«Vater, ein evangelischer Journalist, wurde von der Zensurbehörde in Bern gerügt»

Rudolf Mäder (Bild: zvg)

Pfarrer Rudolf Mäder, Jahrgang 1931, 5040 Schöftland AG

Vater leitete das Quarantänelager für Flüchtlinge
Ich bin in Bülach ZH, nahe der deutschen Grenze aufgewachsen als Sohn eines Lehrers (Seminar Unterstrass – der Grossvater war dort Musiklehrer). Nebenbei redigierte mein Vater die Evangelische Volkszeitung (EVZ) der EVP. 1938 wurde er 48-jährig wegen Krankheit aus der Wehrpflicht entlassen.

Nach der militärischen Generalmobilmachung vom 1. September 1939 meinte mein Vater: «...aber doch nicht ohne den Mäder!» Er meldete sich, und der alte Feldweibel des Ersten. Weltkrieges wurde wieder aufgeboten zur Ausbildung in einer HD-Kompanie zur Bewachung der Grenze – Reservetruppen. Wir drei schulpflichtigen Kinder nahmen Anteil (stolz!) und wurden gelegentlich, wenn der Vater Sonntagsdienst hatte, zu ihm eingeladen (nach Maschwanden und Nassenwil ZH, Buchberg SH). Später, gegen Kriegsende, wurde mein Vater noch Ortschef der Kriegsschadenfürsorge und leitete in einem der Schulhäuser ein «Quarantänelager» mit verschiedensten Flüchtlingen, besonders aus osteuropäischen Ländern (Polen, Tschechen, Ungaren). Mein Vater musste Dolmetscher ausfindig machen, teils Arbeiter der Bülacher Flaschenfabrik, die aus diesen Ländern stammten. Die Küche wurde organisiert (Feldweibelarbeit!), Entlausungsarbeit wurde nötig, daher war das Schulhaus seuchengefährdet abgeriegelt.

In dieser Zeit hörte ich am 7. Mai 1945 auf einem deutschen Radiosender von der Kapitulation Deutschlands und wurde Überbringer dieser Freudennachricht an meinen Vater.

8. Mai 1945: Friedensgottesdienst in unserer reformierten Kirche – die Kirche war abends bis auf den letzten Platz voll besetzt – beide Pfarrer waren am Gottesdienst beteiligt. Als 14-Jähriger erlebte ich dies als einen der Höhepunkte in meinem damaligen Leben.

Vater als evangelischer Journalist gerügt
Noch etwas zur redaktionellen Arbeit meines Vaters in der EVZ: Er konnte oft nicht umhin, seine Meinung zu veröffentlichen und wurde dafür von der Zensurbehörde in Bern gerügt. Einem hauptberuflichen Redaktor, der uns wöchentlich zum Kaffeetrinken besuchte, erging es noch schlimmer. Die beiden tauschten ihre Gedanken aus und waren stolz darauf, von Bern gerüffelt zu werden.

Lehrer als Luftschutzsoldat auf dem Kirchturm
Meine erlebte Kriegszeit 1939 bis 1945 sah so aus: Als Pfadfinder wurden wir gelegentlich auch mit der Luftschutztruppe zu einer «Notfallvorbereitungsübung» aufgeboten und besonders für den Sanitätsdienst eingesetzt.

Bülach wurde während des Kriegs oft von fremden Militärflugzeugen überflogen. Die Sirenen heulten. Unser Sekundarlehrer musste als Luftschutzsoldat zur Beobachtung jeweils auf den Kirchturm – wir Schüler freuten uns natürlich!

Noch früher, ich weiss nicht mehr wann, man rechnete mit einem Einfall der deutschen Truppen, instruierte Mutter uns für den Fall, dass wir sie verlieren sollten. In den drei Rucksäcklein für jedes Kind befanden sich Notvorräte – Konserven, Kondensmilch, Suppenwürfel, Dörrfrüchte. «Da hat es noch etwas, das euch eine gütige Frau kochen kann...», wahrscheinlich war auch noch etwas Verbandsmaterial im Rucksack, noch ein zusätzlicher warmer Pullover – ich weiss nicht mehr alles so genau. Jedenfalls für drei bis vier Tage Verpflegung.

Anbauschlacht im Hardwald
Fliegende Festungen über Bülach – Bombardierung von Schaffhausen, Eglisau – ich meine mich zu erinnern, dass auch in Rafz eine Bombe fiel. Notlandungen. Lärm bei Tag und Nacht. Oft wurden Flugzeuge zur Landung gezwungen. Mein älterer Bruder wollte oft der erste sein, der die Landenden begrüsste und bettelte um Kaugummi, um «Chewing-gum», was wir damals kaum kannten, seine ersten Englischkenntnisse halfen ihm.

Ich erinnere mich auch an die Anbauschlacht: Vom Hardwald in Bülach wurden einige Hektaren gerodet, um Kartoffeln und Getreide anzupflanzen. Unser Nachbar bewarb sich zum Baumstöckesprengen, Dynamitlöcherbohren, Sprengen und dann Holzzusammenlesen und Heimtransportieren. Auch unser Holz holten wir Schulbuben im Wald per Leiterwägeli, sägten und spalteten und versorgten es für den Winter.

© Reformierte Medien und Autor

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