Nachrichten
Am meisten gelesen |
«Vor dem Hirschen in Winterthur-Töss hat Vater die Fröntler verprügelt»
Pfarrer Willy Bachmann, Jahrgang 1922, 6577 Abbondio-Calgiano Der Duce hatte einen schlechten Ruf in Töss Im Arbeiterquartier Winterthur-Töss war die Stimmung selbstverständlich anti-Nazi. Die sozialdemokratische Partei war stark verwurzelt in der Arbeiterschaft. Mein Vater, Schleifer bei «Rieters», wie man damals sagte, war engagierter Sozialist. Er war dabei, wenn die Fröntler nach ihrer Versammlung im «Hirschen» draussen von den Sozis abgefangen und verprügelt wurden. Die beiden Pfarrer in Töss waren ebenfalls eindeutig antinazistisch. Pfarrer Tobler, volksnah und Mitglied der SP, hat öfters zu politischen Fragen Stellung bezogen. Pfarrer Bruppacher, ein sehr ernsthafter, aber zurückhaltender Theologe, äusserte sich dazu weniger, aber es war trotzdem klar, wo er stand. Einen besonders schlechten Ruf in Töss hatte Mussolini. Die Kioskfrau Marie Joppi erzählte jedem, der es wissen wollte, dass der Duce ihr immer noch 20 Franken schulde. Als er vor einigen Jahren als Maurer im Tal auf dem Bau gearbeitet habe, habe er seine Zigaretten und anderes bei ihr immer auf Pump geholt. Velotour nach Singen circa 1937: Mit einem Schulkollegen machte ich eine Velotour nach Singen. Bei seinen Verwandten wurden wir bewirtet und mit Nazipropaganda eingedeckt. Als wir zur Rückfahrt, starteten, traten diese ans Fenster, rissen die Arme hoch und schrieen «Heil Hitler!». Wir bestiegen unsere Fahrräder, rissen ebenfalls die Arme hoch und riefen «Pfui Hitler!». Dann traten wir in die Pedalen und machten uns so schnell wie möglich aus dem Staub. Missionshaus Basel: Hausvater Epting wollte den Führer am Radio hören Auch einige theologische Lehrer waren Deutsche. Der Liederdichter Friedrich Liebendörfer zum Beispiel. Er war wohl kein Nazianhänger, trotzdem wurde er, als wir wegen Fliegeralarm im Luftschutzkeller waren und er jammerte («Jetzt bombardieren sie mein liebes Vaterland»), von Fräulein Müller, der gestrengen Hausmutter, harsch angefahren: «Wer hät agfange?»
Erinnerungen der Pfarrfrau Edith Bachmann-Stricker: Ja, wir haben es gewusst Wir waren in der zweiten Klasse. Unser Lehrer, nicht mehr der Jüngste, war hilfsdienstpflichtig. Bei der grossen Mobilmachung musste auch er einrücken. Während manchen Wochen fiel die Schule aus. Zeitweise hatten wir einen jungen, strammen Vertreter, den wir nicht so mochten. Einmal kam unser richtiger Lehrer während seines Urlaubs zu uns in die Schule. Ich sehe ihn noch, wie er da vorne steht in seiner zerknitterten HD-Uniform und uns berichtet, was er im Wachtdienst am Rhein gehört hat. Wie erstarrt sitzen wir in unseren Bänken, während er schreckliche Dinge erzählt von den Konzentrationslagern und von Kommandoleuten, die Lampenschirme aus den Häuten der Juden machen lassen. Ja, wir haben es gewusst, verstanden haben wir es nicht. Auch später nicht, weil man solch grauenhafte Dinge nicht verstehen kann. Das zertrümmerte Radio © Reformierte Medien und Autoren |
ref.ch auf Twitter |




Diesen Artikel mit anderen teilen: