Pfarrer Dr. theol. h.c. Eugen Voss, Jahrgang 1926, 8700 Küsnacht ZH
Ich bin als Schweizer in der Schweiz geboren. Väterlicherseits sind meine Vorfahren Deutsche. Vater wurde mit 13 Jahren Schweizer. Mütterlicherseits sind meine Vorfahren Russen. Ich habe bis heute verwandtschaftliche Beziehungen. Russisch ist für mich «Muttersprache», Schweizerdeutsch «Vatersprache». Unsere Familiensprache war Russisch. Seit 1933 wohnte unsere Familie in Küsnacht ZH. Der Gesichtspunkt ist der eines schweizerischen Heranwachsenden, der verwandtschaftlich zu Deutschland und zu Russland Beziehungen hat. Darum war ich politisch sehr wach und emotional betroffen. Hier Auszüge aus den Erinnerungen, die ich eigentlich für meine Kinder und Enkel aufgeschrieben habe.
Verwandte bei der SA
Während der 6. Klasse beschlossen die Eltern, mich ins Gymnasium nach Zürich zu schicken. Die Handvoll Kameraden und Kameradinnen, die das Gleiche wollten, wurden nach Neujahr 1938 auf die Aufnahmeprüfung vorbereitet. Das Schuljahr neigte sich dem Ende zu, als der Lehrer eines Morgens grusslos in die Klasse kam und gleich an den Tisch in der Mitte des Zimmers trat. Er sagte: «Diesen Morgen werdet ihr in eurem Leben nie vergessen. Die Deutschen sind in Österreich einmarschiert.» Es war so: Das Ereignis blieb unvergessen. Jetzt wussten alle in Europa, dass Hitler nicht mehr zu bremsen war. Im Sommer 1938 war Genja aus Paris (ein 5-jähriger Bub russischer Emigranten, die in extremer Armut lebten) bei uns. Meine Mutter wurde gebeten, die Rückreise der Ferienkinder von Zürich nach Paris zu begleiten. Ich bekam die Möglichkeit, mit meiner Mutter für fünf Franken nach Paris und zurück zu reisen. Je näher Genjas Rückreise kam, desto ernster wurde Vater angesichts der Reisemöglichkeit. Die Eltern beschlossen, ich müsse zuhause bleiben. Es sei zu grosse Kriegsgefahr. Vater und ich begleiteten Mutter und Genja zum Hauptbahnhof. Wir ahnten, dass wir den Kleinen lange nicht mehr sehen würden. Bei ihrer Rückkehr aus Paris erzählte Mutter, die Stadt sei in grosser Aufregung gewesen. Man habe viele Soldaten gesehen, und alle hätten vom bevorstehenden Krieg gesprochen.
In den Radionachrichten wurde von fast nichts anderem geredet als von Deutschland. Als die Ereignisse der Reichskristallnacht gegen die Juden bekannt wurde, glühte mein Vater vor Wut und schämte sich zugleich, dass ein Sohn seiner Schwester und mein Pate nur schon durch seine Mitgliedschaft bei der SA durch die Reichskristallnacht schwerstens belastet wurde.
Lehrer im Militär – Schule geschlossen
Nach den Frühlingsferien 1938 ging’s ins Gymnasium nach Zürich. In dieser Zeit rückten mein Schulfreund Ruedi und ich einander besonders nahe. Wir hatten durch unsere Eltern ein politisches Bewusstsein erhalten und verfolgten die Ereignisse, die von Deutschland ausgingen mit grösster Wachsamkeit.
Die Frühnachrichten vom 1. September 1939 gaben bekannt, dass Deutschland Polen angegriffen habe. Die Schweiz machte mobil. Ich traf Ruedi wie jeden Morgen auf dem Weg zur Schule. Wir sprachen von nichts anderem mehr als vom Krieg. Als wir bei der Kantonsschule anlangten, kamen uns einzelne Schüler über die grosse Freitreppe entgegen und sagten: «Kä Schuel.» Wir begaben uns zum Schwarzen Brett. Dort gab es einen kleinen Anschlag in Schreibmaschinenschrift, dass infolge der Mobilmachung viele Lehrer in den Militärdienst einrücken mussten und dass die Schule bis auf weiteres ausfalle. Die Schüler sollten in drei Tagen wieder am Schwarzen Brett nachschauen.
Wir gingen langsam und nachdenklich zurück zum Bahnhof Stadelhofen. Auf der Rämistrasse sagten wir zueinander: «Irgendwie ist es gut, dass es jetzt losgegangen ist. Die Spannung war ja nicht mehr zum Aushalten. Jetzt sind die Verhältnisse plötzlich klar.» Im Stadelhofen gab es den fahrplanmässigen Zug nicht. Die Bahn musste Soldaten zu ihren Mobilmachungsplätzen transportieren. Wenig später wurde auf Kriegsfahrplan umgestellt. Mich dünkt, dass es pro Tag auf der Strecke Zürich-Rapperswil nur noch etwa sechs Züge gab. Mit der Zeit verbesserte sich der Fahrplan ein wenig. Die Schule ging am 4. September tatsächlich wieder an. Aber es gab Stundenplanumstellungen. Hilfslehrer tauchten auf.
Wird sich die Schweiz wie Tell verhalten?
Ruedi und ich fragten uns: Wie könnte sich denn die Schweiz gegenüber einer so grossen Übermacht zur Wehr setzen? Die Antworten, die wir von da und dort zusammenklaubten, waren nicht ermutigend. Es gab Bunker an der Grenze zu Deutschland. Sie wurden von Grenztruppen verteidigt. Aber es lag auf der Hand, dass sie einen Ansturm von Norden und Osten höchstens wenige Tage bremsen konnten. Und die 80'000 Mann des Grenzschutzes wären dabei verloren gegangen. Rund um Zürich wurden leichte Befestigungen gebaut. Sie sollten den Angriff nach Süden ebenfalls bremsen. Und dann? Dann käme die Unterwerfung und die Kontrolle, wie bereits in Österreich, besonders aber in der Tschechoslowakei und in Polen. Wir fragten uns: «Und wie wird sich die Bevölkerung danach verhalten? Wie Tell gegenüber dem Landvogt Gessler?»
Am 10. Mai 1940 griff Deutschland Belgien und die Niederlande an. Ich erinnerte mich daran, dass mein Grossvater Anton Voss einmal überlegt hatte, ob er meinen Vater nicht Niederländer werden lassen sollte. Jetzt dachte ich: «Wie gut, dass er Schweizer geworden ist!»
Meine Eltern taten sich auch Hühner zu
Dem Plan Wahlen folgte die Anbauschlacht. Alle, die ein Stück Boden besassen, wurden gezwungen, einen Anteil von ihm für Gemüsebau zu verwenden. Uns teilte die Gemeindeverwaltung mit, wie viele Quadratmeter wir zu bepflanzen hatten. Wir brachen in der Wiese vor dem Haus einen Acker auf. Es war irgendwie belustigend, Kartoffeln und Mais anzupflanzen. Die Maiskolben trockneten wir auf dem Estrich. Im Winter wurden die Körner am Stubentisch gelöst und anschliessend in die Annahmestelle der Gemeinde gebracht, wo man den gemahlenen Mais zurückbekam. Die Eltern taten sich auch Hühner zu. Das bereitete mir besonderes Vergnügen. Ich baute für die Hühner einen Legestall. Abends, wenn ich die Aufgaben erledigt hatte, liess ich sie auslaufen und passte auf, dass sie nicht zu den Nachbarn entwischten oder sich im Gemüsegarten am Salat gütlich taten. Im Jahr erbrachte das pro Huhn etwa 220 Eier. Da wir ein Dutzend «Leghorn» hatten, waren wir gut mit Eiern versorgt.
Die Anbauschlacht stärkte den Patriotismus. Wer auf dem Alten Tonhalleplatz das Getreidefeld sah, wo sonst der Zirkus Knie auftragt, hatte das Gefühl: «Wir tun etwas. Wir lassen uns nicht unterkriegen.»
Russisch sprechen war verboten
Der Bundesrat hatte nun eine Politik zu befolgen, die Deutschland so weit bei Laune hielt, dass es die dringend nötigen Versorgungsgüter in die Schweiz hereinliess. Die Meinungsäusserungsfreiheit wurde eingeschränkt. Alle schriftlichen Erzeugnisse mussten der Zensur vorgelegt werden. Das Telefon wurde überwacht. Wenn meine Mutter mit Freundinnen Russisch sprach, wurde das Gespräch durch eine unbekannte Stimme unterbrochen: «Sprechen Sie Deutsch.» Auch in diese unangenehme Tatsache schickte man sich mit mehr oder weniger Verständnis. Dann und wann wurde eine Zeitungsausgabe am Erscheinen gehindert und die Redaktion verwarnt, weil darin deutschlandkritische Informationen enthalten waren. Um weiteren Einschränkungen zu wehren und die öffentliche Stimme nicht zu verlieren, wurden neue Zeitungen gegründet, die «Weltwoche» und «Die Nation». Meine Eltern und ich liebten beide Zeitungen. «Die Nation» gab sich direkter, ungeschützter und angriffiger. Darum zog ich sie vor. Beim Drehen am Radioknopf stiess ich auf das deutschsprachige Programm des englischen Senders BBC. Sein Sendezeichen waren die ersten vier Töne von Beethovens 5. Symphonie, dumpf auf zwei Pauken geschlagen. Der Sender brachte Informationen aus und über Deutschland. Man wunderte sich, wie es der Redaktion möglich war, so gut informiert zu sein. Er wurde von deutschen Störsendern gestört und war deshalb nur bedingt zu verstehen. Rosinen in seinem Programm waren die Witze über Schicklgruber. Das war der bürgerliche Name von Adolf Hitler.
Fotografieren verboten – auch für Kinder
Zur Überwachung der Bürger gehörte auch das Verbot, militärische Anlagen zu fotografieren. Das erlebte ich als 14-Jähriger so: Ruedi Fischer war nach der 2. Klasse des Gymnasiums zu seiner Mutter nach Riehen bei Basel gezogen. Er lud mich ein, ihn zu besuchen. Zusammen mit einem Klassenkameraden fuhr ich mit dem Velo hin. Das war ungefährlich, weil der Autoverkehr durch den Krieg auf ein Minimum geschrumpft war. Benzin war rationiert. Ein Teil der privaten Motorfahrzeuge war vom Militär requiriert worden, andere hatten für die Requirierung bereit zu stehen wie das meines Vaters. Auch Velo fuhr man nur so lange, als die Pneus wollten. Sie waren für Normalbürger nicht erhältlich. Basel lag im militärisch höchst empfindlichen Dreiländereck zwischen Deutschland und Frankreich. Eines Tages vernahm man dumpfes Grollen von Explosionen. Ruedi sagte: «Das sind deutsche Kanonen vom Isteiner Klotz.» Die dumpfen Explosionen waren aufwühlend und furchterregend. Und wir Gymnasiasten waren uns voll bewusst, dass wir für beide Kriegsparteien ungeschützt auf dem Präsentierteller lagen. Auch Basel war, wie Zürich, mit leichten Infanteriebefestigungen versehen worden. Sie waren von Stacheldrahtverhauen umgeben. Die Brücken über den Rhein wurden von schweizerischen Soldaten bewacht. Einmal spazierten Ruedi und ich über die Wettsteinbrücke. Ich hatte Vaters Kamera dabei und wollte die Aussicht von der Rheinbrücke fotografieren. Nach wenigen Sekunden trat ein Soldat neben uns, führte uns zum Wachgebäude ab, befragte uns und beschlagnahmte meine Kamera. Nach bangem Warten gab er sie mir zurück, ohne den Film. Fotografieren auf der Brücke war verboten.
Fröntler-Nachrichten vom Coiffeur
Im Zusammenhang mit der Mobilmachung vom Mai 1940 verschwanden plötzlich nicht wenige Familien aus ihren Wohnungen, so unsere Nachbarn Andres. Herr Andres war als Hauptmann im Militärdienst. Er hatte offenbar von der bevorstehenden neuen Mobilmachung Kenntnis erhalten und seine Familie im Tessin in einem eigenen Häuschen in Sicherheit gebracht. Meine Eltern blickten mit einer gewissen Verachtung auf diese «Flüchtlinge». Ihrer Auffassung gemäss hätten alle Menschen in der Gefahr solidarisch sein müssen. Denn nur die Bessergestellten konnten sich diese interne Flucht erlauben. Der Nationalsozialismus bedrohte die Schweiz auch von innen. Die Zeitungen berichteten über eine Organisation, welche sich unter dem Namen Nationale Front gegründet hatte. Im Volk wurde von «Spionen» und «Fröntlern» oder von den «Braunen» gesprochen. Der eine kannte einen Nazi hier, der andere einen anderen dort. In Küsnacht liefen solche Gerüchte oder echten Informationen beim Coiffeur ein. Nach jeder Rückkehr vom Coiffeur wusste mein Vater Neues, etwa darüber, dass in unserer nächsten Nachbarschaft ein Nazi mit seiner Familie wohnte. Es fiel auf, dass er sich neben Thomas Mann ein Haus gebaut hatte. Darauf zog Mann von Küsnacht nach Kilchberg. Dass es sich um Gerüchte mit Hintergrund handelte, war der Presse zu entnehmen. Die Frontisten hatten sich politisch organisiert und beteiligten sich an Wahlen. In Schaffhausen erreichten sie bei den Ständeratswahlen schon 1933 rund 27 Prozent der Stimmen, im Kanton Zürich 7.8 Prozent. Im Nationalrat brachten sie es 1935 auf einen Vertreter, Robert Tobler. Trotzdem war das innere Wühlen der Nationalsozialisten unheimlich. Es sorgte für höchste politische Wachsamkeit und eine reflexhafte Abwehrbereitschaft bei der gewaltigen Mehrheit der Bevölkerung.
Ich als 14-Jähriger in der Ortswehr
Die Stimmung in der schweizerischen Bevölkerung war nach den deutschen Blitzkriegen und der Besetzung Dänemarks und Norwegens im März 1940 düster. Aber der Verteidigungswille war ungebrochen. Er fand eine Personifizierung in General Guisan, der in Augenblicken der Entmutigung und bundesrätlicher Resignation den Schweizern Mut einflösste. Die Armee zählte inzwischen 650'000 Mann. Die nicht mehr Militärdienstpflichtigen und die noch nicht Rekrutierten wurden aufgerufen, sich für den Dienst in der Ortswehr zu stellen. In Küsnacht wurde Hauptmann Ernst Baumann (Orange-Buume), der Bruder meiner Gotte, zum Kommandanten ernannt. Fünf Oberleutnants standen als Zugführer zur Verfügung, darunter auch mein Vater. Er holte die Uniform von 1891 aus der Mottenschachtel, liess sich den Uniformrock vom Schneider neu anpassen, hängte den Dienstrevolver um und ging mit mir zusammen zur Vereidigung auf den Schulhausplatz. Hauptmann Baumann nahm den Eid ab, dann wurden die Mannschaften zur gruppenweisen Instruktion geführt. Als Zeichen der Zugehörigkeit bekamen wir Armbinden mit dem Schweizerkreuz. Unser Ziel war das Überwachen des Gemeindeterritoriums vor Überfällen aus der Luft und vor Sabotageakten, die durch nächtlich gelandete Fallschirmspringer durchgeführt werden konnten. Bewaffnet wurden wir mit Langgewehren 1897. Um den möglichen Fallschirmspringern und der möglicherweise vorrückenden deutschen Infanterie das Erreichen ihrer Ziele zu erschweren, waren alle Wegweiser im ganzen Land abmontiert worden. Die Ortswehrübungen fanden an Samstagnachmittagen statt und führten unter uns Jungen zu feinen Kameradschaften. Wir wussten um unsere Schwäche, aber wir hatten Kampfbereitschaft. Unter allen Massnahmen zur Stärkung des Wehrwillens waren die Ortswehren bestimmt nicht die schlechtesten. Mein Vater wurde der Reserve zugeteilt und musste an den Übungen nicht teilnehmen. Aber es war ein eindrücklicher Moment, als wir beide in Reih und Glied aufgestellt waren, er vor einem Zug, ich irgendwo mitten drin, und wir gemeinsam vereidigt wurden.
© Reformierte Medien und Autor
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