«Soldaten wollten unser Haus in Zürich sprengen»

Susanne Kramer-Friedrich (Bild: zvg)

Susanne Kramer Friedrich, Jahrgang 1935, 8006 Zürich

Barbara, das deutsche Kindermädchen
Als meine Mutter nach meiner Geburt aus der Pflegerinnenschule mit mir nachhause kam, fand mein Vater, sie müsste nun «ein Dienstmädchen» haben. Er fuhr nach Geschäftsschluss ins Marthahaus an der Zähringerstrasse: da sassen eine ganze Reihe deutscher Mädchen im Entrée, die in die Schweiz gekommen waren, um hier «in Stellung zu gehen». Er las Barbara D. aus dem Badischen aus, die nicht mehr ganz jung war. Sie sprach ihren badischen Dialekt, der für unsere Ohren nicht wirklich deutsch klang. Ich weiss nicht, warum sie ihr Heimatdorf und -land verlassen hatte; ob es nur um den Verdienst ging, der übrigens alles andere als rosig war. Sie blieb auch während des Krieges bei uns – und konnte zwischen 1939 und 1945 nicht ein einziges Mal nachhause fahren. Zwei ihrer vier Brüder sind im Krieg gefallen, der dritte geriet in russiche Gefangenschaft und kam nicht wieder zurück - nur einer überlebte. Sie hatte in ihrem Schrank im Laufe der Kriegsjahre die Schokolade und die Seife, die man mit den Lebensmittelkarten kaufen konnte, für ihre Geschwister gesammelt. Die Seife brachte sie ihren Schwestern, die Schokolade aber roch so nach Seife, dass man sie nicht mehr essen konnte.

Ich denke, niemand von uns ahnte auch nur, was Barbara in diesen Jahren an Angst und Trauer um ihre Lieben litt. Die Deutschen waren in diesen Jahren auch für uns vor allem die Feinde – heute ist mir unverständlich, wie sie es bei uns aushielt. Vielleicht dank ihrer Freundinnen in der «Jungfrauenkongregation» – sie war streng katholisch. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie sich jemals an einem Gespräch über den Krieg beteiligt hätte – sie ass ja auch nicht mit uns im Esszimmer, sondern in der Küche...

So war das damals eben. Für mich und wohl auch für meine Eltern gehörte sie aber zu uns – und Barbara hat es vielleicht auch so empfunden. Jedenfalls blieb sie in der Schweiz und in unserer Nachbarschaft. Sie wurde später eingebürgert. Erst als sie mit über 90 Jahren in ein Pflegeheim eintreten musste, holte ihr Neffe sie nach Deutschland zurück. Dort starb sie vor einem Jahr, im August 2008. Mir scheint, wir sind ihr vieles schuldig geblieben.

Soldaten wollten unser Haus sprengen
Ich wuchs mit meinen Eltern und einem älteren Bruder in einem eigenen Haus mit grossem Garten auf, etwa 500 Meter von der Stadtgrenze entfernt. Eines Tages, im Frühling 1940, stapften frühmorgens Soldaten in unserem Garten herum und begannen, Sträucher abzuhacken. Mein Vater war selber als HD im Dienst, meine Mutter versuchte, die Soldaten zu stoppen – aber da kam der Leutnant dazu und erklärte ihr kurz und bündig, sie hätten den Befehl, auf der Grenze zum nächsten Gründstück eine Tankmauer* zu bauen und zuoberst in unserem Garten einen Bunker, von dem aus die Strasse beschossen werden könne, wenn die Deutschen kommen würden. Und damit die Schusslinie frei sei, müssten sie im Ernstfall unser Haus sprengen. Das sei Teil des Verteidigungsriegels, welcher der Stadtgrenze entlang erstellt wurde.

Sonderbarerweise wich diese Verteidigungslinie aber auf der Höhe der Stadtgrenze von der geraden Linie ab. Dort stand das Haus eines Obersten – und deshalb wurde die militärische Anlage um ein paar hundert Meter verschoben. Gegen einen Obersten hatte mein Vater als Hilfsdienstler nichts zu melden.

(* Tank war die damalige Bezeichnung für Panzer.)

Vaters Freund war für Nazideutschland
Einer der besten Freunde meines Vaters war ein bekannter Theologe, wie er Mitglied der Jung-Reformierten. Dieser Freund war manchmal am Sonntag bei uns zu Besuch. Da wurden ernste und angeregte Gespräche über Politik im Allgemeinen, den Nationalsozialismus und die Haltung der Schweiz – im Besonderen auch der Kirchen der Schweiz – gegenüber Nazideutschland geführt. Diese Beziehung endete eines Tages abrupt: Nach einem immer lauter geführten Wortwechsel stand mein Vater – ein konsequenter Gegner des neuen Deutschlands – plötzlich auf, ging zur Haustür, öffnete sie weit und sagte: «Ruedi, verlass mein Haus und komm mir nie mehr unter die Augen! Wer so denkt wie du, reisst uns alle ins Verderben!»

Dabei waren viele Lieferanten der Firma meines Vaters in Deutschland, und trotzdem oder gerade deswegen sah er die Veränderungen mit Sorge und Schrecken und der ihm eigenen Kompromisslosigkeit.

Vater hat einen Spion gestellt
Im Sommer 1940 machte mein Vater mit mir einen Abendspaziergang über den «Kleinen Rigi», einen noch heute unüberbauten Moränenzug an der Stadtgrenze, wo eben in aller Eile Tanksperren und Bunker gebaut worden waren. Plötzlich sagte mein Vater zu mir «Blyb da stah» und ging auf einen Mann zu, der in der Nähe mit einem der damals üblichen «Chäschtliapparate» fotografierte: «Was tun Sie denn da? Wissen Sie nicht, dass Fotografieren hier verboten ist?» Er fotografiere ja nur die Aussicht, antwortete der Mann und versuchte wegzurennen, aber mein Vater holte ihn ein, bemächtigte sich des Fotoapparats und führte ihn zum Polizeiposten. Es stellte sich heraus, dass er die ganze Anlage abgelichtet hatte. Der Mann, ein Deutscher, der länger in der Schweiz lebte und Inhaber eines Fotogeschäftes war, musste die Schweiz verlassen. Mein Vater hatte nach seiner Überzeugung gehandelt - aber trotzdem machte er sich später ein Gewissen, weil er einen Familienvater, wie er selber einer war, angezeigt und damit ausgeliefert hatte.

Jüdisches Ehepaar bei uns in Untermiete
Mein Vater starb im November 1941 ganz plötzlich an einem Herzversagen. Da brach für uns die Welt zusammen. Im Keller stand der voll bepackte Leiterwagen für die Flucht bereit – und meine Mutter liess meinen Vater entgegen der damaligen Ansicht positiver Christen kremieren. «Ich will seine Asche mitnehmen, wenn wir fliehen müssen», erklärte sie und grub die Urne provisorisch im Garten ein.

Nach dem Krieg vermietete meine Mutter möblierte Zimmer, in den ersten Jahren nicht selten an Menschen, die auf ihr Visum nach USA, Kanada oder Australien warteten. Ein sehr junges, halbjüdisches Ehepaar war dabei – die Frau hat in dieser Zeit in Zürich ihr erstes Kind geboren. Sie wollten in Zürich Geld ihrer Eltern abheben, die deportiert und in Konzentrationslagern umgekommen waren; aber das wurde ihnen von der Bank trotz aller Ausweise verweigert – weil sie keine amtlichen Totenscheine ihrer Eltern vorlegen konnten. So fuhren sie, ohne meiner Mutter die Miete zu bezahlen, unverrichteter Dinge nach Le Havre, um sich nach Amerika einzuschiffen. Das kam mir wieder in den Sinn, als in den Achtzigerjahren die nachrichtenlosen Vermögen Thema wurden. Auch die Schweiz hatte ihre dunklen Seiten.

© Reformierte Medien und Autorin

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