«Nazisympathisanten in der Basler Mission»

Hanns Walter Huppenbauer (Bild: zvg)

Pfarrer Hanns Walter Huppenbauer, Jahrgang 1930, 8910 Affoltern am Albis ZH
(aufgezeichnet von Monika Dettwiler)

Meine Eltern kamen beide aus Familien, die der Basler Mission seit ihrer Gründung nahe standen oder als Missionare und Missionarsfrauen in Afrika oder Asien gewirkt und jeweils auch über die Grenze hinaus geheiratet hatten. Mein Vater – ursprünglich Deutscher mit schweizerischer Mutter, im Aargau geboren und selber als Sprachforscher-Missionar in Togo gewesen; die Mutter – eine Baslerin mit deutscher Mutter, und in Indien geboren. Und alles geprägt vom frommen und zugleich weltoffenen Geist der alten Pietisten. Als der Krieg anfing, war ich neun Jahre alt.

Wegen politischer Haltung nicht tragbar?
Mein Vater amtete als Heimatsekretär der Basler Mission für die Gemeinden und Freundes-kreise des süddeutschen Raumes. Mit seiner kritischen Haltung gegenüber dem National-sozialismus machte er dort manchen Leuten Mühe. Wie es scheint, auch einigen Leuten in der Missionsleitung. Der damalige Präsident, Dr. Alfons Köchlin war zwar bekannt als strammer Gegner des Nazi-Regimes; aber es gab doch einige Leute, die dem Nationalsozia-lismus nahe standen und fanden, Vater sei wegen seiner Haltung in einem Werk mit deut-schen Freundeskreisen nicht mehr tragbar. Er konnte bleiben – allerdings zunächst ohne konkreten Auftrag und erhielt 1933 das Basler Bürgerrecht. Von einer meiner Schwestern erfuhr ich, dass unser Vater nach seiner Pensionierung als freiwilliger Mitarbeiter im Missi-onsarchiv alle diesbezüglichen Akten aussortierte. Er wollte nicht, dass seine Mission später dadurch belastet werden könnte. Irgendwo gibt es die entsprechende Schachtel noch. Wo weiss ich nicht.

Evakuieren – oder doch nicht?
Die Basler Mission hatte eine eigene, sehr geschätzte Primarschule. Im Turnen mussten wir den Gleichschritt üben: Ich ging immer mit dem falschen Fuss voran. Ein Mädchen sollte mir deshalb mit seiner Trommel Privatunterricht geben. Mir ging das gewaltig gegen den Strich, denn ich wusste, sie war die Tochter eines Nazi-Sympathisanten.

Zuhause lasen wir jeden Morgen und Abend in der Bibel, und in den Gebeten kam alles vor, auch Weltereignisse, und da war Deutschland mit dabei, wo ja die halbe Familie, und natür-lich China, Indien und Afrika, wo verschiedene Onkels und Tanten lebten. Aber was Krieg bedeutet, wusste ich nicht.

Als der Krieg ausbrach, waren wir auf einem Schulausflug im Jura. Wir warteten an einer Haltestelle, als jemand die Nachricht von der Generalmobilmachung brachte. Eines der Mädchen begann zu heulen. Es wusste, dass ihr Vater nun einrücken müsse, und fürchtete, ihn nicht mehr zu sehen.

Krieg – das war die Rationierung. Märkli für bestimmte Artikel. Weil die Butter rar war, wur-de abgewechselt: Gerberkäsli (nur ein halbes Eckli) oder ein schmaler streifen Butter, mit oder ohne Komfi. Und das Brot: Im obersten Fach des Kastens lagerten sechs bis sieben Laibe, immer der älteste kam dran. Manchmal roch es komisch und war dran, Fäden zu ziehen.

Es gab auch Erleichterungen. Etwa die Marchmatt bei Reigoldswil, ein Bauernhof, den die Basler Mission erhalten hatte, als Ferienort für ihre Angestellten. Fast jedes Jahr verbrach-ten wir ein paar Wochen dort. Da tauschte Mutter Fleisch-Märkili gegen frisches Mehl. Und Butter gab es dort wohl auch ohne Märkli!

Im Frühling 1940 beschloss die Missionsleitung, ihr Kinderheim mit der Schule auf den Has-liberg zu evakuieren. Eine Vorsichtsmassnahme im Interesse der Missionarskinder und ihrer Eltern, die in der Welt verstreut und dort oft auch vom Krieg betroffen arbeiteten. Basel lag ja so nahe an der Grenze und am Kriegsrand. Mein Vater wollte nicht mitgehen. Er fand, sein Ort sei in Basel; was immer geschehe, sei Gottes Wille. Mein Zwillingsschwester und ich mussten die Schule wechseln. Von Stund an hatte ich einen richtigen Schulweg.

Der Krieg wird spürbar
Im Missionshaus gab es um die hundert Seminaristen. Sie wurden für den Missionsdienst ausgebildet. Von einem Tag auf den anderen mussten die meisten von ihnen gehen, Deut-sche, eingezogen ins Militär, an die Front. Wir kannten sie alle. Wie oft war ich bei ihnen in der Werkstatt, hatte von ihnen auch gelernt. Kaum einer kam wieder zurück. Gefallen oder verschollen – wie einer meiner Vettern, der von Stalingrad nicht mehr zurückehrte.

Und dann die Einquartierung: Soldanten in der Turnhalle des Missionsseminars. Auch ein paar Pferde gab es. Im Massenlager wurde eine ganze Kompanie der Schweizer Armee un-tergebracht. Die Soldaten mussten jeden Morgen exerzieren. Vom Balkon aus schauten wir zu. Es waren Welsche, ein ganz anderer Schlag als die frommen Deutschen. Vor allem für die Mädchen war das ein Ereignis. Das war eine schöne Seite des Krieges, immer spannend, für uns Kinder war nichts Schreckhaftes dabei.

Schrecken gab es bei Pfarrer Walter Lüthi im Basler Ökolampad. Seine Predigten knüpften immer an die Ereignisse der Woche an. Da ging es einem manchmal heiss und kalt den Rü-cken herunter. Etwa als er, vermutlich bei einer Predigt über Amos, berichtete, wie in der vergangenen Nacht an der Grenze Schüsse gefallen seien und Menschen geschrieen hätten, jüdische Flüchtlinge, die zurückgewiesen wurden. Wenn Vater von der Arbeit heimkam, berichtete er manchmal auch Neues aus der Missions-arbeit. Von der Besetzung Indonesien durch die Japaner. Von Missionaren, die dort gefangen genommen wurden, von andern die auf dem Transport erschossen wurden. In der Klasse einer meiner Schwestern, gab es ein Mädchen, dessen Eltern so ums Leben gekommen waren.

Cousin war bei der Hitlerjugend
Es gibt aber auch andere Erinnerungen: Ich war als Sechsjähriger bei meinem Onkel im deutschen Ehningen zu Besuch. Einer der Cousins erschien in der Uniform der Hitlerjugend mit Hakenkreuz, das war irgendwie unheimlich. Selbst wenn er nicht freiwillig dabei war.

Ein anderer Cousin, so alt wie ich, sagte unserer Tante, «ja die Schweiz, das kleine Stachel-schwein, das nehmen wir im Eiltempo ein», und das brachte mich ungemein auf die Palme. Und wenn ich die metallenen Gartenzäune an unserer Strasse sah, dachte ich, die könnte man als Lanzen gegen diese Deutschen verwenden, auch gegen den Cousin. Als guter Patriot war ich echt wütend, und, ich dachte wohl an Winkelried.

Trotz geschlossener Grenzen während des Krieges lebte der Kontakt mit den Verwandten jenseits des Rheins weiter. Über Briefe. Sie trugen den Stempel der Zensur, wiesen Zeichen auf, dass sie geöffnet worden war. Manchmal auch solche, die scheinbar zum zweiten Mal beschrieben worden waren, eine erste Fassung wie übermalt. Und oft musste man im wahren Sinne des Wortes zwischen den Zeilen lesen.

Die Sandsäcke überall
Im Estrich unseres Hauses lagen Sandsäcke und Pumpen, denn Vater war Luftschutzverantwortlicher für unsere Strasse, und wir Kinder mussten zusammen mit ihm diese Utensi-lien hüten. Auch in der Schule wurden in jedem Klassenzimmer Sandsäcke aufbewahrt. Und im Gymnasium mussten alle Lehrer in den Militärdienst, wir hatten laufend Stellvertreter. Das brachte durchaus auch Vergnügen mit sich.

1944, als der Krieg sehr nahe an die Grenze kam, erzählte ein Klassenkamerad, der auf dem Bruderholz-Hügel wohnte: «Gestern Nachmittag habe ich vom Dach aus dem Krieg zugeschaut. Deutsche und Franzosen haben sich gegenseitig mit Kanonen beschossen. War das spannend!»

Ja diese Sandsäcke! Am 8. Mai 1945 war der Krieg vorbei. Wozu die Sandsäcke noch? Wir feierten mit ihnen das Ende des Krieges. Auf Kommando liessen wir alle Säcke aus dem 2. Stock auf das Trottoir fallen. Unten platzen sie und bildeten schöne Sterne. Zum Leidwesen des Hauswarts.

So richtig nahe ging mir der Krieg eigentlich erst, als er vorbei war. Einer der ersten Schul-ausflüge, als die Grenzen wieder geöffnet wurden, ging ins Elsass. Wir besuchten Kriegs-friedhöfe. Hunderte oder Tausende von Gräbern, jeweils mit Helm, alle mit Loch und Namen, alles Sechzehn- und Siebzehnjährige, Soldaten in unserm Alter. Alle tot.

Folgen des Kriegs
Auch Basel wurde während des Kriegs bombardiert. An einem Sonntagmorgen, ich fütterte gerade die Kaninchen, knallten die Bomben irgendwo herunter. Vom Haus aus sahen und hörten wir oft englische und amerikanische Flugzeuge und wie kleine Schweizer Flugzeuge sie verjagten. Das war spannend. Wir hatten keine Angst. Die Grenzen waren ja gesichert, Wahrscheinlich spielte da auch das Gottvertrauen der Eltern eine Rolle.

Im Krieg wurde auch das Kemser Wasserkraftwerk zerstört, und der Rhein floss ungestaut durch die Stadt. Unter der mittleren Brücke gab es eine wunderbare starke Welle, wie sonst nirgends. Ein tolles Erlebnis! Und 1947, es war ein speziell heisser Sommer, führte der Rhein ohne Stauung so wenig Wasser, dass wir beim Schwimmen mitten im Flusslauf auf einer Felskante gehen konnten.

© Reformierte Medien und Autor

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