«Vom Hilfsdienst Basel wurden mir Flüchtlingsfamilien anvertraut»

Martha Stuber kurz vor ihrem Amtsabschied.
(Bild: zvg)

Pfarrerin Martha Stuber, Jahrgang 1921, 8640 Rapperswil SG

Hoch beladene Basler Autos auf der Flucht
Es herrschte grosse Arbeitslosigkeit in jener Zeit. Mein ältester Bruder fand nach Abschluss der Lehre keine passende Stelle. Er war technisch sehr begabt. Als anfangs der 1930er Jahre Beromünster zu senden begann, baute er in einem kleinen Kästchen ein Radio ein, und wir Geschwister konnten mit Kopfhörer täglich die Nachrichten empfangen. Besonders interessierte uns natürlich, was von «Hitler-Deutschland» gemeldet wurde.

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, besuchte ich das Gymnasium in Solothurn. Täglich ging es per Velo von Biberist nach Solothurn und retour. Spannung und Hektik lagen in der Luft. Auf der Hauptstrasse war reger Autoverkehr, alle fuhren Richtung Berner Oberland. Die meisten Wagen trugen das BS-Zeichen, nur wenige stammten aus anderen an Deutschland grenzenden Kantonen. Sämtliche Privatautos waren hoch beladen mit Matratzen und anderen Hausgeräten. Dieses Bild steht mir noch deutlich vor Augen.

Im Landdienst fast zur Magd avanciert
In den Schulferien mussten wir Studentinnen und Studenten in den Landdienst, vorwiegend zu den Bauern im Bucheggberg. Die Knaben, teils Kadetten, waren im militärischen Hilfsdienst eingespannt. In der Landwirtschaft hatten wir es sehr streng, etwa während der Zuckerrüben-Ernte. Ich musste manchmal kochen für zehn bis zwölf Personen und den Haushalt besorgen, damit die Bäuerin auf dem Feld zum Rechten sehen konnte. Der Bauer war im Dienst. Die Familie hatte fünf teils noch kleine Kinder.

Die Bäuerin war offensichtlich sehr zufrieden mit ihren Helferinnen und Helfern. Am Schluss des Landdienstes wollte sie mich allen Ernstes als «Magd» anstellen, was ich natürlich ablehnen musste: Ich wollte mein Studium an der Uni abschliessen. Am Abend trafen sich meist alle «Gymeler» an einem bestimmten Ort zur «Lagebesprechung», um einander die Erfahrungen des Tages mitzuteilen und die Kriegslage zu diskutieren. Wir Studentinnen und Studenten waren zuversichtlich, hatten grosses Vertrauen in unsere Armee und General Guisan. Mit Bangen und etwas Angst kämpften wir, als Nachrichten vom Reduit kamen, aber Zuversicht überwog. Dass im Notfall unser Mittelland überschwemmt worden wäre, teilweise durch Ablassen des Wassers der Kraftwerke in den Bergen, um den Feind am Vorwärtskommen zu hindern, bekümmerte auch die Bauern. Zum Glück wurde das nicht nötig. Mit Begeisterung machten wir bei der Anbauschlacht von Bundesrat Wahlen mit.

Mein Schwager besass in Kirchberg BE einen grösseren Bauernhof. Sämtliche breiten Feldwege wurden gut um die Hälfte umgeackert und mit Gemüse bepflanzt, nebst dem vorgeschriebenen Wies- und Ackerland – um mehr Kartoffeln, Rüben, Kohl und anderes zu pflanzen. Am Ende des Krieges bekam mein Schwager ein Ehrendiplom für den «Anbauschlachtplan».

Mit Milchbettflasche von der Militärkontrolle erwischt
Einmal fuhr ich mit dem Velo von Biberist nach Kirchberg und retour. Da gab es im Wylerwald eine Militärkontrolle. Die mitgeführten Taschen wurden durchsucht. Ich hatte eine «Bettflasche» bei mir. Die Miliz fragte mich, ob ich Krankenschwester sei. Ich gab offen Auskunft: «Nein, ich bin Studentin. Die Bettflasche hat meine Schwester, die Neuhof-Bäuerin, mit Milch gefüllt.» (Die Rationierungsmarken waren etwas knapp für unsere grosse Familie.) Die Soldaten liessen mich «unbestraft» weiterfahren!

Wir Jungen genossen es richtig, dass alle Wegweiser abmontiert worden waren. An Sonntagen radelten wir über Land und verfuhren uns manchmal. Dann klopften wir bei einem Bauernhaus an, zeigten unsere Personalausweise und fanden meist einen Ratgeber, der uns Vertrauen schenkte und uns ein Plänchen skizzierte, wie wir an unser gewünschtes Ziel kommen konnten. Höchst selten begegnete uns ein Auto.

Vorlesungsnotizen für diensttuende Kollegen
Im Gymnasium hatte unsere Griechischklasse ein paar Jahre lang auf die Schulreise verzichtet, um nach der Matura nach Griechenland zu reisen mit unserem Griechisch-Professor. Wegen Ausbruch des Krieges fiel diese Reise leider ins Wasser.

Während meines Studiums in Bern mussten viele meiner Kollegen in den Militärdienst. Ich war als Frau dienstfrei und konnte meine Vorlesungsnotizen kopieren, den rückkehrenden Kollegen schenken und ihnen so viel Nacharbeit ersparen.

Zu Hause, während meiner Vorbereitungen auf das erste Examen, hörte ich oft den Fliegeralarm. Unser Wohnhaus lag in der Luftlinie drei bis vier Kilometer vom Eisenwerk Gerlafingen entfernt. Dort war eine totale Verdunkelung unmöglich. Der feurige Schein der Hochöfen blitzte in die Nacht und war von amerikanischen Bombern aus bestimmt zu sehen. Unheimlich, stets um die gleiche Zeit brummten sie über unsere Häuser. Der dumpfe Lärm und die Angst zerrten an der Nervenkraft.

Die Briefe des hingerichteten Landesverräters

Martha Stuber (Bild: zvg)

Nicht regimegenehmer Kunstmaler auf der Flucht
Während zwei Semestern wurde mir vom Hilfsdienst in Basel eine Flüchtlingsfamilie zur «Betreuung» anvertraut. Ein grauenvolles Schicksal hatte diese Familie hinter sich: Vater und Mutter mit zwei kleinen Kindern. Der Vater war Kunstmaler in Berlin gewesen und hatte fliehen müssen, weil gewisse veröffentlichte kleine Bilder nicht «Hitler-freundlich» waren.

Kaum hatten sie die Grenze bei Basel passiert, sie waren schon auf Schweizer Boden, schossen die deutschen Soldaten noch auf sie. Im Wald konnte die Familie sich unter Gebüsch verstecken. Da ich als Studentin in der Villa eines Uni-Professors Gastrecht genoss, gelang es uns, eine kleine, alte Wohnung am Rhein für die Familie zu finden.

Die Frau konnte als Putzfrau etwas verdienen, der Mann malte fleissig Bilder. Ich blieb dieser Flüchtlingsfamilie bis vor kurzem verbunden, leider hat der Tod das letzte Glied, das in meiner Wohngemeinde lebte, ausgelöscht.

Der Studienaufenthalt in Basel birgt noch andere Erinnerungen an das Kriegsgeschehen in sich. Während wir Vorlesungen bei Professor John Staehelin in der psychiatrischn Klinik «Friedmatt» hatten, klirrten oft die Fensterscheiben von den Geschossen, die im nahen Elsass zwischen den Fronten hin und her flogen. Als von den Amerikanern Basel «versehentlich» bombardiert wurde, ich wohnte unmittelbar am Rhein, ergriff ich in fliegendem Tempo den Morgenrock und glitt in der Vorhalle der Villa die Treppe hinunter in den Luftschutzkeller. Der Schreck blieb mir noch lange in den Knochen!

Polnische Flüchtlinge brachten Virus mit
Aus einem Lager im unteren Emmental wurden einzelne Polen den Bauern als Helfer zugeteilt. Diejenigen auf dem «Neuhof» meiner ältesten Schwester waren sehr fleissig und freundlich. Sie schnitzten in der Freizeit wunderbare Spazierstöcke mit Verzierungen und anderes mehr, einfach aus Dankbarkeit. Leider brachten die Polenflüchtlinge ein Virus in unser Land, das bei Ansteckung zu schweren Leberleiden führte. Auch ich wurde getroffen und litt sehr lange daran. Als meine Schwester während der Semesterferien mit mir zur Erholung fuhr, kontrollierte mich ein Arzt im Engadin, der sein einziges Töchterchen wegen dieser Krankheit verloren hatte. Er litt sehr an diesem schweren Verlust, zeigte aber grosse Dankbarkeit, dass ich die Krankheit überwinden durfte. Ich muss seither Leber schonende Diät halten. Dr. Max Edwin Bircher in seinem Heim am Zugersee gab mir täglich eine Spritze mit Leber von jungen Kälbchen, das hat mich wieder ganz auf die Beine gestellt.

Die Kirchenglocken läuteten eine Viertelstunde lang
Wir Studentinnen und Studenten waren noch richtige Patrioten, die ihre Heimat liebten. Möchte doch der gute Geist von damals auch unsere junge Generation neu beseelen!

Die Dankbarkeit, dass unser Volk und Land von den Kriegswirren verschont blieb, war gross und ist es bei unserer Generation gewiss geblieben, soweit wir noch am Leben sind: Deo gratias! Welche Entspannung, als 1945 in der ganzen Schweiz die Kirchenglocken eine Viertelstunde lang das Kriegsende verkündeten.

In der ersten Nachkriegszeit absolvierte ich im unteren Teil des Kantons Solothurn mein berufliches Praktikum und logierte in einem grösseren Privathaus. Am Mittagstisch waren oft fünf bis sechs Nationen beisammen: Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern, darunter einige Juden. Der Gastgeber war «nebenamtlich» Präsident des Friedensbundes. So erlebte ich während des Krieges unser Land und Volk. Heute frage ich mich bezüglich der Gesellschaft: «Quo vadis Helvetia?»

Kleiner Nachtrag:
1. Ich glaube, im Sommer 1941, als ich ein paar Tage in Spiez zur Erholung weilte, war mir die Freude beschieden, unterwegs General Guisan zu begegnen. Er soll dort kurze Zeit an einem geheimen Ort logiert haben. Ich war tief beeindruckt vom General. Seine disziplinierte Gangart, die straffen Gesichtszüge, die starke, geistige (fast «feurige»!) Ausstrahlung leuchten noch heute in mir nach.

2. Kurz nach Kriegsende weilte ich als Gast für ein paar Tage auf dem Landgut von Gertrud Hämmerli-Schindler im Zürcher Oberland. Da wurde mir das Vergnügen zuteil, mit Professor Wahlen (Anbauschlachtplan) am Mittagstisch zu sitzen. Mir bleibt sein überaus einfaches, schlichtes Wesen, seine Freundlichkeit in Erinnerung. Frau Hämmerli-Schindler war Präsidentin des Bundes Schweizerischer Frauenvereine, nebenbei mit Oberaufsicht über die Soldatenstuben. Sie hatte dann und wann Kontakt mit den Herren Bundesräten und war eine überaus mutige «Helvetia» gegenüber der Landesregierung!

© Reformierte Medien und Autorin

Zurück

Übersicht

Weiter


Diesen Artikel mit anderen teilen:

 

ref.ch auf Twitter