Wenn eine Weltenbürgerin sesshaft wird

(Bild zvg)

Die neue Leiterin der Helferei Grossmünster in Zürich heisst Andrea König. Sie war zuvor Journalistin und IKRK-Delegierte.

Von Corina Fistarol*

Im Alter von 50 Jahren beschliesst Andrea König, in der Schweiz sesshaft zu werden: «Meine Arbeitskollegen wurden immer jünger, meine Eltern immer älter und ich hatte genug davon, immer wieder ein neues Zuhause und neue Freundschaften aufzubauen.» Sie habe lange und gerne im Ausland gelebt. «Nun sollen sich auch andere engagieren.»

Bereits während ihrer Feldforschung in Brasilien hat die Ethnologin ihre spätere Berufung erkannt: «Das Leben in den Favelas hat mich wachgerüttelt; ich wollte mich für Benachteiligte engagieren.» Nach dem Studium war Andrea König als Delegierte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Moçambique, Südsudan und Sri Lanka. Zurück in der Schweiz arbeitete sie als Redaktorin bei Radio DRS und bei der Tagesschau.
Ihr Mann zog als Auslandskorrespondent der «Neuen Zürcher Zeitung» nach Nairobi (Kenia), wo sie als freie Journalistin tätig wurde - fürs Schweizer Fernsehen und für diverse Zeitungen. Als Kennerin der Region der grossen Seen erlebte sie den Genozid in Ruanda und dessen Nachwehen im Kongo hautnah: «Ich war erschüttert von der Systematik des Völkermords.»
Nach einer weiteren Korrespondentenstelle im Nahen Osten übernahm sie in der Direktion für Entwicklungszusammenarbeit (Deza) den Ruanda-Desk. Später reiste sie nochmals fürs IKRK ins Ausland: als Sprecherin nach Jerusalem und Khartum (Sudan).


Nach so vielen Jahren des Umherziehens in der Welt geniesst sie in der Schweiz die Jahreszeiten, die Berge und ihre Freunde. «Ich muss auch nachholen, was ich an Literatur verpasst habe.» Und sie entdeckt Europa neu, mit anderen Augen. «Ich liebe klassische Musik, das Theater Rigiblick und das Zürcher Opernhaus.» Zum Fernsehen wollte sie nicht zurück: «Nachdem ich so viel Freiheiten hatte, selber Themen zu lancieren, wäre mir die Integration in diese Institution wohl sehr schwer gefallen.»

Ihre Leidenschaft für Kultur lebt sie an ihrer neuen Stelle als Leiterin der Helferei Grossmünster aus. «Ich kann hier viel selber gestalten und Themen setzen, die mir wichtig sind.» In der Positionierung erkennt Andrea König auch eine wichtige Aufgabe der Kirche. «Ich bin reformiert aufgewachsen. Das ist ein Teil meiner Kultur.» Sie glaube an einen Gott, aber nicht, dass er direkt Einfluss nehme und alles richte. «Das müssen wir schon selber tun.»

* Corina Fistarol ist Redaktorin der Reformierten Presse.

Quelle: Reformierte Presse 51_52/2009.

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