«Vom Himmel gefallene Kirchgesangbücher in Frankreich»

Pfarrer Theodor Dieterle, Jahrgang 1924, 8400 Winterthur ZH

Späte Begegnung mit dem Krieg
Sommer 1946. Damals war ich Student in den letzten Semestern. Unverhofft kam ich zu einem vorgezogenen Praktikum, als mich ein bei uns zur Erholung weilender Freund fragte, ob ich ihm beim Wiederaufbau einer Gemeinde in Paris helfen könnte. Er war als französischer Offizier in Kriegsgefangenschaft geraten und soeben aus Deutschland zurückgekommen. Nun war er wieder Pfarrer und begann in Drancy in der so genannten Banlieu eine verstreute Herde zu sammeln. Ich folgte seiner Einladung und habe unter anderem folgendes erlebt:

Die Gemeinde besass in der Nähe von Chantilly ein kleines Ferienhaus. Dorthin war ich mit dem Velo unterwegs, hatte eine Panne und suchte darum einen Bauernhof auf. Da fand ich einen feldgrau gekleideten Mann, den ich um Hilfe bat. Zu meinem Erstaunen antwortete er mir auf Deutsch und entpuppte sich als Kriegsgefangener. Während wir beide uns um den Veloschlauch kümmerten, erzählte er mir, dass er und seine Kameraden auf die Höfe verteilt worden seien, um den Bauern bei der Ernte zu helfen. Das sei hoffentlich die letzte Station, bevor sie aus dem Lager nach Hause entlassen würden. Jedoch fehle es ihnen an fast allem, was man für die Körperhygiene brauche. Wenn ich die Möglichkeit hätte, wenigstens für etwas Seife und Rasierzeug oder auch Unterwäsche besorgt zu sein, so wären er und seine zwanzig Kameraden sehr dankbar. Das versprach ich, und dazu, am übernächsten Sonntag wiederzukommen. Und er: Ja, das freue ihn, er werde die Kameraden zusammenrufen, und wir würden gleich einen evangelischen Gottesdienst feiern. Da war ich nun: kleiner Theologiestudent vor kriegsgeplagten, strapazierten Männern.

In den gut zehn Tagen Zeit, die mir verblieben, war es leichter, Seife und Rasierzeug zusammenzubringen, als die Worte zu finden, die ein vom Krieg verschonter und in behüteten Verhältnissen aufgewachsener Student für eine echte, christliche Stärkung diesen Männern sagen konnte. Waren es nicht vielmehr sie, die mir aus ihrem schweren Erleben heraus etwas von der göttlichen Durchhilfe in schwerer Zeit mitteilen konnten? Da gab es etwas, das mir wunderbar zu Hilfe kam. Als ich mit viel Seife und Rasierzeug meinen Weg zu den Kriegsgefangenen unter das Velo nahm, stand genau an jener Stelle, wo mir und dem Velo die Luft ausgegangen war, der Deutsche, der mir beim Flicken geholfen hatte. Strahlend erzählte er mir, sie seien schon alle versammelt. Einer von ihnen hätte zwei Gesangbücher mitgebracht, deutsche Gesangbücher, die er auf der Strasse gefunden habe. Das sei geradezu Manna vom Himmel. Er könne es nicht erklären, wie mitten in Frankreich deutsche Gesangbücher auf die Strasse zu liegen kämen. Das sei wirklich wie das Manna vom Himmel.

Diese Erwartung und Begeisterung, dieser Hinweis auf das Manna, trugen mich und diese Männer zum Dankgottesdienst, der wie von selbst über uns kam. Später erfuhr ich, dass der CVJM einen Bücherdienst für Kriegsgefangene errichtet hatte. Vielleicht waren die Gesangbücher von einem Transportwagen gefallen. Aber zur rechten Zeit am rechten Ort.

© Reformierte Medien und Autor

Zurück

Übersicht

Weiter


Diesen Artikel mit anderen teilen:

 

ref.ch auf Twitter