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«Vom Hilfsdienst Basel wurden mir Flüchtlingsfamilien anvertraut»
Pfarrerin Martha Stuber, Jahrgang 1921, 8640 Rapperswil SG Hoch beladene Basler Autos auf der Flucht Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, besuchte ich das Gymnasium in Solothurn. Täglich ging es per Velo von Biberist nach Solothurn und retour. Spannung und Hektik lagen in der Luft. Auf der Hauptstrasse war reger Autoverkehr, alle fuhren Richtung Berner Oberland. Die meisten Wagen trugen das BS-Zeichen, nur wenige stammten aus anderen an Deutschland grenzenden Kantonen. Sämtliche Privatautos waren hoch beladen mit Matratzen und anderen Hausgeräten. Dieses Bild steht mir noch deutlich vor Augen. Im Landdienst fast zur Magd avanciert Die Bäuerin war offensichtlich sehr zufrieden mit ihren Helferinnen und Helfern. Am Schluss des Landdienstes wollte sie mich allen Ernstes als «Magd» anstellen, was ich natürlich ablehnen musste: Ich wollte mein Studium an der Uni abschliessen. Am Abend trafen sich meist alle «Gymeler» an einem bestimmten Ort zur «Lagebesprechung», um einander die Erfahrungen des Tages mitzuteilen und die Kriegslage zu diskutieren. Wir Studentinnen und Studenten waren zuversichtlich, hatten grosses Vertrauen in unsere Armee und General Guisan. Mit Bangen und etwas Angst kämpften wir, als Nachrichten vom Reduit kamen, aber Zuversicht überwog. Dass im Notfall unser Mittelland überschwemmt worden wäre, teilweise durch Ablassen des Wassers der Kraftwerke in den Bergen, um den Feind am Vorwärtskommen zu hindern, bekümmerte auch die Bauern. Zum Glück wurde das nicht nötig. Mit Begeisterung machten wir bei der Anbauschlacht von Bundesrat Wahlen mit. Mein Schwager besass in Kirchberg BE einen grösseren Bauernhof. Sämtliche breiten Feldwege wurden gut um die Hälfte umgeackert und mit Gemüse bepflanzt, nebst dem vorgeschriebenen Wies- und Ackerland – um mehr Kartoffeln, Rüben, Kohl und anderes zu pflanzen. Am Ende des Krieges bekam mein Schwager ein Ehrendiplom für den «Anbauschlachtplan». Mit Milchbettflasche von der Militärkontrolle erwischt Wir Jungen genossen es richtig, dass alle Wegweiser abmontiert worden waren. An Sonntagen radelten wir über Land und verfuhren uns manchmal. Dann klopften wir bei einem Bauernhaus an, zeigten unsere Personalausweise und fanden meist einen Ratgeber, der uns Vertrauen schenkte und uns ein Plänchen skizzierte, wie wir an unser gewünschtes Ziel kommen konnten. Höchst selten begegnete uns ein Auto. Vorlesungsnotizen für diensttuende Kollegen Während meines Studiums in Bern mussten viele meiner Kollegen in den Militärdienst. Ich war als Frau dienstfrei und konnte meine Vorlesungsnotizen kopieren, den rückkehrenden Kollegen schenken und ihnen so viel Nacharbeit ersparen. Zu Hause, während meiner Vorbereitungen auf das erste Examen, hörte ich oft den Fliegeralarm. Unser Wohnhaus lag in der Luftlinie drei bis vier Kilometer vom Eisenwerk Gerlafingen entfernt. Dort war eine totale Verdunkelung unmöglich. Der feurige Schein der Hochöfen blitzte in die Nacht und war von amerikanischen Bombern aus bestimmt zu sehen. Unheimlich, stets um die gleiche Zeit brummten sie über unsere Häuser. Der dumpfe Lärm und die Angst zerrten an der Nervenkraft.
Nicht regimegenehmer Kunstmaler auf der Flucht Kaum hatten sie die Grenze bei Basel passiert, sie waren schon auf Schweizer Boden, schossen die deutschen Soldaten noch auf sie. Im Wald konnte die Familie sich unter Gebüsch verstecken. Da ich als Studentin in der Villa eines Uni-Professors Gastrecht genoss, gelang es uns, eine kleine, alte Wohnung am Rhein für die Familie zu finden. Die Frau konnte als Putzfrau etwas verdienen, der Mann malte fleissig Bilder. Ich blieb dieser Flüchtlingsfamilie bis vor kurzem verbunden, leider hat der Tod das letzte Glied, das in meiner Wohngemeinde lebte, ausgelöscht. Der Studienaufenthalt in Basel birgt noch andere Erinnerungen an das Kriegsgeschehen in sich. Während wir Vorlesungen bei Professor John Staehelin in der psychiatrischn Klinik «Friedmatt» hatten, klirrten oft die Fensterscheiben von den Geschossen, die im nahen Elsass zwischen den Fronten hin und her flogen. Als von den Amerikanern Basel «versehentlich» bombardiert wurde, ich wohnte unmittelbar am Rhein, ergriff ich in fliegendem Tempo den Morgenrock und glitt in der Vorhalle der Villa die Treppe hinunter in den Luftschutzkeller. Der Schreck blieb mir noch lange in den Knochen! Polnische Flüchtlinge brachten Virus mit Die Kirchenglocken läuteten eine Viertelstunde lang Die Dankbarkeit, dass unser Volk und Land von den Kriegswirren verschont blieb, war gross und ist es bei unserer Generation gewiss geblieben, soweit wir noch am Leben sind: Deo gratias! Welche Entspannung, als 1945 in der ganzen Schweiz die Kirchenglocken eine Viertelstunde lang das Kriegsende verkündeten. In der ersten Nachkriegszeit absolvierte ich im unteren Teil des Kantons Solothurn mein berufliches Praktikum und logierte in einem grösseren Privathaus. Am Mittagstisch waren oft fünf bis sechs Nationen beisammen: Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern, darunter einige Juden. Der Gastgeber war «nebenamtlich» Präsident des Friedensbundes. So erlebte ich während des Krieges unser Land und Volk. Heute frage ich mich bezüglich der Gesellschaft: «Quo vadis Helvetia?» Kleiner Nachtrag: 2. Kurz nach Kriegsende weilte ich als Gast für ein paar Tage auf dem Landgut von Gertrud Hämmerli-Schindler im Zürcher Oberland. Da wurde mir das Vergnügen zuteil, mit Professor Wahlen (Anbauschlachtplan) am Mittagstisch zu sitzen. Mir bleibt sein überaus einfaches, schlichtes Wesen, seine Freundlichkeit in Erinnerung. Frau Hämmerli-Schindler war Präsidentin des Bundes Schweizerischer Frauenvereine, nebenbei mit Oberaufsicht über die Soldatenstuben. Sie hatte dann und wann Kontakt mit den Herren Bundesräten und war eine überaus mutige «Helvetia» gegenüber der Landesregierung! © Reformierte Medien und Autorin |
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