«In Basel hatte man Angst, und die Kirche war gut besucht»

Werner Schatz (Bild: Medienpark/Müller)

Pfarrer Dr. theol. Werner Schatz, Jahrgang 1924, 4052 Basel

Onkel war Mitglied des Gotthard-Bundes
Bei Ausbruch des Krieges war ich 15 Jahre alt und besuchte in Basel das Realgymnasium. Im Geschichtsunterricht wurden wir über die Kaiser Otto I., II. und III. (10. Jahrhundert) belehrt. Bis zum Ende kamen wir nicht zu Napoleon. Gerne hätte ich etwas über die neuere Geschichte – wie es zu den beiden Weltkriegen kam – erfahren. Da mein Vater früh gestorben war, wohnten meine Mutter und ich im Haus ihres Bruders und seiner Frau. Leider kam es bald zur Scheidung. In der ehemaligen Oxford-Gruppe (später «Moralische Aufrüstung») fand mein Onkel zum Glauben. Obwohl katholisch, hegte er eine ökumenische Gesinnung. Er bezahlte einer Jüdin, die auf ihr Visum nach Amerika wartete, eine Wohnung und liess sie und deren Tochter bei uns die Mahlzeiten einnehmen. Mein Onkel war Mitglied des Gotthardbundes, einer Vereinigung von Schweizern, die jede Annäherung an den Nationalsozialismus strikte ablehnte.

Meine Schwiegermutter warnte deutsche Verwandte vor Hitler
Meine spätere Frau wuchs in einer Pfarrfamilie auf. Ihre Eltern waren gegen Adolf Hitler. Während sie wie andere Pfarrer und Theologieprofessoren Flüchtlinge aufnahmen, waren andere Pfarrer und Theologieprofessoren nationalsozialistisch und antisemitisch eingestellt. Da man um die völlig verschiedenen Ansichten wusste, wich man einer Diskussion aus, wie man mir sagte. Meine Schwiegereltern hatten eine Jüdin als Patin für einen ihrer Söhne ausgewählt. Sie konnten ihr noch kurz vor Ausbruch des Krieges zu einer Reise nach England verhelfen. Meine Schwiegermutter, eine ehemalige Deutsche, die Hitlers «Mein Kampf» gelesen hatte, warnte ihre Verwandten in Deutschland brieflich vor diesem gefährlichen Mann. Wie wir später erfuhren, waren in ihren Briefen die ungenehmen Stellen herausgeschnitten worden.

In Basel hatte man Angst, die Gottesdienste waren gut besucht
Da wir an der Grenze in Basel gefährdet waren, schickten manche reiche Leute ihre Familien in ihre Ferienhäuser im Berner Oberland oder in Graubünden. Wir sandten einen Koffer mit Kleidern einem Bekannten meines Onkels in Lausanne. Es geschah in der Hoffnung, bei einem deutschen Angriff noch fliehen zu können.

Im Sommer 1940 ging das Gerücht um, dass die Deutschen ihre Truppen an der Grenze bei Riehen zusammenzögen. Die Brücken über den Rhein waren mit Dynamit-Ladungen versehen, damit sie bei einem Angriff der Deutschen gesprengt werden könnten. Es herrschte eine sehr gedrückte Stimmung in der Stadt. Gewiss hatten manche Leute Angst. Jedenfalls waren die Gottesdienste sehr gut besucht.

Wie mir ein Kollege, Sohn eines Theologieprofessors in Gross-Basel, erzählte, hatte ein anderer Theologieprofessor seinen Vater gebeten, dass sein Sohn einen wertvollen Teppich aus einer Wohnung im Klein-Basel hole. Der Kollege erinnerte sich, wie er eines Abends in grosser Angst mit einem Leiterwagen durch die menschenleeren Strassen zog, um den Teppich zu holen.

© Reformierte Medien und Autor

Zurück

Übersicht

Weiter


Diesen Artikel mit anderen teilen:

 

ref.ch auf Twitter