«Mein Onkel sympathisierte mit den Nazis»

Pfarrer Hans Wirth, Jahrgang 1922, 8487 Rämismühle ZH

Naziangehauchte Seminarlehrer
Ich war 17 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg begann. Ich besuchte damals das Lehrerseminar in Küsnacht ZH, wohnte in Zürich-Wollishofen. Mit ein paar anderen Seminaristen zusammen fuhr ich meistens per Schiff über Thalwil-Erlenbach. Ich lebte sehr bescheiden, konnte im alkoholfreien Restaurant für 95 Rappen zu Mittag essen. Ein Sekundarlehrer unterstützte mich mit Stipendien, die Bücher mussten wir bezahlen und alles Schulmaterial. (Mein Vater war einfacher Bahnarbeiter.)

Die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges beschäftigten mich sehr. Manchmal ertönte in der Nacht die Sirene, die auf unserem Schulhaus angebracht war. Ich betete schon damals um Schutz und Schirm und um Beendigung des Krieges. Ganz in der Nähe der Stadt stürzte ein amerikanisches Flugzeug ab, und in Schaffhausen wurde ein Haus zerstört.

Schlimmer war es, dass einige Lehrer des Seminars nationalsozialistisch angehaucht waren. Dies merkte ich zum Beispiel beim Deutsch- und Geschichtsunterricht. Aber ich realisierte die Tragweite des Nazidenkens kaum. Erst nach dem Krieg wurden gewisse Lehrer suspendiert.

Mein Onkel, ein Schweizer, ging für Deutschland in den Krieg
Meine Frau ist in Winterthur aufgewachsen. Ihr Vater war Österreicher. Er verlor seine Staatsbürgerschaft, da er nicht zu Deutschland gehören wollte. Es gab hier Deutsche, die auf den Einmarsch der Deutschen Armee warteten. Eine Frau sagte zu meiner Schwiegermutter: «Jetzt kommt ihr dann dran, wenn unsere Armee kommt.»

Leider gab es auch Schweizer Offiziere, die mit den Nazis sympathisierten. So einer war auch ein Onkel von mir. Er war Hauptmann, früher Industrieller in Argentinien. Er verliess meine Tante und zog nach Deutschland in den Krieg, wo er gefallen ist. Die Tante zog zu ihrer Schwiegermutter und konnte gut leben und friedlich sterben.

Die Rationierung erlebten wir nicht so negativ. Wir tauschten auch Rationierungsmarken aus untereinander. In der Schweiz hatten wir nicht viele Entbehrungen zu spüren. Wir konnten immer wieder Früchte und Süsswaren kaufen. Auch hatten wir genug Brot und Fleisch.

Wir sind sehr dankbar, dass wir so ungeschoren durch den Krieg kamen.

Beim Wandern konnten wir auch Milch trinken ohne Marken, auf den Alpen.

Jetzt ist unsere Situation eher schwierig. Das Finanz- und Bankwesen muss neu überdacht und geordnet werden. Gott helfe uns im Sinne einer Neuorientierung und auch im Sinne besserer Solidarität mit den Ärmsten der Welt.

© Reformierte Medien und Autor

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