Ein Spezialist für norwegische Stabkirchen

(Bilder zvg)

Micha L. Rieser hat für die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia zahlreiche Artikel über Kirchen verfasst.

Von Isabella Seemann *

Was sind Stabkirchen? Wer wirkte in der Stadtkirche Bremgarten AG? Früher schlug man Wissenswertes in Lexika nach. Heute liest man sich in Wikipedia fest. Vor zehn Jahren ging die Enzyklopädie, die freien Zugang zum Wissen gewährt, online. Einer der Tausenden «Wikipedianer», die an der deutschsprachigen Version des Nachschlagewerks arbeiten und dieses somit erst ermöglichen, ist der Zürcher Informatikingenieur Micha L. Rieser (35). «Etwas in Erfahrung zu bringen und Wissen zu sammeln ist zutiefst menschlich». Er strahlt. «Das bereitet wirklich Freude.»

Vor fünf Jahren hat er seinen ersten Artikel geschrieben, über Pfeffer. Bald widmete er seine Freizeit und ganze Ferienwochen damit, sein Wissen in die Enzyklopädie einzubringen – freiwillig und ohne Lohn. «Der wissenschaftliche Begriff für Mensch ist schliesslich Homosapiens, und nicht Homo oeconomicus», begründet er seinen Antrieb. Rund 250 Artikel hat er mittlerweile geschrieben und mehrere Hundert redigiert. Seine Themenschwerpunkte sind Zürich, Webspinnen und Trilobiten. Jene Artikel über die skandinavischen Stabkirchen, die während der Übergangszeit von der heidnischen Religion zum Christentum gebaut wurden, erhielten das Prädikat «lesenswert».

Seriöse Arbeit ist ihm wichtig. Mit Fussnoten macht er auf der Seite kenntlich, auf welche Quellen sich seine Inhalte stützen. Um das historische Quellenmaterial über Stabkirchen verstehen zu können, lernte er sogar Norwegisch. Er forschte in Archiven, las viele Bücher. Sein Artikel über die Stadtkirche Bremgarten, wo Heinrich Bullinger senior die ersten Zeichen der Reformation setzte, und später sein Sohn, der Reformator Heinrich Bullinger während zwei Jahren wirkte, wurde gar mit der Auszeichnung «exzellent» gewürdigt.

Das Interesse für die Stadtkirche liegt in seiner Kindheit begründet: Micha Rieser ist aufgewachsen im Organistenhaus auf dem Michaelsgrund der Stadtkirche St. Nikolaus, die drei Mal rekonziliert wurde und heute wieder katholisch ist. Sein Vater, ein ehemaliger katholischer Priester, war dort Pastoralassistent, er selbst war Ministrant. «Aber wir hatten ein ziemlich reformiertes Verständnis», sagt er über seine christliche Erziehung. Inzwischen hat sich Micha Rieser von der Kirche entfernt, er bezeichnet sich als Atheist. Das Interesse an Religionen und an Mystik hat er sich aber, wie so viele Atheisten, bewahrt. Und je intensiver er für Wikipedia recherchiere, desto mehr erfahre erselbst. «Wissen bedeutet mir denn auch weit mehr als materieller Gewinn.»

* Isabella Seemann ist freie Journalistin in Zürich.

Quelle: Reformierte Presse 15/16 2011

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