«Wir mussten uns Deutschland anpassen»

Pfarrer Benjamin Schweizer, Jahrgang 1925, 8580 Amriswil TG

Ich bin in Zürich aufgewachsen. Mein Vater stammte aus Weinfelden TG und war durch seine Anstellung bei der Bundesbahn nach Zürich gekommen. Meine Mutter war eine Welsche aus Oron-la-Ville VD. Mein Bruder war neun Jahre älter. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war ich in der 3. Sekundarschulklasse. Beruflich hatte ich noch keine genauen Vorstellungen, und so besuchte ich von 1940 bis 1944 an der Kantonsschule die Handelsabteilung.

Man befürchtete, in den Krieg verwickelt zu werden, das heisst eine Besetzung durch deutsche Truppen. Es gab vereinzelt Leute, die sich darum in Berggebiete zurückzogen. Mein Vater hatte 1939 einen Radioapparat angeschafft, um mit den Nachrichten auf dem Laufenden zu sein. Die Zeitungen waren zensuriert und berichteten dauernd vom Vormarsch der deutschen Truppen. Das änderte sich erst so um 1943, als sich diese aus Russland zurückziehen mussten. Wir mussten uns Deutschland anpassen und die Verdunkelung einführen. Wenn nicht gerade Vollmond war, ging man nachts möglichst nicht aus dem Haus. Die Lebensmittel waren rationiert, ausser Kartoffeln, Gemüse und Obst. Monatlich musste man auf dem Quartierbüro Lebensmittel-Karten abholen. Wir lebten in einem Mietshaus mit acht Wohnungen in Zürich-Unterstrasse. Der Keller wurde zu einem Luftschutzraum eingerichtet. Dicke Baumstämme mussten die Decke stützen und verstärken. Eine Zeit lang gab es jede Nacht Fliegeralarm. Flugzeuge aus England überflogen die Schweiz in Richtung Italien. Nach etwa zwei Stunden kamen sie wieder zurück, und es gab erneut Alarm. Man begab sich in den Luftschutzraum. Manchmal wurden Bomben abgeworfen. Wegen der Zensur vernahmen wir vieles erst nach Kriegsende 1945, so die Sache mit dem Holocaust. Auch dass unsere Industrie für die Deutschen arbeitete, was möglicherweise eine Besetzung verhindert hatte.

Im Sommer 1944 rückte ich als 19-Jähriger für vier Monate in die Flab-Rekrutenschule nach Payerne VD und später in den Aktivdienst nach Mollis GL ein. Dort war der Flugplatz zu bewachen. Bei Tagesanbruch mussten die sechs Fliegerabwehrgeschütze ringsum aufgestellt und bei Einbruch der Nacht wieder versorgt werden.

Die Zerstörungen, die der Krieg verursacht hatte, waren enorm. Millionen von Menschen kamen um. Für mich war klar, dass Krieg etwas Sinnloses ist, man löst damit keine Probleme und schafft keine Gerechtigkeit. Man müsste zuerst einmal alle Waffen vernichten. Dass die Industrieländer immer wieder Waffen liefern, sogar an arme Länder, ist Unsinn. Dort wird Krieg geführt, und es kommen Flüchtlinge zu uns. Ein wahrer Teufelskreis. Neutralität würde bedeuten, dass wir auch keine Waffen liefern, sonst machen wir uns mitschuldig an den Kriegen.

© Reformierte Medien und Autor

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