«Vor dem Hirschen in Winterthur-Töss hat Vater die Fröntler verprügelt»

Willy Bachmann (Bild: zvg)

Pfarrer Willy Bachmann, Jahrgang 1922, 6577 Abbondio-Calgiano
(aufgezeichnet von seiner Frau Edith Bachmann-Stricker)

Der Duce hatte einen schlechten Ruf in Töss
Pausenplatz der Primarschule Töss, circa 1934: Ein grösserer Schüler kratzt mit dem Fuss ein Hakenkreuz in den Kies. Er verkündet den Umstehenden: «Das wird unsere Zukunft sein.» Er findet keine Zustimmung im Kreis. «Das ist gewiss nicht unsere Zukunft», sagen sie und laufen unberührt weg.

Im Arbeiterquartier Winterthur-Töss war die Stimmung selbstverständlich anti-Nazi. Die sozialdemokratische Partei war stark verwurzelt in der Arbeiterschaft. Mein Vater, Schleifer bei «Rieters», wie man damals sagte, war engagierter Sozialist. Er war dabei, wenn die Fröntler nach ihrer Versammlung im «Hirschen» draussen von den Sozis abgefangen und verprügelt wurden.

Die beiden Pfarrer in Töss waren ebenfalls eindeutig antinazistisch. Pfarrer Tobler, volksnah und Mitglied der SP, hat öfters zu politischen Fragen Stellung bezogen. Pfarrer Bruppacher, ein sehr ernsthafter, aber zurückhaltender Theologe, äusserte sich dazu weniger, aber es war trotzdem klar, wo er stand.

Einen besonders schlechten Ruf in Töss hatte Mussolini. Die Kioskfrau Marie Joppi erzählte jedem, der es wissen wollte, dass der Duce ihr immer noch 20 Franken schulde. Als er vor einigen Jahren als Maurer im Tal auf dem Bau gearbeitet habe, habe er seine Zigaretten und anderes bei ihr immer auf Pump geholt.

Velotour nach Singen circa 1937: Mit einem Schulkollegen machte ich eine Velotour nach Singen. Bei seinen Verwandten wurden wir bewirtet und mit Nazipropaganda eingedeckt. Als wir zur Rückfahrt, starteten, traten diese ans Fenster, rissen die Arme hoch und schrieen «Heil Hitler!». Wir bestiegen unsere Fahrräder, rissen ebenfalls die Arme hoch und riefen «Pfui Hitler!». Dann traten wir in die Pedalen und machten uns so schnell wie möglich aus dem Staub.

Missionshaus Basel: Hausvater Epting wollte den Führer am Radio hören
Im Missionsseminar konnten junge Männer aus verschiedenen Berufen auf dem zweiten Bildungsweg Theologie studieren. Gleichzeitig bereiteten sie sich auf den Missionsdienst vor. Die Basler Mission hatte sich bereits von ihrem deutschen Zweig getrennt und stand ganz unter schweizerischer Leitung. Präsident war damals der Ökumeniker Alfons Köchlin. Unter den Studierenden – «Brüder» wurden wir genannt, nicht mehr «Zöglinge» wie in der vorköchlinschen Aera – waren nach 1942 nur noch wenige Ausländer. Hausvater Epting aber war Deutscher. Öfters, wenn er mit uns Brüdern zusammen war, wurde er plötzlich ganz aufgeregt, entschuldigte sich: «Ich muss gehen, der Führer spricht» und ging in seine Wohnung, um das Radio anzudrehen. Damals wurde sein Sohn von der Wehrmacht einberufen. Er ist nie mehr heimgekommen.

Auch einige theologische Lehrer waren Deutsche. Der Liederdichter Friedrich Liebendörfer zum Beispiel. Er war wohl kein Nazianhänger, trotzdem wurde er, als wir wegen Fliegeralarm im Luftschutzkeller waren und er jammerte («Jetzt bombardieren sie mein liebes Vaterland»), von Fräulein Müller, der gestrengen Hausmutter, harsch angefahren: «Wer hät agfange?»

Edith Bachmann (Bild: zvg)

 

Erinnerungen der Pfarrfrau Edith Bachmann-Stricker:

Ja, wir haben es gewusst
Unsere Familie wohnte in Oberschan, einem kleinen Dorf am Berghang einige Kilometer rheinaufwärts von der Stelle, wo jüdische Flüchtlinge vom Voralbergischen her in die Schweiz zu gelangen versuchten. Jahre später hat man diese Zeit am Fall Grüninger aufgearbeitet. Die harte Haltung der Schweizer Behörden machte viele betroffen. Andere fanden eine Entschuldigung: Man habe ja nicht gewusst, was mit den Juden in Deutschland geschehe. Da muss ich dazu einfach sagen: Ich habe es gewusst!

Wir waren in der zweiten Klasse. Unser Lehrer, nicht mehr der Jüngste, war hilfsdienstpflichtig. Bei der grossen Mobilmachung musste auch er einrücken. Während manchen Wochen fiel die Schule aus. Zeitweise hatten wir einen jungen, strammen Vertreter, den wir nicht so mochten. Einmal kam unser richtiger Lehrer während seines Urlaubs zu uns in die Schule. Ich sehe ihn noch, wie er da vorne steht in seiner zerknitterten HD-Uniform und uns berichtet, was er im Wachtdienst am Rhein gehört hat. Wie erstarrt sitzen wir in unseren Bänken, während er schreckliche Dinge erzählt von den Konzentrationslagern und von Kommandoleuten, die Lampenschirme aus den Häuten der Juden machen lassen. Ja, wir haben es gewusst, verstanden haben wir es nicht. Auch später nicht, weil man solch grauenhafte Dinge nicht verstehen kann.

Das zertrümmerte Radio
Ein anderes Ereignis, das ich damals überhaupt nicht und später aber dann doch verstanden habe: Wir besassen ein Radio, eines der wenigen im Dorf, und das war ein Heiligtum. Man durfte es kaum berühren. Wenn der Mann, der irgendwo im Kasten drin war, sprach, wurden alle Erwachsenen ernst und die Kinder mussten still sein. Einmal kam der Vater vom Festungsdienst heim in den Urlaub und erzählte, er und die andern Soldaten hätten miteinander dem Mann im Radio zugehört, und auf einmal seien alle ganz wütend geworden und hätten mit den Fäusten auf den Apparat eingehämmert. Ich verstand die Welt nicht mehr. Dass man so etwas darf! Viel später habe ich begriffen, dass es Bundesrat Pilet-Golaz war, der die Soldaten mit seiner berühmt-berüchtigten Rede so erzürnt hatte. Und ich habe verstanden, dass es Dinge gibt, die einem noch heiliger sein können als ein Radioapparat und das, was der Mann da drin spricht.

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