«Mein Vater, der Pfarrer, wäre als einer der ersten verhaftet worden»

Pfarrer, Jahrgang 1926, Kanton Zürich (Name der Redaktion bekannt)

Grenzübertritt war eine Angst-Velofahrt
Es sind keine grossen Ereignisse, aber solche, die sich mir in meiner Erinnerung sehr tief eingeprägt haben. Die Vorkriegs- und Kriegsjahre habe ich aus der Optik eines Knaben und Jugendlichen erlebt, aber nicht weniger «echt». Ich bin im Zürcher Oberland in einem Pfarrhaus aufgewachsen.

Wie schon die Vorkriegszeit für uns Kinder von dunklen Schatten belastet sein konnte, zeigt folgendes Erlebnis. Im Frühling 1938 fuhr mein Vater mit mir per Velo zu einem Besuch nach Rheinau. Er wählte dafür die Route vom Rafzerfeld über den deutschen Korridor von Lottstetten und Jestetten. Der Grenzübertritt war für mich eine fürchterliche Angstfahrt. Überall witterte ich deutsche Polizei, die meinen Vater oder mich verhaften wollte. Riesengross war die Entlastung, als ich wieder Schweizer Boden unter meinen Füssen wusste. Die Schweizer Grenze – eine Trennlinie zwischen Bedrohung und Sicherheit. Noch lange blieben mir Grenzen etwas Unheimliches.

Der Primarlehrer an der Mittelstufe hatte – auch noch in der Vorkriegszeit – auf dem Lehrerpult ständig eine Artillerie-Granate stehen. Er selbst war ein rassiger, junger Artillerie-Offizier. Wir haben ihn verehrt, er war für uns Inbegriff der Männlichkeit und der Wehrhaftigkeit.

Unser Vater war ein entschiedener Anti-Nazi. Unvergesslich ist mir, wie die Mutter in der Zeit der deutschen Siege einmal am Familientisch zu uns sagte: «Wisst ihr, wenn die Deutschen kommen, wird euer Vater als einer der ersten verhaftet werden.» Da war der Krieg für einen Teenager brutal nahe. In dieser Bedrohung lebten wir.

Wir Kinder lebten im patriotischen Morgartengeist
Heute fällt mir im Rückblick auf die Kriegszeit umgekehrt auf, was für einen selbstverständlichen, massiven Patriotismus wir damals lebten. Das Land verteidigen bis zum letzten Blutstropfen – das war für uns unbestrittenes Gebot für jeden rechten Schweizer. Wilhelm Tell, Morgarten, Winkelried, die Schlachten der Eidgenossen – daran richteten wir uns auf. Lieber tapfer untergehen, als sich den Deutschen ausliefern! Heute wissen wir, wie komplex die Situation war, aber als Junge jener Jahre lebten wir tatsächlich noch in der Welt des «Rufst du, mein Vaterland».

Unvergessen ist mir die disziplinierte Haltung meiner Eltern im Zusammenhang mit der Rationierung. Auf dem Lande, wo wir lebten, gab es ja an der Rationierung vorbei – mit den entsprechenden Beziehungen – verschiedene Wege, um zusätzliche Lebensmittel zu ergattern (Eier, Fleisch, Butter etc.). Unsere Eltern weigerten sich konsequent, solche möglichen Vorteile auszunutzen. «die anderen haben auch nicht mehr! Es gilt, solidarisch zu sein.» Frei käufliches, aber dafür sehr teures Spezial-Öl kam mit derselben Begründung ebenfalls nie auf unseren Tisch.

Mit entsprechender Strenge wurden andererseits jene besser gestellten Autobesitzer beurteilt, die sich und ihre Familien im Frühjahr 1940 in ihren Ferienhäusern in den Bergen in Sicherheit brachten. «Schiss-Ferien» nannte man diese Fluchtbewegungen, die dem Normalbürger nicht offen standen.

© Reformierte Medien und Aut

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