Nachrichten
Am meisten gelesen |
«Onkel Eduard war ein Fröntler»
Prof. Dr. theol. Werner Kramer, Jahrgang 1930, 8006 Zürich Wir spielten «Abessinier gegen Tschinggen» Die Ereignisse vor dem Zweiten Weltkrieg erschienen in den Gesprächen der Eltern als Katastrophen: 1936 der Überfall Italiens auf Abessinien, der Negus Haile Selassie war für uns Opfer und Held; der Überfall auf Albanien – an einem Karfreitag! Der Gipfel der Gemeinheit. Dann München mit den Bildern von Eden und Daladier in den Zeitungen – von der Mutter hoffnungsvoll kommentiert, vom Vater rabenschwarz als Kapitulation gesehen. Der Anschluss Österreichs 1938 mit den jubelnden Wienern. Das Ende aller Hoffnung. Alle diese Ereignisse spielten eine Rolle bei dem, was wir Sechs- bis Neunjährige spielten («Abessinier gegen Tschinggen»), was wir auf dem Randstein sitzend schwatzten. Wir schnappten auch entsprechende Spottverse auf, die wir unermüdlich nachplapperten oder sangen: Direkter Draht zu Deutschland Offenbar war schon vor dem Krieg in Deutschland die Butter rationiert oder kontingentiert. Von Zeit zu Zeit packte meine Mutter ein «Ankemödeli» in viele Schichten von Karton und Papier und schickte es Mischa nach München. Ihr Kommentar: Hitler braucht das Geld für Kanonen statt Butter. Fröntler und Nazisympathisanten in der Nachbarschaft Voll Enttäuschung erzählte er immer wieder, dass die zur gleichen Gemeinde gehörenden Herr und Frau H. und Herr und Frau W., alle seit langer Zeit in der Schweiz lebende Deutsche, 1933 nach Waldshut D gefahren seien, um dort ihre Stimme für Hitler abzugeben. Ein bedrückendes Erlebnis: 1. August 1936 oder 1937. Mutter ging abends mit uns Kindern auf die Waid, um von dort die Augustfeuer über allen Seegemeinden zu sehen. Auch auf der Waid brannte ein Augustfeuer, umgeben von vielen Menschen. Wir drängten uns etwas vor. Da standen dicht in einem Kreis um das Feuer Männer in weissen Hemden und schwarzen Kravatten, die rechte Hand zum Hitlergruss erhoben. Plötzlich entdeckte mein Bruder unter diesen Männern Onkel Eduard, den jüngsten Bruder meiner Mutter. Mutter hatte ihn offenbar auch entdeckt. Auf alle Fälle sagte sie: «Kommt, wir gehen», und zog die beiden Jüngsten an der Hand weg, ohne weitere Erklärung. Onkel Ed ein Fröntler? Er sei noch jung, ehrgeizig und verblendet. Er meine es sicher nicht bös. Aber als Jurist müsse er bei einer Partei sein, um etwas zu werden. Anders als andere Fröntler – nicht zuletzt Juristen – die nach dem Krieg trotz Fröntlervergangenheit Karriere machten, büsste Onkel Ed seine «Jugendsünde» ein Leben lang. Er war zwar ein glänzender Jurist in Wissenschaft und Praxis mit einer starken sozialen Ader. Aber er hatte die Chuzpe nicht, seine Vergangenheit zu überspringen, als ob nichts gewesen wäre. Er blieb ein kleiner Jurist, der viel publizierte, aber weder das grosse Geld noch Karriere machte. In der gleichen Einfamilienhäuschenkolonie wie wir wohnten die Familien B. und H. Beide Frauen stammten aus Deutschland, und man sagte ihnen Sympathie für Hitlerdeutschland nach. Beide hatten Söhne im Alter meines älteren Bruders. Irgendwann während des Krieges waren sie weg. Es hiess, sie seien mit einem Dritten nach Deutschland gereist und hätten sich bei der Waffen-SS zum Kriegsdienst gemeldet. Unbegreiflich: Wie kann man auch? Wir erfuhren über lange Zeit nichts mehr von ihnen. Nach dem Krieg kehrten sie in aller Stille zurück. W. mager, gealtert, mit schwarzen Zähnen und Zahnlücken vorne. Er habe an der Ostfront gekämpft. Wir haben ihn nie über seine Kriegszeit befragt. Er lebt noch heute im elterlichen Haus, wurde ein ruhiger, freundlicher Nachbar, mit Freude an Kindern und erinnert sich gerne an die gemeinsame Kinderzeit. K. machte später beruflich und politisch Karriere, wurde Quartierpolitiker und Gemeinderat der FDP. Es war nie etwas von einer revisionsbedürftigen Vergangenheit spürbar. Ob ihn andere darauf angesprochen haben? Essrationen für Hunde statt für Flüchtlinge Man hörte, Juden seien in die Schweiz geflüchtet. Jüdische Schauspieler seien am Schauspielhaus zu sehen. Das fanden wir gut. Onkel F. war Schriftsteller. Plötzlich hiess es in der Verwandtschaft, sein jüdischer Schriftstellerkollege Neumann sei aus Deutschland geflohen und wohne nun bei ihm. Das machte uns stolz. Bei Verwandtenbesuchen lernten wir Herrn Neumann kennen. Die Erwachsenen redeten mit ihm. Wir Kinder hörten still zu. Nach einigen Monaten hiess es, Herr Neumann habe nicht länger bei Onkel F. wohnen können. Es seien Schwierigkeiten zwischen den beiden Männern aufgetreten. Mehr erfuhr ich nicht. Ist Herr Neumann in ein anderes Land weitergereist? Musste er zurück nach Deutschland? Ich war enttäuscht und hätte gewünscht, Herr Neumann wäre zu uns gekommen. Landsgemeinde der Jungen Kirche Schweiz Ende August 1943 (oder 1942?) im Hallenstadion Zürich. Ich war noch zu klein, aber mein älterer Bruder und meine ältere Schwester waren dabei. Sie kamen erregt nach Hause. Pfarrer Walter Lüthi habe in der Predigt gesagt, wir könnten noch viele Flüchtlinge ernähren, wir hätten ja auch für viele tausend Hunde genug zu fressen. Aber Bundesrat von Steiger habe gesagt, es sei wie in einem kleinen Rettungsboot, das nicht alle aufnehmen könne, die hinein möchten. So unmenschlich, so unchristlich sei Bundesrat von Steiger. Damit wurde Flüchtlingshilfe für uns ein grosses Thema. Gewährsleute wurden Flüchtlingspfarrer Paul Vogt und Gertrud Kurtz. Wir beteiligten uns an Sammlungen und waren interessiert an Informationen. Für mich persönlich ist da eine Wurzel für mein Engagement in Asyl-, Flüchtlings- und Migrationsfragen in unserer Zeit. Unsere Frontlinie war ein dicker, roter Faden An einem Junimorgen 1941 rasierte sich mein Vater frühmorgens in der Küche bei halbgeschlossenen Fensterläden. Da habe es an den Fensterladen geklopft. Nachbar E. sei draussen gestanden und habe Vater gemeldet, die Deutschen hätten Russland angegriffen. Die Reaktion meines Vaters: Jetzt hat Hitler den Bogen überspannt. Auch Napoleon ist in Russland gescheitert. Unvergesslich der 6. Juni 1944, Tag der Invasion in der Normandie. Ich sehe noch heute das erste Lagekärtchen in der NZZ über den Brückenkopf bei Caen. Ich ritzte das Datum in mein Lineal ein. Überhaupt wurde das Lineal in der Sekundarschule zu einer Chronik dessen, was mich politisch bewegte. Da standen die Namen der Männer, die ich verehrte. Allen voran Churchill, dann de Gaulle, Roosevelt, Montgomery, Eisenhower, aber auch Karl Barth. Auch der 20. Juli 1944 bleibt mir in Erinnerung. Ich denke noch heute jedes Jahr an diesem Tag an das Attentat von Stauffenberg auf Hitler. Ich war damals bei meinen Verwandten am Irchel im Landdienst. Als ich mittags gegen 12.30 Uhr zum Mittagessen vom Weizen aufnehmen auf dem Feld nach Hause kam, ertönten die Nachrichten aus allen offenen Fenstern auf die Strasse. So erfuhr ich vom Attentat und gleichzeitig von seinem Misslingen. Ich hoffte dennoch so lang als möglich auf ein Wunder, das aber nicht eintrat. Ich identifizierte mich in meiner Phantasie auf vielfältige Weise mit dem Widerstand und dem Attentat gegen Hitler. Mein erster Vortrag in der Mittelschule galt diesem Thema. Während Jahren, spätestens vom Beginn des Russlandfeldzuges an, führten mein älterer Bruder und ich täglich den Frontverlauf auf einer grossen Europa- und Nordafrikakarte nach. Die Karte hing an der Wand neben der Treppe zum ersten Stock. Die Frontlinie war ein dicker, roter Wollfaden, den wir mit Stecknadeln festmachten. Zuerst die deprimierenden Riesenschritte der Deutschen Richtung Osten bei Smolensk, dann bis vor Moskau und Stalingrad. Das Festsitzen des roten Wollfadens um Leningrad. Hauptpunkte der Geographie Russlands wurden mir so bekannt. Dieses Verschieben der Frontlinie war eine tägliche Enttäuschung und Trauer. Dann das wunderbare Erleben des Verschiebens des Fadens in der umgekehrten Richtung. Zuerst in Nordafrika und Italien, dann in Russland. Fluchtleiterwagen wartete im Kellergang Das einschneidenste Erlebnis: Unsicherheit, Angst im Mai 1940. Nach dem Überfall der deutschen Truppen auf Holland, Belgien, Luxemburg. Zweite Mobilmachung. Steht ein Überfall auf die Schweiz kurz bevor? Da wir in Zürich in der Nähe des Tunneleingangs von Zürich-Wipkingen nach Zürich-Oerlikon wohnten, hiess es, im Ernstfall würde dieses Gebiet sofort bombardiert. Wir müssten uns auf eine Evakuation vorbereiten. Ich sehe mich noch heute mit meinem Vater in unserem Kellergang. Er hatte unseren Leiterwagen aufgestellt und schrieb mit einer Redisfeder und Tusche in Druckbuchstaben auf die Stirnseite «Familie E. Kramer» und dazu unsere Adresse. Neben dem Leiterwagen war bereitgelegt, was wir zur Evakuation brauchten: Ein Japankorb mit dem Nötigsten, auch Jod und Verbandstoff, eine Reise- und eine Wolldecke, unsere Pelerinen und haltbaren Proviant. Dazu eine grosse Feldflasche und die feldgraue Büchse mit der Gasmaske. Und über alles kam ein Wachstuch, violett wie Heidelbeermus mit unterschiedlich grossen, schwarzen, kreisrunden Flecken. An allen vier Ecken sollte es mit Schnüren über den geladenen Leiterwagen gebunden werden. Vater erklärte uns, dass er nicht mitkommen könne, weil er auf der Post verpflichtet sei. Er schärfte mir und den Geschwistern ein, wir müssten immer bei der Mutter bleiben und ihr den Leiterwagen ziehen helfen. Vom älteren Bruder verlangte er, er müsse immer die kleinste Schwester an der Hand führen und dürfe ihre Hand nie loslassen. Dieser Abend war ein Grunderlebnis meiner Kindheit. Ich habe es noch heute vor Augen und in den Knochen. Und die Erlösung: 8. Mai 1945, Tag der «Waffenruhe». Er war schulfrei. Am Tag zuvor hatten wir in der Schule zylindrische VIM-Büchsen bemalt und durch einen Schlitz oben im Metalldeckel zu Sammelbüchsen gemacht. Damit sammelten wir am 8. Mai auf den Plätzen und Strassen Spenden für die Flüchtlingshilfe. Ich sehe mich noch heute als Fünfzehnjährigen barfuss und in kurzen Hosen hin und her über den Schaffhauserplatz laufen und allen Leuten meine Büchse hinhalten: «Gänd Sie au öppis für d’Flüchtlingshilf?» Von elf bis zwölf läuteten alle Glocken der Stadt. Ein wunderbares Gefühl der Erleichterung. Es ist vorbei. Das Töten hat ein Ende. Die Richtigen haben gesiegt. Das Leben liegt vor uns. © Reformierte Medien und Autor |
ref.ch auf Twitter |



Diesen Artikel mit anderen teilen: