Pfarrer Dr. ès. sc. rel. Marc Edouard Kohler, Jahrgang 1926, 8034 Zürich
Beim Nachdenken über jene Zeit sind viele Situationen in mir aufgetaucht – mir ist dabei bewusst geworden, wie stark ich von der damaligen Atmosphäre, der steten Bedrohung durch den nördlichen Nachbarn, für mein Leben geprägt worden bin, dies auch im positiven Sinn. Dabei war das Perfide die Nazipropaganda, der wir auf Schritt und Tritt begegneten. Ein kleines Beispiel: Schulbücher wurden im Gymnasium meist aus Deutschland bezogen. Unser «neues» Chemiebuch begann mit einem Kapitel über den Gaskrieg, mit entsprechender Erinnerung an den «Dolchstoss» und Ratschlägen, wie der Gefahr der fremden Kriegshetzer (!) zu begegnen sei. Mein Vater, Professor für französische Literatur in Bern, wurde von Payot geheissen, eine «Histoire de la littérature française» für die Westschweizer Gymnasien zu verfassen, da die Produkte aus dem besetzten Frankreich rassistisch durchseucht waren! Ich selber habe zwölf «tableaux» mit Erinnerungen verfasst:
1. Der Judenbub aus Berlin
Dass die Welt nicht in Ordnung war, habe ich schon als Zehnjähriger erfahren, indirekt. Meine Eltern waren hellhörig und entschlossen. Als sich im Nachbarland der Rassismus ausbreitete, nahmen sie einen Judenknaben auf. Seine Eltern hatten in Berlin ein blühendes Textilwarengeschäft geführt; die Familie konnte sich rechtzeitig nach Paris absetzen, doch musste sie ihre ganze Habe hinter sich lassen. Sie waren nicht die einzigen. Um das Leid dieser Verfolgten zu mildern, ermöglichte eine humanitäre Organisation betroffenen Kindern einen Aufenthalt in Schweizer Familien – eine Atempause nach ihren traumatischen Erlebnissen. Von unserem Schützling ist mir nur wenig in Erinnerung geblieben. Er lebte sich rasch ein. In die Klasse durfte er nicht mitkommen – das war in der Gemeinde nicht vorgesehen – aber wenn ich von der Schule heimkam, spielten wir fröhlich zusammen. Fröhlich? Nicht ganz. Etwas klang immer mit: sein Schicksal als Vertriebener schwebte im Raum – und die Macht des Bösen, die anders geartete Menschen vertreibt. Von da an schaute ich die Welt anders an.
2. Die Zensoren hatten Vaters Artikel herausgeschnitten
Meines Vaters Gebiet war die Literatur. Er forschte, lehrte und schrieb. Auch Kolumnen in einer grossen Tageszeitung. Die lagen ihm besonders am Herzen, denn dort konnte er die Ereignisse öffentlich gewichten, Ungerechtes anprangern, Freiheitliches fördern. Lange vor Kriegsausbruch hatte er eine Schrift verfasst, in der er das menschenverachtende Ansinnen des Faschismus blosslegte und vor dessen Folgen warnte. «Düstere Gedanken eines Weltpessimisten» wurde ihm vielfach entgegnet... Dann brach, wie er es vorausgesagt hatte, der Krieg aus, vorerst ein Patrouillengeplänkel zwischen Siegfried- und Maginotlinie. Und später... Mein Vater schrieb unentwegt, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, seine Kolumnen. Bis zu jenem Tag, als er vom Briefkasten zurückkam, seine Gazette öffnete – und erstarrte. Auf der ersten Seite klaffte, inmitten gedruckter Zeilen, eine weite, weisse Lücke. Mein Vater erblasste. Die Zensoren hatten seinen Artikel herausgeschnitten. Zu gewagt; er hätte den Nachbarn reizen können! Also weg damit... Damit sei die Meinungsfreiheit mit Füssen getreten, stiess mein Vater mit zitternder Stimme hervor. Nie wieder betätigte er sich journalistisch. Ich war als Knabe dabei. Das weisse Rechteck in der Zeitung sehe ich noch heute vor mir.
3. Der grüne Opel – eingezogen von der Armee
Mein Vater war stolz auf sein Opel-Cabriolet. Er hatte es beim Sohn eines Studienfreundes in der General-Motors-Garage gekauft. Für den Beruf brauchte er es eigentlich nicht, aber er genoss die Freiheit, die er dadurch gewann, und fuhr gern durchs Land. Und wir Kinder mit ihm. Vor dem Anschluss ging es nach Österreich, wo grosse Plakate die Arbeit an der Strasse erklärten: «Der Staat baut auf», ein andermal war die Provence das Ferienziel, und an der Côte d’Azur lagen französische Unterseeboote im Meer, weil Italien gerade Albanien angegriffen und einverleibt hatte. Ja, der Wagen mit dem Faltdach war uns lieb, und wir sassen gerne drin, wenn der Wind uns um die Haare sauste. Dann, nach Anschluss und weiteren Annexionen, brach der Krieg aus, und eines Tages brachte der Briefträger einen Befehl der Armee ins Haus: «Die Landesverteidigung braucht Transportmittel und somit Ihren PKW. Zeit der Abgabe: dann und dann. Ort der Abgabe: im Wald so und so. Einfinden auf dem Platz des nächstliegenden Dorfes». Ich durfte meinen Vater begleiten – vielleicht hatte er Begleitung nötig – denn wir empfanden ein mulmiges Gefühl, als wir in den Dorfplatz einbogen und von Uniformierten angehalten wurden. Einer stieg ein und wies uns den Weg. Es ging bergauf ins bewaldete Gelände. Bald entdeckten wir einen riesigen Parkplatz mit einer Unmenge Autos, grosse, kleine, rote, blaue, ältere Modelle und solche neueren Zuschnitts. Dann kam die Zeremonie mit den Papieren, eine Quittung wurde uns in die Hand gedrückt und – Adieu Opel. Adieu die unbeschwerten Ausfahrten. Jetzt kamen schwere Zeiten. Der Abschied im Wald war dafür ein untrügliches Zeichen.
4. Gasmasken
Neben der Schule stand, weit ausladend mit seiner prächtigen Fassade, das Waisenhaus. In den ersten Kriegstagen wurden die Räume von der Militärbehörde benutzt, um unter anderem der Zivilbevölkerung die Gasmasken auszuhändigen. Dank der Voraussicht der Behörden lag das Material in genügender Menge bereit. Auch wir Jugendlichen wurden für «das Fassen der Maske» aufgeboten. Für uns Jüngere gab es Ganzmasken, bei denen die Gummifolie den ganzen Kopf umschloss, was das Hinein- und Hinausschlüpfen sehr mühsam machte. Dazu war das Atmen durch den Filter erschwert, was einige Schüler in Panik versetzte. Wohl lag der Grund dazu mehr auf der psychischen Ebene: «Wie kommen wir davon, wenn das Tragen der Maske wirklich nötig wird?» Zum Problem wurde es für mich, als wir in eine Dachkammer stiegen, die Apparatur aufsetzen mussten und dann ein weisser Rauch den Raum einnebelte. Wären die Masken undicht gewesen, hätten wir die Hand aufzuheben sollen, hiess es. Zum Glück hielten die Dinger dicht und niemand musste sich durch ein Zeichen melden. Doch als wir die Treppe hinunterstiegen, waren wir eher beklommen.
5. Das Extrablatt
Als der Krieg ausbrach, mussten viele unserer Lehrer in den Militärdienst einrücken, und wir hatten mit Aushilfen vorlieb zu nehmen, mit Greisen, die man aus den Heimen holte, mit Schrulligen, die als Ausbildner versagt hatten. Mit anderen Worten: Es herrschte ein lockerer Betrieb, an dem wir natürlich unseren Spass hatten. Aber die Schule war nur das eine. Viel mehr beschäftigte uns, was draussen in Europa geschah. Und es geschah immer wieder etwas, das uns in Atem hielt: Die Panzer rasselten über die Ebene, die Kampfflieger stürzten sich heulend auf die Flüchtlingskolonnen herab. Transistoren gab es damals keine, und Neuigkeiten wurden durch die Zeitungen verbreitet. Fiel eine Nachricht zwischen die Auflagen, gab es eine Sonderausgabe, die in den Strassen angedient wurde. Wenn wir auf dem Platz vor der Schule den Verkäufer sein «Extrrrrrablatt» ausrufen hörten, rannten wir alle aus der Klasse am verdutzten Stellvertreter vorbei die Treppe hinunter. Aufhalten konnte er uns nicht, auch nachher gelang es ihm kaum, den Unterricht weiter zu führen. Wir stoben auf den Platz hinaus und rissen uns um das mit Riesenbuchstaben bedruckte Blatt. Angriff, Vormarsch, Rückzug, Kapitulation, eifrig besprachen wir das Ereignis – wohlwissend, dass auch wir eines Tages Ziel (und Opfer) eines Angriffs sein könnten.
6. Die rote Armbinde
In den Diktaturen wurden sie als zu freiheitlich verschrien und verboten, bei uns aber hatten die Pfadfinder, Sir Baden-Powells Scouts, grossen Zulauf. Auch ich war dabei. Bei Kriegsausbruch wurden wir ebenfalls mobilisiert – wir waren sehr stolz darauf, an vielen Orten auszuhelfen. Die Mobilmachung hatte das tägliche Leben völlig über den Haufen geworfen. Überall fehlte es an den nötigen Kräften. Mit meinen Kameraden wurde ich am Bahnhof eingesetzt. Unzählige Auslandschweizer hatten die letzten Züge noch erwischt, um in die Heimat zurückzukehren. Nun standen sie da, auf dem Perron, und wussten weder aus noch ein. Wir gaben Rat, wiesen ein, leiteten weiter. Das Geschick dieser Entwurzelten, die sich erst wieder anwurzeln mussten, beeindruckte uns tief, und abends waren wir nicht nur körperlich erschöpft. Wir hatten für unseren Dienst eine rote Armbinde mit dem weissen Kreuz bekommen – und sogar unser militärisches Dienstbüchlein schon gefasst, mit dem entsprechenden Beleg der geleisteten Tage. Neben dieser ersten Bescheinigung stehen weitere. Die zweite: Wir hatten Partisanen zu betreuen, die sich über Fels und Firn in die Schweiz gerettet hatten, gezeichnet von den Anstrengungen und Entbehrungen. Die dritte: Als Meldeläufer mussten wir in einem Riesenforst versteckte Wege erkunden und uns die Route genau merken, um auch bei Nacht die militärischen Nachrichten sicher zu überbringen. Der Kommandant, in Zivilkleidung auch mit der eidgenössischen Binde, war Direktor einer Biskuitfabrik und brachte uns zum Lohn Tüten mit Konfekt mit. Bei der herrschenden Lebensmittelknappheit nicht zu verachten – was uns aber den Ernst der Lage keineswegs vergessen liess: Wir ahnten, wie leicht man uns im Wald abgeknallt hätte – auch mit der roten Binde.
7. Fahrrad und Schiessknebel
Gross angeschrieben waren bei uns Jugendlichen die Jungschützen. Man gab ihnen Gewehr und Munition und lehrte sie, wie damit umgehen. Sobald ich sechzehnjährig wurde, meldete ich mich an und wurde angewiesen, auf dem Schiessstand in der Waldlichtung anzutreten. Für mich eine neue Welt, mit ihren Befehlen, ihrem Knallen – und ihrer eisernen Disziplin. Zuerst wurde die Waffe überreicht, ein uralter Karabiner aus dem Ersten Weltkrieg, aber, wie wäre es anders in der Schweizer Armee, perfekt im Unterhalt und immer noch präzis im Schiessen. Einmal an der Waffe ausgebildet, durften wir sie mit nach Hause nehmen, samt der dazu passenden Munition. Welches Vertrauen wurde da in uns gesetzt! Wir wussten es aber auch durch Fleiss und Schweiss zu verdienen. Jeden Sonntag traten wir an, es gab Appell, Waffenkontrolle, Einteilung in Gruppen, und dann ging es los, bis wir regelmässig ins Schwarze trafen. Am Schluss gab es ein Diplom mit entsprechender feierlicher Übergabe. Ich staune heute, wie ernst es uns Teenagern bei diesem Treiben war. Wir wussten: Wir geben uns nicht einem Sport hin. Wir bereiteten uns auf eine Aufgabe vor, bei der wir das Leben anderer schützen, aber auch unser eigenes Leben verlieren können.
8. Notportion
Mit dem Schützendiplom fing für den Gymnasiasten eine neue Zeit an, die Zeit der Bereitschaft. In das Dienstbüchlein, das wir ja schon als Pfadfinder am Anfang des Krieges bekommen hatten, wurde ein gelber Zettel eingeklebt. Er gab mir an, was ich zu tun hätte, wenn das Land militärisch angegriffen und ich «mobil» gemacht würde. Der Zielort war angezeigt. Ich hatte mich unverzüglich nach T. zu begeben, und zwar mit dem Fahrrad, abseits der befahrenen Strassen. Zum Fahrrad hinzu kam der Rucksack mit dem nötigen Proviant – die Notportion war genau umschrieben. Damit ich nicht als Partisane abgeschossen würde, hatte ich die eidgenössische Binde um den Arm zu legen, was mir den Status der Militärperson verleihen würde. Und natürlich das Wichtigste: die im Schrank aufbewahrte Waffe samt den mitgegebenen Patronen durfte nicht fehlen. Wenn ich aufs Korn genommen würde, hätte ich ohne Befehl zu schiessen. So verging also die Zeit: Das Velo musste jederzeit fahrtüchtig sein, was beim allgemeinen Pneumangel nicht selbstverständlich war. Zum Glück gab es im Bündnerland eine Fabrik, die abgefahrene Reifen aufgummierte, aber sie beklebte sie mit einer schwarzen Schicht, die sich im Nu wieder abnützte. Und der Tornister mit der Notwäsche und der Notportion hatte immer griffbereit zu liegen – damit ich auf uneingesehenen Pfaden nach T. fahren und dort, in Schnellbleiche ausgebildet, an die Front geschickt werden konnte.
9. Nachtgeschwader
Es kam die Zeit, als der Spiess sich umkehrte und die Achsenmächte durch die Alliierten in die Enge getrieben wurden. Wir wussten genau, was es hiess. Der verletzte Löwe könnte sich aufbäumen und mit seiner Pranke auf unser Land zuschlagen, um Hinterland zu sichern und Luftlandungen abzuwehren. So hiess es, mehr denn je auf der Hut zu sein. Wem unsere Sympathien galten, lässt sich leicht erraten. Sie waren es denn auch, die uns bewegten, als monatelang jede Nacht die britischen Geschwader von Nord nach Süd über die Schweiz flogen, um die Mailänder Fabriken zu bombardieren und dann auf demselben Weg von Süd nach Nord zu ihren Basen in England zurückkehrten. Es begann mit einem leichten Brummen über dem Jura, das sich zu einem tiefen, starken Bass verstärkte, der langsam über den Alpen ausklang. Dann rötete sich der Himmel über den Bergen, in der südlichen Ferne flackerte der Schein unheilvoll, bis das leise Summen wieder anfing und anschwoll... Im nahen Feld stellte die Fliegerabwehr allabendlich ihre Kanonen auf. Näherte sich der Motorenlärm, so begannen mächtige Scheinwerfer den schwarzen Himmel zu bestreichen. Plötzlich leuchteten silberne Punkte auf, und die Batterien schossen ihre Salven. Bei uns Zivilen hiess es: Sie haben den Befehl, daneben zu zielen. Auf jeden Fall haben sie nie getroffen. Wir waren froh. Es schien uns schon traurig genug, wenn beim Rückflug der Motorenlärm schwächer tönte und wir uns fragen mussten, ob wohl alle die Reise überstanden hatten.
10. Alle machten mit bei der Ortswehr
Jung und Alt, alle machten mit. Nicht nur weil man nicht anders konnte, auch aus Überzeugung. So kam der Tag, wo auch die alte Garde eingezogen wurde. Der Krieg hatte bewegende Bilder davon geliefert, wie man aus der Luft ein Gelände, ein Land einnehmen kann: Fallschirmtruppen landeten in Grossverbänden auf Weiden und Lichtungen, doch die Motoren der Frachtflugzeuge machten Lärm und weckten die Aufmerksamkeit. So kam man zu grossräumigen Segelflugzeugen, die lautlos auf weite Felder und Wiesen hinabglitten. Das war ein mögliches Einfallstor und musste zugeriegelt werden. Dazu wurden die Ortswehren ins Leben gerufen und alle «Ehemaligen» aufgeboten. Wir verspotteten liebevoll meinen Vater, als er, grün gewandet mit einer Art Jägerhut, von der abendlichen Übung heimkam. Das Handwerk kannte er ja als Wachtmeister im Ersten Weltkrieg. Nun war der Herr Professor für tauglich befunden worden, wieder in die (grünen) Hosen zu steigen. Ihm war es recht; so konnte er Handfestes für sein Land tun. Zusammen mit dem Herrn Chefredaktor der Tageszeitung, mit dem Herrn Gemeindeschreiber und mit vielen anderen, Bauern, Schreinern, Gärtnern, Lehrern, Beamten, Kaufleuten, bildeten sie sich im Waffenhandwerk weiter, pirschten durch die Wälder, planten Einsätze: «Wenn sie dort landen, dann... Wenn sie von da her kommen, so...» Das Metier wurde sozusagen zum unfreiwillig aufgebürdeten und doch freiwillig angenommenen zweiten Beruf.
11. Ich durfte meine Soldatenbrüder im Aktivdienst besuchen
Ich war bedeutend jünger als meine Brüder, so dass ich erst im Jahr nach Kriegsende als Rekrut einrücken musste. Meine Brüder haben folglich das Leben in der Schweiz während des Zweiten Weltkrieges ganz anders erlebt als ich. Für sie war es eine sehr schwierige Zeit, mit einem Seiltanz zwischen Studium und Militärdienst. Was taten sie aber «im Felde»? Ich konnte mir das nicht recht vorstellen. Bis es hiess, wir dürften den Erstgeborenen im sogenannten Aktivdienst besuchen. So fuhren wir – unser Auto war noch nicht von den Armeediensten eingezogen – frühmorgens Richtung Westschweiz los, wo jene Sanitätskompanie in Wartestellung lag. Ein heimeliges Dorf, nette Leute und in einer Scheune die Truppenunterkunft. Alles war neu für mich: das im Brettergeviert aufgeschichtete Stroh, die säuberlich aufgereihten Tornister, die Wache, die Stellung annahm und Meldung erstattete, die unter einem Vordach improvisierte Kantine, die hinter den Obstgärten liegenden Felder, die als Übungsplatz dienten und wo die einen Verletztenbergungen und Verletztentransporte übten und die anderen Sport trieben, um für den Einsatz fit zu sein. Meinen Bruder sah ich ernster als sonst. Hat ihm unser Besuch noch stärker ins Bewusstsein gerückt, wie schwer es ist, fern von Zuhause und Beruf in einer fremden Gegend durchzuhalten, um für einen «Ernstfall» bereit zu sein, der vielleicht nie eintritt?
12. Nach dem Krieg im Elsass
Vier Jahre nach Kriegsende führte mich mein Beruf ins benachbarte Elsass. Kaum dreissig Kilometer von der Landesgrenze entfernt, damals aber eine total andere Welt, kriegsversehrt. Ja, dort ist mir recht eigentlich klar geworden, wovon wir in der Schweiz verschont worden sind. Gewiss, die Bedrohung hat unseren Widerstandwillen auf eine harte Probe gestellt. Aber was sind unsere Opfer im Vergleich mit den Nöten, denen ich dort begegnete. Die Wunden lagen noch offen, als wären sie gestern geschlagen worden. Unschuldige waren in Konzentrationslager verfrachtet und Jugendliche für die Ostfront zwangsrekrutiert worden, in Russland Gefangene waren auf der langen Rückreise vor Erschöpfung gestorben, Mütter warteten auf die Heimkehr ihrer Söhne aus dem Osten. Beim Arzt, beim Zahnarzt, auf öffentlichen Ämtern lag ein dickes Buch auf mit unzähligen kleinen Porträtfotos: «Im Kriege verschollen. Wer ihn/sie gesehen hat, melde sich bei...» Und die dem Grauen Entkommenen waren seelisch geknickt, fanden keinen Boden mehr unter den Füssen. In diesem Mikrokosmos an der Grenze zwischen Frankreich und Deutschland gab es auch viele Flüchtlinge: Die Grossmutter Z., die sich mit dem Treck aus Ostpreussen samt ihrer Enkelin mit dem strohblonden Haar bis hierher durchgeschlagen hatte. Die deutsche Familie aus dem Banat, die hatte zusehen müssen, wie der Vater von Partisanen gequält und getötet wurde. Der deutsche Landser, zuerst kriegsgefangen und dann entlassen, der in Frankreich blieb, weil seine Heimat von den Russen besetzt war. Ich könnte Bände schreiben, mit tragischen Schicksalen gefüllt. Angesichts dessen gibt es nur eines: danken, dass uns der Krieg, aus welchen Gründen auch immer, erspart worden ist.
© Reformierte Medien und Autor
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