«Unser Erzieher in Wien war ein SS-Unterscharführer»

Hans Jaquemar (Bild: zvg)

Pfarrer Hans Jaquemar, Jahrgang 1932, 9485 Nendeln FL

SS-Erziehung in funktionierendem Kloster
Ich bin in Wien geboren, in Niederösterreich aufgewachsen, habe die erste bis dritte Klasse (1942 bis 1945) in einer «Deutschen Heimschule» (Realgymnasium) unter SS-Erziehung verbracht. Die Schule befand sich in einem Kloster, das nach wie vor «in Betrieb» war. An einem Sonntag, als die Leute über den Klosterhof in die Kirche gingen, schauten wir mit unserem Erzieher, einem SS-Unterscharführer, vom Fenster hinunter. Seine Bemerkung «Das wäre jetzt toll, mit einem MG da hineinzuschiessen» hat uns durchaus gefallen. Mit 12- bis 13-Jährigen kann man fast alles machen.

Pfarrer wollten der NSDAP beitreten
Ich komme aus einer «sehr» evangelischen Familie, als Hugenotten seit 1781 in Wien (Kaiser Josef II – Toleranzpatent). Auch Pfarrer gab es in der Familie. Mein Vater leitete ein diakonisches Werk.

Die Evangelische Kirche in Österreich bekam durch die Drangsale der erzkatholischen reaktionären Ära im Ständestaat unter Dollfuss und Schuschnigg eine sehr deutschnationale Schlagseite. Der «deutsche» Luther. Es gab Pfarrer, die sich beim Führer beschwerten, dass sie als Pfarrer nicht der NSDAP beitreten durften und damit Juden gleichgestellt würden. Mein Vater und meine Mutter folgten der allgemeinen Begeisterung – wobei wir Kinder es unserem Vater zeitlebens danken, dass er sich sofort nach 1945 zum Irrtum seines Lebens öffentlich bekannte, nachdem liebe Freunde in der Kirche, in der er ein angesehener Mann war, diese Jahre verschweigen wollten. Ich bin überzeugt, dass meine Eltern von dem Furchtbaren der Nazizeit nichts wussten; wir Kinder erwachten nach dem Krieg in ein völlig neues Bewusstsein hinein. Das danke ich auch unseren Lehrern, die zum Grossteil als Gezeichnete aus dem Krieg nach Hause kamen.

Weshalb war die Nachkriegszeit so militarisiert?
1950 begann ich in Wien Theologie zu studieren; von 1952 bis 1954 in Zürich. – Eduard Schweizer, Bultmann, Junge Kirche, Studentengemeinde. – Ich, eigentlich wir alle, waren so geheilt von Faschismus und Militarismus, dass ich es nicht verstand, dass ein so heiles Land wie die Schweiz, zu der ich über das Heks auch zahlreiche persönliche Kontakte hatte, so militarisiert war und es sogar ein «Knabenschiessen» gab und Militärdienstverweigerung unmöglich war. So konnten «wir» es uns auch nicht vorstellen, dass 1956 Österreich wieder ein Heer aufstellte; vom Militärdienst allerdings waren Theologen befreit – weil man das wohl als kein christliches Handwerk ansah. Das hat mich dann dazu provoziert, dass ich mich aus Solidarität freiwillig meldete und dadurch als Pfarrer in Bregenz nebenbei auch Militärpfarrer wurde, allerdings vor allem als Anwalt der Verweigerer und kritischer Kollege.

PS: Da ist noch etwas nachzutragen: Ich erinnere mich, als meine Grosseltern in den Jahren vor 1939 vom Ersten Weltkrieg erzählten. Wenn ich manchmal betroffen bin, wie die heutige Generation die Kriegs- und Nazizeit kaum zum Thema hat, während sie meiner Generation immer gegenwärtiger und bewusster wird (Alterserscheinung?), dann muss ich mich zurecht schütteln, weil das ja inzwischen 60 Jahre her ist.

© Reformierte Medien und Autor

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