Pfarrer Arno Herrmann, Jahrgang 1924, 7206 Igis GR
In Widnau SG hart an der Grenze zu Österreich
Ich habe meinen Vater nicht gekannt, er starb zwei Monate nach meiner Geburt. Meine Mutter hat in Widnau im Sanktgaller Rheintal ein Haus mit Laden erworben, wir Kinder nannten ihn manchmal spöttisch den Widnauer Jelmoli. Dank meiner Mutter mussten wir auch während der Kriegszeit nie hungern. Wir hatten einen grossen Garten, hielten Schafe und Hühner, Kaninchen und auch einmal ein Schwein. Ausserdem hatten wir, wie das üblich war, bei der Lageraufnahme zu Beginn der Rationierung eine Reserve für uns zurückbehalten. Meine zwei 16 und 14 Jahre älteren Stiefschwestern, meine zwei Jahre ältere Schwester und ich mussten bei allem kräftig mitarbeiten.
Widnau, damals ein Dorf von rund 3000 Einwohnern, liegt direkt an der Grenze zu Österreich. Wir waren etwa 10 Prozent Reformierte unter 90 Prozent Katholiken. Wir hatten aber eine eigene reformierte Schule mit einem Lehrer für 50 Schüler aus allen Klassen. Das nächste vorarlbergische Dorf ist Lustenau. Von Diepoldsau-Schmitter trennte uns der Rheindurchstich, der wegen der dauernden Überschwemmungen zur Begradigung des alten Rheins erstellt worden war. Das hatte zur Folge, dass der alte Rheinbogen zu einem seichten Gewässer wurde, das ohne grosse Schwierigkeiten durchwatet werden konnte. Eine weiter Eigenart war der Umstand, dass die Bürgergemeinde Widnau jenseits des Rheins ein grosses Stück Land besass und noch besitzt, das von Widnauer Bürgern genutzt werden konnte.
Die Bewohner von Widnau galten als begabte Schmuggler. Die Verbindung mit den Vorarlbergern funktionierte klaglos. Man heiratete auch über die Grenze hinweg, und vor allem fanden viele Vorarlberger Arbeit und Verdienst in der Schweiz. Meine Familie bestellte von Zeit zu Zeit eine Störschneiderin aus Lustenau, die uns Kleider nähte, flickte und änderte. Ich selbst habe erst mit zehn Jahren eine erste gekaufte Hose bekommen; alle anderen wurden von Frau Notter aus abgelegten Röcken und Mänteln meiner Schwestern gebastelt.
Zwiespältige Einschätzung der Nazis
Diese Situation war für unsere Vorkriegs- und Kriegserfahrungen von grosser Bedeutung. Wir haben hautnah miterlebt, wie Österreich dem Dritten Reich angegliedert wurde und jüdische Flüchtlinge über den alten Rhein in die Schweiz kamen. In unserem Nachbardorf Diepoldsau gab es in einer ehemaligen Stickerei ein Durchgangslager für Juden. Für mich persönlich war auch noch von Bedeutung, dass mein Vater Deutscher. Wir haben unsere Verwandten in Waldshut und Umgebung gelegentlich besucht und miterlebt, wie einer meiner Onkel, Direktor der dortigen Krankenkasse, seine Stelle verlor und nach Emmendingen strafversetzt wurde. Was genau dahinter steckte, erfuhren wir nie. Darüber wurde strikte geschwiegen. Die Wände hatten ja Ohren. Die latente Angst und die Atmosphäre des Misstrauens haben mich damals sehr beeindruckt, obwohl ich ja noch ein kleiner Bub war.
Der Naziherrschaft ist man in unseren Kreisen in den ersten Jahren mit gemischten Gefühlen begegnet. Einerseits erfüllte uns ziemliches Misstrauen wegen der Defizite in Sachen Demokratie, andererseits fand Hitler Bewunderer für seinen Einsatz in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht. Man darf eben nicht vergessen, dass wir von einer grossen Arbeitslosigkeit herkamen und miterlebt hatten, wie die riesige Inflation das Geld zunichte gemacht hatte. Ich erinnere mich, wie ich ein paar Mark-Banknoten bewunderte, auf denen astronomische Zahlen aufgedruckt waren: Millionen, Milliarden, ja sogar Billiarden. Dabei waren sie weniger wert als das schweizerische Kupfergeld. Dann gab es deutsche Illustrierte, in Farbe sogar, in denen die Fortschritte und später die gewaltigen Eroberungszüge dargestellt und als Frucht des Nationalsozialismus gelobt wurden. Natürlich wussten wir, dass es Propaganda war; aber beeindruckt hat es uns trotzdem. Bekannt war mir vor allem die Zeitschrift «Signal», die mein Cousin, der während einiger Jahre bei uns wohnte, abonniert hatte.
Ein Verwandter war Lehrer und überzeugter Nazi
Ich hatte in meiner Verwandtschaft auch einen überzeugten Nazi. Er war Lehrer am Seminar Unterstrass in Zürich und hat mir immer wieder vom deutschen Aufschwung vorgeschwärmt und mich für das Nazi-Gedankengut zu gewinnen versucht, natürlich mit schweizerischem Hintergrund. Er war Mitglied der «Front» und nach deren Verbot Mitglied der «Eidgenössischen Sammlung». Wegen seiner Gesinnung verlor er seine Stelle am Seminar, kaufte dann ein Haus am Zürichberg, wo er zusammen mit seiner Frau ein Kinderheim mit Privatschule eröffnete. Dass er sich immer wieder rühmte, Kinder reicher Juden in seinem Heim zu haben, hat mich schon als Bub seltsam berührt, weil er doch immer über die Juden herzog. Der Mann war mir von Herzen unsympathisch, obwohl ich manches an ihm bewundert habe. Er war zum Beispiel ein begabter Maler. Bis heute habe ich ein Portrait meines von mir heiss geliebten Grossvaters, das ich sehr schätze. Abgestossen haben mich seine Grosshanserei und seine unangenehmen Anfälle von Jähzorn, und mit zunehmendem Alter seine politische Einstellung.
Geld spenden für den «geliebten Führer»
Eine, die sich von allem Anfang an mit Vehemenz gegen das Hitlertum gestellt hat, war meine älteste Stiefschwester. Da sie nicht die leibliche Tochter meiner Mutter war, blieb sie nach dem Tode meines (deutschen) Vaters Deutsche, während meine Schwester und ich Schweizer Bürger wurden, als meine Mutter von ihrem Recht zur Rückbürgerung Gebrauch machte. Als meine älteste Schwester ins erwerbsfähige Alter kam, erhielt sie von der deutschen Botschaft immer wieder einmal einen Brief mit der Aufforderung, «dem geliebten Führer für seine grossartige Arbeit einen Geldbeitrag zu spenden». Das hat die junge Frau, die ja ihr ganzes Leben in der Schweiz verbracht hatte und sich zutiefst als Schweizerin fühlte, immer masslos geärgert. Und ich in meiner kindlichen Dummheit habe dann immer noch mit irgendwelchen dummen Sprüchen Öl ins Feuer gegossen.
In den Laden kam eine Schmugglerin jüdischer Vermögen
Mit dem Anschluss Österreichs im Jahr 1938 kamen wir in unserem Grenzdorf immer konkreter in Kontakt mit dem Nazitum. Das unbeschwerte Hin und Her war fast mit einem Schlag unterbrochen. Nach der anfänglichen Euphorie, die man durchaus feststellen konnte, kamen mehr und mehr die Klagen. Immer wieder hörte man auch von Juden, die illegal über die Grenze flohen. Selber erlebt habe ich, wie jüdisches Vermögen in die Schweiz geschafft wurde. Während einiger Monate kam regelmässig eine österreichische Frau in den Laden meiner Mutter, kaufte sich Verpackungsmaterial und Siegellack und bat dann um ein diskretes Zimmer, wohin sie sich zurückzog. Dort zog sie sich aus und leerte die Stoffsäcklein, die sie sich auf raffinierte Weise um den Leib gebunden hatte. Den Inhalt tat sie in eine Schachtel, die sie sorgfältig verpackte, verschnürte, versiegelte und dann per Post als Wertgut irgendwohin verschickte. Natürlich haben wir nicht gewusst, was da geschmuggelt wurde, aber vermutet haben wir, dass es dabei um Geld und Schmuck ging. Gefragt haben wir nicht. Eines Tages kam sie nicht mehr. Was mit ihr geschehen war, wussten wir nicht.
Es gab damals nicht nur Waren- und Vermögens-, sondern auch Menschenschmuggel. Flüchtlinge über die Grenze zu lotsen war einigermassen lukrativ, obwohl man es natürlich nicht an die grosse Glocke hängte. Den Mächtigen ein Schnippchen zu schlagen, hielt man im Rheintal keineswegs für eine Sünde. Es dünkt mich bezeichnend, dass Polizeipräsident Grüninger, der entgegen den Weisungen aus Bern ein paar Tausend Juden die Flucht in die Schweiz erlaubte, ein Rheintaler gewesen war.
Die Brücken waren mit Sprengstoff geladen
Gefährlich wurde die Situation, als der Krieg ausbrach. Wir, die wir an der Grenze wohnten, wussten genau, dass unsere Chancen bei einem Einmarsch der Deutschen mehr als gering waren. Wohin hätten wir gehen sollen? Die reichen Leute hatten für eine Flucht vorgesorgt und verschwanden in die Innerschweiz, als die Lage heikel wurde und man mit einem bevorstehenden Angriff auf die Schweiz rechnete. Ich erinnere mich, dass meine Mutter in jenen Tagen in unserem Laden alle Koffer, Rucksäcke und Taschen, auch wenn es die ältesten Ladenhüter waren, mit einem Schlag loswurde. Aber eben, es gingen nur die Reichen. Wir, die wir nicht dazu gehörten, hatten uns einfach abzufinden mit der Aussicht, als Erste mit der Besetzung fertig werden zu müssen. Nicht nur die militärisch Ausgedienten, sondern auch wir Jünglinge meldeten uns praktisch geschlossen zur Ortswehr. Am bedrohlichsten waren die Brücken über den Rhein und den Rheintaler Binnenkanal. Die waren alle mit Sprengstoff geladen und sollten im Ernstfall in die Luft gejagt werden. Was das bedeutete, hatten wir bereits einmal erlebt, als ein Teil der Ladung einer Kanalbrücke versehentlich losging und allerhand Schaden an den umliegenden Gebäuden verursachte. Trotzdem waren wir wild entschlossen, alles zu tun, um der deutschen Armee den Einbruch so teuer wie möglich zu machen. Dabei war uns klar, dass wir gegen die Übermacht nichts wirklich Bedeutendes auszurichten hatten. Aber diese wilde Entschlossenheit, wenigstens so viel wie möglich zu schaden, half uns, die grundsätzliche Hilflosigkeit auszuhalten. Gott sei Dank blieb uns die Probe aufs Exempel erspart.
Vom Landdienst bei Bauern, wie ihn alle Schüler zu leisten hatten, war ich befreit, da ich im vaterlosen Betrieb zu Hause genug zu tun hatte. Eine leidige, aber unumgängliche Aufgabe während des Krieges war das Verwalten der Rationierungsmarken, die wir für die Lebensmittel in unserer Handlung zu Haufen bekamen. In stundenlanger Arbeit mussten wir die «Märkli» auf grosse Bogen aufkleben, sie zur Rationierungsstelle der Gemeinde bringen, wo sie gegen grosse Marken umgetauscht wurden, mit denen meine Mutter dann wieder frische Ware beziehen konnte.
Riesige Bomber brummten über die Köpfe
Zu den schaurig-schönen Erlebnissen in den Kriegsjahren gehörten die diversen Bombardierungen der Flugzeugwerke in Friedrichshafen. Von der Altane unseres Hauses aus konnten wir die hellen Strahlen der Scheinwerfer sehen, die am Nachthimmel nach den Bombern suchten, und die Blitze der explodierenden Geschosse der Abwehrkanonen. Ungemütlich war das Brummen der riesigen Bomber, die immer wieder über unsere Köpfe flogen, abdrehten und aufs Neue ihre Bombenlast zu platzieren suchten. Ich habe auch zugesehen, wie getroffene Bombenflugzeuge von ihren Besatzungen verlassen wurden und die Soldaten an Fallschirmen zur Erde sanken. Ich erinnere mich an einen besonders tragischen Fall, wo der Absprung genau über der Grenze geschah, so dass einige Männer im Vorarlbergischen landeten und von den feindlichen Deutschen gefangen genommen wurden, während die anderen auf die Schweizer Seite gerieten und von neutralen Schweizer Soldaten interniert wurden. Auch den Abwurf einiger Bomben konnten wir beobachten. Sie richteten wenig Schaden an, da sie in die Felder fielen.
Das Ende des Krieges habe ich in der RS in Bern erlebt. Zwei Dinge haben sich an jenem Tag in meiner Erinnerung eingeprägt. Erstens, dass wir beim abendlichen Hauptverlesen einen Tagessold für eine wohltätige Sache spenden «durften», was mir als Student ziemlich weh hat, obwohl es sich nur um einen Franken handelte. Aber mit einem Franken im Tag auszukommen, war ein Kunststück. Zweitens, wir bekamen Ausgang in eine zum ersten Mal wieder beleuchtete Stadt! Man kann sich heute kaum vorstellen, was das für ein grossartiges Ereignis war nach der langen Zeit der Verdunkelung!
Man darf jetzt aber nicht glauben, wir Kinder und Jugendliche seien in jener schwierigen Zeit überernst oder gar deprimiert gewesen. Beileibe nicht! Wir haben genau so viel Unsinn getrieben wie Schüler anderer Zeiten, ja vielleicht sogar noch mehr.
© Reformierte Medien und Autor
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