«Pfarrer abgewählt wegen Anti-Nazi-Predigten»

Barbara Hugentobler-Rudolf (Bild: zvg)

Pfarrerin Barbara Hugentobler-Rudolf, Jahrgang 1933, 8126 Zumikon ZH

Der Pfarrer stand mit der Familie auf der Strasse
Ich bin im Zürcher Unterland, nahe dem Tössegg, unweit der Deutschen Grenze, aufgewachsen. Zwar nicht in einem Pfarrhaus, jedoch sehr verbunden mit der damaligen Pfarrfamilie. Dieser pfarrerliche Freund hatte klare Vorstellungen zum Naziregime und tat dies auch in seinen Predigten kund. Er versuchte Entwicklungen ins rechte Licht zu rücken und warnte vor Einschmeicheleien oder gar Unterstützungen. Die Kirchgemeinde in bäuerlicher Umgebung – damals das längste Strassendorf im Kanton Zürich – hörte seine direkten Äusserungen gar nicht gern. Die Verknüpfungen zur Bibel in den Predigten wurden ungern wahrgenommen. Weil er ebenso gegen den schleichenden Alkoholismus im Dorf wetterte, war die Unterstützung nur oberflächlich. Offenbar im Stillen regten sich Kräfte gegen ihn, und bei einer Wiederwahl gaben ihm die Stimmbürger einen so genannten Denkzettel und wählten ihn – scheinbar ohne Aussprache – unerwartet ab. Eine Familie mit vier schulpflichtigen Jugendlichen stand plötzlich auf der Strasse! Das bewegte meine Eltern, Unverständnis brach hervor und führte zu erfreulichem Handeln: Jemand aus unserer Familie musste noch am selben Tag mit dem Velo ins Pfarrhaus fahren und einen Briefumschlag abgeben. Erst viele Jahre später erfuhr ich, dass meine Eltern ihnen einen kleinen Startbatzen überreicht hatten.

Die Stellensuche war in einer solchen Situation auch damals sehr schwierig. Ein zweites Zeichen setzten meine Eltern, indem der ältere Sohn bei uns unkompliziert aufgenommen wurde, um weiterhin das Gymnasium besuchen zu können. Beide Familien blieben bis zu ihrem Tod in Freundschaft verbunden.

Lebensmittelkarte verloren
Wir Kinder – auch viele Nachbarskinder – mussten oft mithelfen beim Suppenkochen für die Soldatenstube, die in unserer Nähe aufgestellt war, geschützt unter einem Eisenbahnviadukt.

Für die Allgemeinheit galt es Ähren aufzulesen, jedes Korn war wertvoll (wie bei Ruth!) und zweimal in der Woche an einem freien Nachmittag mussten wir einen Duvetanzug voll Mohnkapseln aufschneiden für die Ölproduktion. Es gab manche Blase an den Fingern und Tränen!

Eines Tages wurde ich beauftragt, die normale Mahlzeitencouponkarte meiner Mutter auf der Gemeindekanzlei in eine Diätkarte umzutauschen. Ich durfte mit dem Velo hinfahren. Aber wo die neue Karte verstauen, ohne Gepäckträger und ohne Sack? Ich stopfte sie kurzentschlossen hinter den Schürzenlatz und fuhr los. Oh Schreck, zu Hause angekommen war keine Karte mehr da. Der Tadel war vorprogrammiert, ebenso eine schlaflose Nacht, Einschränkungen ersichtlich. Am Vormittag kam dann das erlösende Telefon von der Gemeinde: Die Karte sei von einem ehrlichen Finder abgegeben worden und abholbereit. Das war nur möglich, weil alle Karten mit den Namen versehen waren.

© Reformierte Medien und Autorin

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