«Kirche soll auch ein Zeichen gegen reich, schön, erfolgreich sein»

(Bild Herbert Pachmann)

Marianne Schläpfer strahlt Klarheit und verbindliche Freundlichkeit aus und lässt auch beherzte Züge ahnen. Sie ist reformierte Pfarrerin am Schweizerischen Epilepsie-Zentrum Zürich.

Von Herbert Pachmann*

Weil die Weihnachtsspiel-Proben angelaufen sind, war es nicht einfach, einen Termin zu bekommen. Marianne Schläpfer führt mich über das Gelände, eine junge Frau tritt uns in den Weg: «Ich mache beim Weihnachtsspiel nicht mit. Das habe ich so beschlossen.» Sehr strikt, denke ich. Marianne Schläpfer lächelt mild und meint. «Naja, in ein paar Tagen sieht das schon wieder anders aus.»

Realität am Schweizerischen Epi-lepsie-Zentrum (EPI), das neben der Klinik auch ein Wohnheim für geistig behinderte Menschen mit Epilepsie führt. Der Arbeitsort von Marianne Schläpfer, einer Frau, die Klarheit und verbindliche Freundlichkeit ausstrahlt, zudem sehr aufmerksam ist und auch ihre beherzten Züge ahnen lässt.

Sie sagt von sich: «Ich bin liberal-reformiert aufgewachsen. Seit meiner Kindheit aber beschäftigte mich die Frage nach dem Sinn des Lebens.» So begann sie nach einer Lehre als medizinische Laborantin und einigen Berufsjahren mit Ende zwanzig ein Theologiestudium in Zürich und Tübingen. Anschliessend arbeitete sie im Gemeindepfarramt, merkte aber bald, dass ihr dieser Dienst nicht entsprach. Seit fast 20 Jahren ist sie nun Spitalseelsorgerin und schätzt die Trennung von Arbeits- und Privatbereich.

Was unterscheidet ihren Dienst von anderen Spitalseelsorgern? Marianne Schläpfer: «Die Menschen sind länger hier. Manche für immer. Man kennt sich also.» Die einen kommen regelmässig zum persönlichen Seelsorgegespräch, andere in Bibelstunden oder Gesprächsrunden.

Die Pfarrerin arbeitet viel mit Bildern, Gebeten, Liedern und Kerzen. In der eigenen Zentrumskirche wird jeden Sonntag Abendmahlsgottesdienst gefeiert. Sie selbst geht am liebsten in einen traditionellen Gottesdienst.

«Nach wie vor», sagt sie, «fasziniert mich die Welt der behinderten Menschen. Was sie auszeichnet, ist ihre psychische Präsenz, ihre Spontaneität und oft ein unverstellter Schalk.»

Ihre freie Zeit verbringt sie mit Lesen und Bergwandern. Seit Jahren lernt sie Arabisch und bereist die Länder des Nahen Ostens. Sie fühlt sich angezogen von den Menschen dort, den Städten, der Schrift und den Landschaften. Zur Zukunft der Reformierten sagt sie: «Kirche soll auch ein Zeichen sein.» Und wofür? «Für eine Gegenwelt – gegen reich, schön, erfolgreich.» Es überzeugt, wie sie es sagt.

Herbert Pachmann ist Redaktor bei der Reformierten Presse.

Quelle: Reformierte Presse 49/10


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