«Vaters Abschied von der Familie»

Pfarrer Hans J. Stückelberger, Jahrgang 1930, 8122 Binz ZH

Wir hätten nicht zum Reduit gehört
Ich beschränke mich auf eine Erinnerung und nehme auch Stellung zu einem Fernsehbericht, der kürzlich zum Thema Zweiter Weltkrieg und Reduit ausgestrahlt wurde. Die Journalistin stellte immer wieder das Schicksal der Bevölkerung zur Diskussion, die im Falle eines Krieges im besetzten Gebiet hätte leben müssen. Dass das Verteidigungskonzept den Grossteil der Bevölkerung nicht schützen konnte, war damals allen Schweizern klar. Aber es gab einen nationalen Konsens, dass man die einzige Möglichkeit zum Widerstand ausnützen wollte. Denn ohne das Reduit wäre mit grösster Wahrscheinlichkeit die ganze Schweiz verloren gewesen. Diesen nationalen Konsens zum Widerstand bestätigt meine Erinnerung:

Unsere Mutter war im Sommer 1943 mit vier Kindern – ich war das dritte Kind und zwölf Jahre alt – im Bündnerland in den Ferien, während unser Vater als Kompaniekommandant im Dienst war. Er kam für zwei Tage zu uns. Die Atmosphäre war gedrückt, denn man rechnete mit der Möglichkeit eines baldigen Angriffs durch die deutsche Armee. Wir Kinder wussten, dass wir den Vater vielleicht nie wieder sehen würden. Als Vater gehen musste, begleitete meine Mutter ihn ein Stück auf dem Weg zum Bahnhof und nahm mich mit. Mitten auf dem Weg nahmen meine Eltern Abschied von einander. Beide waren schweigsam und bleich. Denn unsere Familie und auch der Frontabschnitt, an dem Vater eingesetzt war, gehörten nicht zu dem Reduit, das am besten geschützt war und bis zu letzt verteidigt worden wäre. Aber meine Mutter beklagte sich mit keinem Wort. Es war fraglos, dass man dem Naziregime jeden möglichen Widerstand entgegensetzen wollte, und man war bereit, dafür auch Opfer zu bringen. Für meine Eltern war dies auch ein Gebot ihres Glaubens.

© Reformierte Medien und Autor

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