«Vaters geistig-religiöser Kampf gegen den Ungeist aus Deutschland»

Ueli Ott (Bild: zvg)

Pfarrer Ueli Ott, Jahrgang 1933, 4410 Liestal BL

Bei Kriegsausbruch im Pfarrhaus in Greifensee
Ich bin vor und während des Zweiten Weltkriegs in der Schweiz aufgewachsen und zur Schule gegangen. Im verträumten Kleinstädtchen meiner Kindheit waren wir elf Kinder in insgesamt sechs Schulklassen. See, Wald, Wiesen und Gärten bildeten unser Reich. Zur Bahnstation brauchten wir eine halbe Stunde. Kaum die Namen der nächsten Ortschaften wusste ich. Bäume, Tiere und Pflanzen mit ihrem Geruch, ihrer Farbe und ihrer Gestalt waren unsere Vertrauten.

Dann macht der Vater plötzlich im Garten Zielübungen mit einem Gewehr und geht zur «Ortswehr». Sein Gesicht läuft rot an, wenn er aus dem neuen Gerat, dem Radio in der Wohnstube, die Reden eines laut schreienden Menschen hört. Schliesslich eröffnet er mir, dass er wahrscheinlich auch auf der schwarzen Liste derjenigen sei, die jener Schreiende, wenn er unser Land bekäme, an die Wand stellen oder hinter Stacheldraht sperren würde.

Später wird unser Pfarrland zum Acker umgegraben. Kartoffelbrocken stecken im Brot, und eine Orange ist an Weihnachten eine Sensation. Milch wird kostbar. Offiziere logieren im Haus. Über meinem Bett hängt eine Postkarte mit dem Bild des Generals (Henri Guisan) und daneben das Konterfei eines Basler Theologieprofessors (Karl Barth), der «Mut habe», wie der Vater sagt. Mir machte er im Übrigen Eindruck, weil er so lustig mit den Backen wackeln und Tierstimmen nachahmen konnte.

Vier Jahre später, 1942, ziehen wir in die grösste Schweizer Stadt, ins «Arbeiterviertel». Zwei Dreizimmerwohnungen in einem grossen Mietblock geben das väterliche Pfarrhaus ab. Wir sind 40 Kinder in einer einzigen Schulklasse. Der Lehrer erzählt im Fach Religion Hauffs «Gespensterschiff». Hie und da sinken Kriegsnachrichten ins Schülerbewusstsein. Aber erst im ersten Gymnasiumsjahr, wie wir am Strassenrand stehen und dem englischen Premier Churchill mit Schweizer- und Englandfähnchen zuwinken, weil er in der Vaterstadt eine «europäische Rede» halten kommt, weitet sich unser Horizont ein wenig.

Vorspiel: Wächteramt und soziale Verantwortung
Mein Vater Ernst Ott, Religiössozialer und Antimilitarist, wurde 1927 reformierter Pfarrer in Safenwil AG. Bald brachte ihn sein Wirken in Auseinandersetzungen zwischen Arbeiterschaft und Fabrikdirektor. Das hatte schon unter seinem nachmals berühmten Vorvorgänger Karl Barth begonnen. Oft meinte mein Vater: «Ich musste auslöffeln, was Barth eingebrockt hatte.» Das Ganze kumulierte im Übertritt von rund 180 Personen zur christkatholischen Kirche und bewegte im Kirchenstreit von Safenwil eine breite Öffentlichkeit.

Die Freiheit kirchlicher Verkündigung und das Hineinzünden von der Bibel her in gesellschaftlich und politisch wichtige Fragen wurden für meinen Vater zur lebenslangen Herausforderung.

Safenwil war zum Übungsplatz für eine noch viel grösser Auseinandersetzung geworden: den kirchlich-theologischen Widerstand gegen den verbrecherischen Ungeist des deutschen Nationalsozialismus. Dabei vertiefte mein Vater sein theologisches Rüstzeug. Er hatte als junger Mensch noch Leonhard Ragaz im «Gartenhof» erlebt. Nun wurden ihm Zwingli und Calvin wichtig, und die christozentrische Theologie Karl Barths beeinflusste den Arbeitersohn sehr stark. Der nahe Kontakt zwischen den beiden blieb und übertrug sich auch auf mich, gerade im Bemühen um ein eigenes, unabhängiges Zeugnis in der jeweiligen Zeit. Mein Grossvater mütterlicherseits, Robert Aeschbacher, ein bekannter Berner Münster-Pfarrer, hatte Barth konfirmiert und geprägt. Er wurde in Bern der «soziale Pfarrer» (nicht als Kompliment gemeint) genannt, weil er die Betuchten auf charmante Weise dazu brachte, die Bedürftigen in der «Matte», die zu seiner Gemeinde gehörten, tatkräftig zu unterstützen. Kurzum: In unserer Familie hatte das, was wir heute Sozialethik nennen, Tradition und überträgt sich auf die jeweilige aktive Generation.

Hauptspiel: Anpassen oder Widerstehen?
Mit dem Wechsel nach Greifensee ZH 1931 beginnt für meinen Vater der geistig-religiöse Kampf gegen den aufziehenden Ungeist aus Deutschland. Er hatte meine Mutter Alice Ott-Aeschbacher, die erste Berner Theologin, geheiratet, die ihren Beruf nicht ausüben konnte und jetzt als Partnerin eines Pfarrers zu ihrer Bestimmung fand. Mit wachen Sinnen und einiger Sorge verfolgten beide die bedrohliche Entwicklung im Nachbarland, wo sie seinerzeit in Marburg ein Auslandsemester verbracht hatten. Leider verstarb meine Mutter vier Wochen nach meiner Geburt. Mein Vater war zeitlebens um mich, ihr gemeinsames Kind, sehr besorgt. Hautnah erlebte ich nun sein erneutes Engagement für Gerechtigkeit und Frieden ganz praktisch.

Nicht ins Innerschweizer Angsthäuschen gehen
Als Knirps habe ich mich geniert, dass mein Geburtsjahr ausgerechnet mit der Machtergreifung Hitlers zusammenfiel. Das wütende Gesicht meines Vaters, wenn er auf diesen Unmenschen und seine Gefolgsleute zu sprechen kam, speziell auch auf die Anpasser in der Schweiz, blieb mir lebhaft in Erinnerung. Wenn er von «Fröntlern» oder «den 200» sprach, war mir klar, dass dies Leute waren, die mit den Nazis sympathisierten. Früh erwähnte er den Begriff «Judenverfolgung» und später, während des Krieges, Gräuel in den Konzentrationslagern, wo man Menschen vernichte!

Als Kind war mir ein Ausdruck rätselhaft, den mein Vater viel, meist negativ gebrauchte, er sprach vom «Staat»: Was der tat oder vor allem nicht tat, Juden an unserer Grenze zurück in den Tod schickte, Vorträge und Schriften zensurierte, vor den Nazis kuschte etc. Als die Schweiz von den Achsenmächten ganz eingeschlossen war und es Angst vor einer deutsch-italienischen Invasion gab, meinte mein Vater: «Ueli, wir bleiben hier und gehen nicht in ein Innerschweizer Angsthäuschen!»

Der Umzug nach Zürich-Aussersihl machte mir als Neunjährigem die Bedrohung noch gegenwärtiger. Als Paul Vogt 1943 Flüchtlingspfarrer wurde und unsere Kirche ihre Hilfe an jüdischen Menschen verstärkte, war mir längst klar geworden, dass man sich für Verfolgte und gegen die Ursachen ihrer Not einsetzen musste, unter Umständen auch «gegen den Staat», wie Vater es formulierte. Ein Franzosenbub aus Paris war eine zeitlang bei uns und führte mir mit seiner Magerkeit leibhaftig vor Augen, was seine besetzte Heimat durchmachte. Erst nach dem Krieg logierten oft Leute der «Bekennenden Kirche» bei uns und erzählten von Widerstand, Gefängnis und Schrecken. Tante Mimi aus Hamburg trauerte jahrelang um ihren in Russland verschollenen Mann, ihr Silberbesteck ruhte bei uns im Estrich und musste lange auf sie, eine couragierte Schweizer Theologin, warten. Die Bewahrung vor dem Krieg verpflichtete die Schweiz zu europäischer Solidarität und unsere Kirche zu tatkräftiger Hilfe, war Vater überzeugt. Als das Hilfswerk der evangelischen Kirchen der Schweiz (Heks) entstand, war dies deshalb das dafür geeignete Instrument.

© Reformierte Medien und Autor

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