«Nach dem Anschluss gab es jenseits des Kanals in Österreich ein Riesenfest»

Hans Fischer (Bild: Medienpark/Pfander)

Pfarrer Hans Fischer, Jahrgang 1929, 8955 Oetwil a. d. Limmat ZH

Nachts klopften klatschnasse jüdische Flüchtlinge an unsere Pfarrhaustür
Wir haben in St. Margrethen SG gewohnt, mein Vater war Pfarrer. Unsere Familie hatte viele Kontakte mit Flüchtlingen. Einmal fuhren Vater und Mutter über die Grenze nach Höchst A, es sassen nur noch drei Personen im Bus, ein Ehepaar mit Gepäck und hinten ein einzelner Mann. Plötzlich tuschelte der mit dem Paar. Meine Eltern verstanden: Das war ein Schlepper, der ein jüdisches Flüchtlingspaar über die Grenze in die Schweiz bringen wollte.

Wenn man von München D her nach Lindau D kommt, sieht man von weither die katholische Kirche von St. Margrethen SG in der Höhe. Für Flüchtlinge war sie der Anhaltspunkt. Kam man der Grenze aber sehr nahe, sah man die katholische Kirche nicht mehr, sondern die reformierte Kirche nahe des Rheinkanals. Deshalb klopften viele Flüchtlinge in der Nacht bei uns an die Pfarrhaustür. Fast alle schwammen über den Fluss. Manche schaffen es nicht und ertranken, weil sie mit Kleidern und Gepäck zu uns herüberschwimmen wollten.

Wie die Leute aufgenommen wurden, war nicht zu jeder Zeit gleich. Es gab den offiziellen Weg, dass man die tropfnassen Menschen, die nachts läuteten, ins Armenhaus brachte. Manche Flüchtlinge wurden ins Sammellager im unteren Sihltal gebracht, die Juden aber mussten gleich wieder an die Grenze gestellt werden. Als man das in St. Margrethen SG begriff, brachte der Sigrist, Herr Herzog, keine Juden mehr ins Armenhaus. Er begleitete sie bei Nacht und Nebel durch das Tobel nach Walzenhausen AR zum «Sonneblick». Von dort aus fand der Flüchtlingspfarrer Paul Vogt immer einen Ort, wo neu angekommene Juden untertauchen konnten.

Das «National» hiess nun Nazihaus
Es war im Dorf klar, wie der Vater dachte. Er predigte in der Kirche zwar nicht explizit gegen die Nazis, aber er ermutigte die Menschen, durchzuhalten, Vertrauen zu behalten und in Gottes Hilfe zu vertrauen. Auch wenn wir zahlenmässig in einer aussichtslosen Situation waren.

Der Krieg war für mich ein starker Lebensfaktor, auch eine unmittelbare Lebensbedrohung, weil wir so nahe der Grenze wohnten und weil mein Vater als Feldprediger oft im Aktivdienst war. Während seiner Abwesenheit hatte meine Mutter alle Fäden in der Hand. Sie öffnete nachts die Pfarrhaustür, und tagsüber musste sie pensionierte Pfarrer als Stellvertreter und das kirchliche Leben organisieren.

Es gab keinen Moment im Tag, da wir nicht damit rechneten, die Feinde kämen über die Grenze. Viele Deutsche wohnten hier, und es gab eine recht grosse Nazi-Gruppe. Im Oberdorf, im oder vor dem «National», es hiess mit Übernamen Nazihaus, versammelten sich die Parteimitglieder am Samstag und hielten ihre Heil-Hitler-Übungen ab. Frauen machten mit, und Kinder wurden instruiert.

Auch viele Österreicher aus St. Margrethen SG waren Parteimitglieder. Heute sagt man in Österreich, man habe den Anschluss nicht gewollt. Ich persönlich habe den Tag des Anschlusses von Österreich an Deutschland anders in Erinnerung: Auf der anderen Seite des Kanals gab es Jubelgeschrei und ein lautes Fest.

Vater eines Klassenkameraden war Chef der Nazis im Dorf
Die Lehrer im Dorf und im Gymnasium in St. Gallen waren alle stabile, ernsthafte Schweizer, keiner machte Nazipropaganda, im Gegenteil. Aber unter den Schülern gab es diese und jene. Der Vater eines Klassenkameraden war Chef der Nazis von St. Margrethen SG. Wir waren beide in der Schule in sehr gut und mochten einander. Am Schluss des Kriegs mussten die überzeugten Nazis innert kurzer Zeit die Schweiz verlassen. Auch die Familie meines Kameraden. Wir besuchten damals bereits zusammen die Kantonsschule, so setzte Vater sich dafür ein, dass er und sein Bruder bis zur Matura in der Schweiz bleiben konnten, obwohl die beiden Mitglieder der Hitlerjugend gewesen waren und an Dressurübungen teilgenommen hatten.

Der Kamerad schloss sich sehr an mich an, gemeinsam besuchten wir Lager der Jungen Kirche. Später, nach der Matura, erzählte er herum, seine Eltern hätten bei der Partei gar nicht mitgemacht. Ich sagte ihm auf den Kopf zu, das stimme nicht, sein Vater sei im Gegenteil ein sehr aktiver Nazi gewesen. Bei seinem Vater habe man nach dem Krieg Listen mit Schweizern gefunden, die nach dem Einmarsch der Deutschen im KZ gelandet wären. Und auf dieser Liste habe auch der Name meines Vaters gestanden. Ich wisse das genau, mein Vater sei zutiefst aufgewühlt gewesen, als man ihm vom Fund der Unterlagen erzählte. Später studierte der Kamerad Chemie und machte Karriere in der Schweizer Pharmaindustrie. Nach diesem offenen Gespräch liess sich er nie mehr bei mir blicken.

Alle wollten mit Leiterwagen Richtung Tobel flüchten
Eine brenzlige Situation war, als die Deutschen Holland und Belgien überfallen hatten und man wusste: Sie kommen durch die Schweiz, wenn ihnen der Einmarsch in Frankreich nicht gelingt. Man glaubte, sie kämen auf St. Margrethen SG zu, diese Nachricht ging durch das ganze Dorf. Die Männer waren im Militär, und die Frauen flüchteten mit Kindern, Leiterwagen und Rücksäcken das Tobel hinauf Richtung Walzenhausen AR. Mutter aber sagte, wir bleiben im Pfarrhaus, jemand muss bleiben, es gibt auch Alte und Kranke, die können nicht mitmachen bei der Fluchtwelle. Ich hatte richtig Angst in dieser Nacht.

Mutter betete mit mir, wenn wir die Bomber hörten. Wir Buben kletterten oft in die Höhe, um zuzusehen, wie die Amerikaner Friedrichshafen bombardierten und die leeren Flugzeuge oben wieder durchzogen. Zweimal sah ich eines abstürzen. Einmal kreiste ein Pilot ewig, sein Bomber hatte nur noch zwei Motoren, und wir hofften, er lande in Schweiz. Aber offenbar verwechselte er den Rhein mit dem Rheinkanal und landete in Österreich. Wir Knaben sassen auf dem Hügel und mussten zusehen, wie die Besatzung abgeführt wurde.

Nach Kriegsende kamen lange Güterzüge, alle gefüllt mit Flüchtlingen. In einem waren lauter Insassen des KZ von Auschwitz. Sie fuhren von St. Margrethen SG aus durch Schweiz nach Frankreich. Vater hatte Kontakt mit diesen Menschen, aber er erzählte mir keine Details. Ich erinnere mich auch an einen alten Fischer, einen guten, besonnenen Mann aus Höchst A, Herrn Humpeler, der immer im Dorf seine Fänge zum Verkauf anbot. Nach dem Krieg war er ein gebrochener Mann. Er hatte vier Söhne gehabt, zwei waren als Soldaten an der Ost- und zwei an der Westfront gefallen. Vielleicht haben alle diese Erfahrungen mich bewogen, wie der Grossvater und der Vater Theologie zu studieren.

© Reformierte Medien und Autor

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