitierte ihn die «Berner Zeitung».
Heiraten im Strafraum? Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Warum nicht Hochzeit feiern im U-Boot, im Heissluftballon, in der Sauna, im Internet? Warum soll ich mein Kind nicht im Zoo, auf dem Schiff oder in einer Lokomotive taufen lassen? Die Individualgesellschaft will Individuelles, auch bei der Kirche, und so gibt es immer öfter Anfragen für Hochzeiten und Taufen ausserhalb der gewohnten kirchlichen Räume.

Freiburg nein, Appenzell ja
Ob die reformierte Kirche darauf eingeht, hängt einerseits von den Pfarrpersonen ab, anderseits von den jeweiligen kantonalkirchlichen Bestimmungen. «Im Kanton Freiburg legen wir Wert darauf, dass unsere Kirchen mit kirchlichem Leben gefüllt werden. Darum finden eigentlich keine Outdoor-Kasualien statt», so der Freiburger Kirchenschreiber Peter Schneider.

In der reformierten Kirche beider Appenzell sind sie hingegen möglich: «Eine Feier kann ausser in der Kirche auch in anderen Räumen oder an anderen Orten stattfinden. Der Ort soll dem Grundanliegen der jeweiligen Feier entsprechen. Darüber befinden die Beteiligten», heisst es in der Kirchenordnung. «Leicht einschränkend, aber nicht verunmöglichend klingt der Artikel zur Taufe», so die Appenzeller Kirchenrätin Dorothee Dettmers Frey. Dort heisst es: «Die Taufe findet in der Regel in der Kirchgemeinde des Täuflings und in Verbindung mit einem Gottesdienst statt.»
Diese Formulierung könne natürlich offen verstanden werden. «Taufen und Hochzeiten im Freien, in Gärten, Innenhöfen, Schlössern liegen im Ermessensspielraum des jeweiligen Pfarrers», sagt dazu Ueli Wilhelm, Synodalrat mit dem Ressort Theologie der Evangelisch-reformierten Kirche Solothurn. Er habe demnächst zwei Trauungen ausserhalb von Kirchenräumen und führte auch schon Taufen in privaten Gärten oder Häusern durch, «obwohl mir bewusst ist, dass gemäss altreformierter Tradition Taufen nur im Gottesdienst vor der versammelten Gemeinde stattfinden sollten».

Aber gerade das werde immer öfter zum Problem, weil manche Familien so aufwendig gestaltete Taufen wünschten, dass sie den Raum eines Sonntagsgottesdienstes weit sprengen würden. «Der immer grösser werdenden Privatisierung des Glaubens ist meiner Meinung nach Rechnung zu tragen», so Wilhelm. Für die Kirche selbst sei es eine grosse Chance, ganz auf die feiernde Familie eingehen zu können: «Für mich waren diese Feiern immer eine grosse Bereicherung.»

Segnung und Sakrament
Zwischen Taufe und Hochzeit ist theologisch jedoch zu unterscheiden. «Die Hochzeit ist eine Segnung, die Taufe hingegen ein Sakrament, das zwingend zum Gemeindegottesdienst gehört», so Simon Weber, Kommunikationsleiter des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK). Bei einer Hochzeit sei die Gemeinde nicht eingeladen, «weil es aber ein öffentlichrechtlich finanzierter Service der Kirche ist, gibt es trotzdem einen gewissen Anspruch auf Öffentlichkeit».
Outdoor-Taufen seien nur möglich, wenn die ganze Kirchgemeinde dabei sein könne. Outdoor-Hochzeiten können für Weber in zwei Teilen stattfinden: «Der erste Akt sollte in der Kirche sein, für den zweiten kann man in den Luftballon steigen.»
Einer, der gezielt Outdoor-Taufen und -Hochzeiten anbietet, ist Jürg Rother, Pfarrer in Oberägeri, Kanton Zug. «Ich bin spezialisiert darauf, die Leute googeln mich deshalb.» Rund die Hälfte seiner Taufen und Hochzeiten spielen sich im Freien ab. «Ich hatte schon Taufen und Hochzeiten in Höhlen, Gärten, Pilgerkapellen, auf Schiffen diverser Seen und auf einem Berggrat, aber nicht am Fallschirm und auch nicht während eines Tauchgangs.»
Diese Situationen wären ihm zu wenig kommunikativ, und er hätte auch Angst. Er habe aber noch nie Anfragen für Locations gehabt, die völlig daneben gewesen seien. Das Argument, dass privatisierte Outdoor-Taufen ohne Anwesenheit der Gemeinde ihren Hauptzweck verfehlten, lässt er nicht gelten. «Meine Taufen sind öffentlich einsehbar, auch wenn sie nicht publiziert werden. An einer Taufe am Waldrand kann jedermann teilnehmen.»

Darüber hinaus gebe es keinen Hinweis im Evangelium, dass die Taufe in einer Kirche stattfinden müsse. Als das Neue Testament geschrieben worden sei, habe es ja noch gar keine Kirchen gegeben. «Wann ist Kirche? Das hängt sicher nicht vom Gebäude ab», sagt Rother. Er findet die Diskussion akademisch und anachronistisch. Früher, zu Gotthelfs Zeiten, habe sich die Gemeinde tatsächlich noch zum Gottesdienst zusammengefunden. «Aber wenn ich die Taufe heute normal im Gottesdienst mache, kommen sogar weniger Leute, weil sie sich am Kindergeschrei stören und sich als Fremdkörper empfinden.»

Zudem habe er zu den Tauffamilien ein viel intimeres Verhältnis, wenn er mit ihnen eine Outdoor-Taufe mache. Es sei auch inhaltlich tiefer. «Eine private Taufe hat theologisch einen Wert, die Tauffamilien kommen ganz bewusst», ist Rother überzeugt. Dazu komme, dass die Leute das Bedürfnis nach solchen intimen Formen nun einmal hätten.
«Wir müssen die Leute ernst nehmen. Wir müssen an die Luft und uns weder hinter Reglementen noch hinter Mauern verstecken.» Andernfalls gingen die Menschen einfach zu Ritualberatern, freischaffenden Theologen oder Freikirchen, «und die Landeskirche hat das Nachsehen». Sie sollte sich daher überlegen, ob nicht wenigstens pro Region ein Pfarrer Outdoor- Kasualien anbieten könnte.

Faule Ausreden
Ziemlich anders sieht das die Theologin Silvia Liniger von der Fachstelle Theologie der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn. Zwar seien im dortigen Kirchengebiet Outdoor-Feiern in einem gottesdienstlichen Rahmen erlaubt, «aber eine Privatisierung der Taufe ist nicht vorgesehen». Eine Taufe sei keine private Feier, sondern brauche Gemeinschaft, die das Ganze trage. Und wenn die Kunden zu freischaffenden Theologen abwandern? «Ich halte das für eine faule Ausrede», sagt Silvia Liniger, «es geht doch darum, in den Vorgesprächen Gegensteuer zu geben und die Vorteile des Eingebettetseins in der Gemeinschaft zu zeigen.»

Die Pfarrerin dürfe nicht zur Zeremonienmeisterin verkommen, bei der man aus dem Katalog die hippsten Tauf- und Trauformen auswählen könne. «Es hängt natürlich sehr vom Pfarrer ab, wie er sich zu solchen Outdoor-Kasualien stellt», sagt Silvia Liniger. Die Pfarrperson solle auf persönliche Wünsche so weit als möglich eingehen, aber es habe Grenzen. «Sonst ist ein freischaffender Theologe oder ein Ritualberater wirklich geeigneter.» Dort habe man dann aber nicht den Rückhalt der Landeskirche. «Kurzfristig mögen solche Event-Kasualien die Leute bei der Stange halten, aber wie sieht das langfristig für die Kirche aus?»

Zurück an den Anfang. Der fussballbegeisterte Löhr hat dann doch noch einen Pfarrer gefunden, so die «Berner Zeitung», der das Paar auf dem Fussballplatz getraut hätte – leider gab es eine Terminkollision mit dem FC Wacker Grenchen, so dass diese spezielle kirchliche Hochzeit erst einmal verschoben werden musste.

* Matthias Böhni ist Redaktor bei der Reformierten Presse.

Quelle: Reformierte Presse Nr. 24/08.

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