«Für das Pfarramt wäre ich zu ungeduldig»

(Bild zvg)

Die reformierte Pfarrerin Helen Jäggi Kosic ist selbstversorgende Bäuerin in Banja Luka, Bosnien, und bloggt auf ref.ch.

Von Matthias Böhni*

An ihr hätte Tolstoi Freude gehabt. Helen Jäggi Kosic, VDM von Herzen, dem klösterlichen Leben zugetan, lebt als Selbstversorgerin mit ihrem Mann auf einem 3,5-Hektaren-Hof in Banja Luka, Bosnien. Sie heut, nimmt Zwetschgen vom Baum, erntet Getreide. Ein gottgefälliges Leben.

Stimmt – und stimmt auch nicht. Helen Jäggi Kosic ist keinem Tolstoi-Roman entsprungen, dafür ist sie zu urban, witzig, quirlig. Aufgewachsen in Thalwil ZH wollte sie zuerst Archäologin werden, entschied sich dann für reformierte Theologie, «Geschichte, Sprachen, Psychologie, Pädagogik: Man kann alles ein bisschen, aber nichts recht», lacht sie. Sie hat zweieinhalb Jahre im Kloster Kappel gelebt und gemerkt: «Die Kirche muss verwalten und rechnen, sie wartet nicht auf Visionäre.» Für das Pfarramt ist sie zu ungeduldig, «ich käme schnell ausser Atem».

Nach einem Gemeindepraktikum 1996 in Argentinien kam sie drei Jahre später über das Basler Katharinenwerk nach Bosnien, wo sie ihren Mann kennenlernte. Das Paar ging in die Schweiz. «Er machte eine besondere Karriere: Vom Ökonomiestudenten zum Tellerwäscher.» Es war kompliziert, und das Paar zog nach Banja Luka. Er arbeitet nun als Künstler und Lehrer, sie als Bäuerin, verdient sich ein Zubrot mit Übersetzen und kommt hin und wieder als Vikarin in die Schweiz.

Wenn sie spricht, unterbricht sie sich oft, denkt laut, kommt zu überraschenden Aussagen, die sie gleich widerruft oder erst recht bekräftigt – selbst eine schlechte Telefonleitung aus Banja Luka kann den Eindruck nicht verhindern.

Nun kann man der 36-Jährigen noch typisch helvetische Fragen stellen: Reicht das Geld? Und die Krankenkasse? Sie lacht und hat radikale Antworten, bei denen Tolstoi wohl genickt hätte: «Ich habe keine Krankenkasse und oft auch kein Geld. Ja und? Ich bin nahe am Leben. Das ist sehr befreiend. Ich atme, die Welt dreht sich weiter, verhungern werde ich nicht. Mein Leben macht mich glücklich.» Und: «Man kann nicht Gott und dem Mammon dienen.» Jetzt zögert sich aber doch ein wenig, nimmt den Satz ein bisschen zurück – und setzt ihn erst recht.

* Matthias Böhni ist Redaktor der Reformierten Presse.

Quelle: Reformierte Presse 38/2009.

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