«Mit Kinderaugen die verdunkelte Stadt erleben»

Pfarrer Paul Binder, Jahrgang 1928, 8645 Jona SG

Ihre Anfrage war für mich so interessant, dass ich immer wieder darüber nachdenken musste. Nehmen Sie also meinen besten Dank dafür. Sie treffen auf ein Gebiet, das mich schon Monate, ja Jahre beschäftigt.

Warten auf die Evakuierung
Während des Kriegs waren wir fünf Geschwister noch Schüler. Mit meiner Schwester, die vier Jahre älter ist als ich, erlebten wir diese Jahre recht intensiv. Mein Vater las dreimal täglich die NZZ und verfolgte auf der Landkarte die Linien, wo sich das Geschehen abspielte. Uns gab er dann beim Essen durch, was gerade geschah.

Da wir in der Stadt Zürich von vier Schulhäusern umgeben waren, sahen wir sehr direkt, was das hiess, «keine Schule» zu haben: es war nicht nur «lässig». Das Bedrohende war direkt vor der Haustür. Die Pausenplätze waren belegt von einrückenden Soldaten mit ihren vollen, kriegsmässigen Ausrüstungen. Sie mussten warten, bis sie Befehl zum Weitergehen bekamen.

In dieser Zeit trat an einem Nachmittag unser Vater ganz aufgeregt ins Zimmer, wo wir spielten, und sagte: «Kinder, es ist sehr ernst, wir müssen uns gefasst machen, dass wir in den nächsten Tagen evakuiert werden müssen. Adolf Hitler steht mit seinen Truppen an unserer Grenze. Wir müssen nur noch warten: Der Hauptbahnhof ist bereits voll von Menschen, die sich in der Innerschweiz in Sicherheit bringen. Wir müssen auch irgendwie dorthin kommen, aber erst, wenn die Massen weggefahren sind.» Wir verfolgten von da an aus unseren Fenstern, was mit den vielen Soldaten geschah. Da wurde «zum Glück» einer meiner kleineren Brüder krank. Gemäss des Arztes wäre eine Reise in nächster Zeit nicht möglich gewesen. Für uns ein grosses Geschenk des Himmels. Wir blieben zurück.

Kinderaugen im Dunkel
In dieser Zeit hatten wir die totale Verdunkelung. Sobald es Abend wurde, mussten wir die schwarzen Vorhänge an allen Fenstern anbringen. Im Treppenhaus gab es nur noch blaue Birnen, weil auch da nichts durchschimmern durfte. Dasselbe galt für alle Fahrzeuge wie Trams und Autos. Nach Einbruch der Dunkelheit durfte man höchstens mit einer kleinen Taschenlampe auf die Strasse gehen und erkannte die Personen nicht, denen man auf dem Weg begegnete, bis sie auf Augenhöhe vor einem waren. Am schönsten war es in den Weihnachtsnächten. Wenn wir unterwegs waren, grüssten wir die Menschen, die daher kamen, mit den Worten: «Wir wünschen Ihnen schöne Weihnachtstage.» – Ein unerwarteter Gruss aus der dunklen Nacht.

Jeweils am Abend des 24. Dezembers durften wir unsere zwei Tanten aus Bern am Hauptbahnhof abholen. Eindrücklich war das Warten auf den Zug. Es war dunkel auch auf den Perrons und in der Bahnhofshalle, und es war meistens sehr kalt. Mit vielen anderen Menschen, die auf ihre Angehörigen warteten, standen wir auf dem Perron. Aber es war Weihnachten. Da endlich tauchten weit vorn die drei kleinen Lichtlein der Lokomotive aus der Nacht auf. Ja, es war heilige Nacht.

In diesem ganzen Kriegsgeschehen erlebten wir auch die Lebensmittelrationierung: Alles konnte gekauft werden – nur mit den entsprechenden Märkli. Die Winterhilfe startete Aktionen, bei denen Schulkinder mitmachen konnten: An bestimmten Plätzen in Zürich verkauften wir Artikel. Das hiess für uns: An einem Samstag mussten wir von 7 bis 17 Uhr Schoggitaler verkaufen. Man bekam sie für einen Franken, ohne Märkli. Wir Kinder hatten Freude.

Noch etwas aus den Ferien in Wengen: Einmal begegneten wir keinen ausländischen Gästen, sondern Internierten aus Polen, die in den Hotels und Pensionen lebten und tagsüber dort, wo es nötig war, arbeiten mussten. So wurden auch viele Wanderwege erstellt.

Wir als Gäste gingen über diese Wanderwege, die aber nicht angeschrieben waren. Da halfen Landkarten des Vaters. Schliesslich kamen wir zu einem kleinen einsamen Bergsee. Die militärische Wache forderte uns auf, weiterzugehen. Stehenbleiben war verboten. Der nationale gute Rat stand auch dort wie an anderen Orten eindrücklich geschrieben: «Wer nicht schweigen kann, schadet der Heimat!»

© Reformierte Medien und Autor

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