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«Im Reppischtal ZH war ein Konzentrationslager geplant»
Pfarrer Ed. Werner Zollinger-Meyer, Jahrgang 1931, 8280 Kreuzlingen TG Ich durfte meinen Vater, den Feldprediger, begleiten Vater vereidigte die Soldaten auf dem Areal der Winterthurer Kantonsschule «Im Lee», ein Anlass, den ich mit ehrfürchtiger Verwunderung miterlebte. Ich beobachtete die Zeremonie vom Klettergerüst des Turnplatzes aus. Welches erhebende Gefühl war doch das, als Offiziere und Soldaten auf die vom eigenen Vater gesprochenen Worte drei Finger in die Höhe hoben und schworen. Feldprediger hatten damals, im Unterschied zu den anderen Offizieren, nicht goldene, sondern silberne Galons. An Vaters Mütze hatte es drei dünne Streifen, wir nannten sie «Spaghetti», das Zeichen des Hauptmanns, das imponierte mir sehr. Beim Erstellen der Marschbereitschaft hinter der Kantonsschule spazierte Vater zwischen den Soldaten hin und her. Ich Kleiner durfte ihn begleiten. Dann marschierte die Truppe in ihr erstes Einsatzgebiet. Von der Römerstrasse her schlugen die Trommeln den Takt für die stadtauswärts ins Tösstal Marschierenden. Mutter hatte mir gesagt, Vaters Unterkunft werde bei der Fabrikantenfamilie Boller in Turbenthal sein. Ich weiss nicht mehr, ob es zu Weihnachten oder zum Geburtstag war, jedenfalls hatte ich Rollschuhe erhalten. Mit diesen zog ich bald darauf los Richtung Tösstal und bis nach Turbenthal, aber ich hatte nicht den Mut, mich bei Vater zu melden. Vater drohten sie mit einem Schuss auf die Kanzel Nazis gab es in Winterthur diverse. Hier nur ein Name: Löwer, ein deutscher Professor am Technikum. Wegen Leuten wie diesen stand Vater auf der «Schwarzen Liste» der Nazis. Wäre unser Land von Hitler angegriffen und von den Deutschen eingenommen worden, meinem Vater wäre es schlimm ergangen. Vorgeplant war der Ort fürs Konzentrationslager, nämlich in Stallikon, im Reppischtal bei Zürich. Löwer wurde bei Kriegsschluss aus unserem Land ausgewiesen. Die Winterthurer erzählten sich noch lange, wie nachts Studenten einen Baum in seinem Garten über und über mit Hakenkreuzen besteckt hatten. Gegen Nazis und solche, von denen man Mitläufertum vermutete, wurde aber erst lautstark demonstriert, als die Zeiten für unser Land wieder etwas besser waren. Um das Einschlagen seiner Schaufenster zu verhindern, liess Buchhändler Vogel, sen., ein Schwabe, die Läden hinunter. Gegenüber wurde das Geschäft von Coiffeur Pontoni, einem Italiener, mit Beschimpfungen bedacht. Auch nach dem Krieg gab es Demonstrationen. Beim Stadthauskonzert mit Furtwängler, dem berühmten Dirigenten aus Deutschland, bildeten sich vor dem Eingang Spaliere. «Furt mit Wängler!» riefen die Demonstranten, was viele Winterthurer dazu veranlasste, den Eingang auf der hinteren Seite des Stadthauses zu benutzen. Vater, der mit Mutter ebenfalls das Konzert besuchen wollte, entschloss sich, trotz der Demonstranten den normalen Weg zu nehmen. Dass die fröntlerische Schweizerfahne mit den langen weissen Balken im roten Feld, auf meine engsten Spielkameraden so stolz gewesen waren, ein braunes Schweizertum verriet, begriffen sie auch erst nach dem Krieg. Und dass sie auf dem Schulweg das Söhnlein eines Sozialisten bedrängten, bekümmerte sie ebenso wenig. Die Zusammenhänge waren ihnen damals nicht klar. Ihr Vater verstarb früh. Er wäre nach dem Krieg bestimmt geächtet worden, genau so wie dann sein nazistisch gesinnter Bruder. Noch 1945, ich war bereits in der Kantonsschule, erschreckten uns anonyme Blätter in den Gängen der Schule. Wer sie verbreitete, wussten wir nicht; vielleicht kamen sie aus nazistischen Werkstätten. «Der Löwe brüllt», stand darüber geschrieben, ein Machwerk, in dem verschiedene senkrechte Lehrer verunglimpft wurden. Tell und Winkelried waren beliebter Schulstoff Unvergessen ist der Tag, an dem uns Schülern erlaubt war, an der Stadthausstrasse dem Defilee der Armee beizuwohnen; unauslöschlich bleibt in der Erinnerung der Eindruck von Henri Guisan, unserem General, wie er hoch zu Ross an uns vorbeiritt. Stolz waren wir auch, und mitleidig zugleich, als wir gleichaltrige französische Buben und Mädchen für einige Zeit zur Erholung in unsere Klassenn aufnehmen durften. Ein Mädchen, Leda, wurde in unserer Familie aufgenommen. Unsere Turnhallen zwischen der Museums- und der St. Georgen-Strasse konnten wir nicht mehr benützen, als dort eine grössere Gruppe von Russen interniert wurde. Aus welchen Gründen es sie in unsere Schweiz verschlagen hatte, weiss ich nicht. Jedenfalls waren sie da und machten auf uns Buben einen eher seltsamen Eindruck. Polen im evangelischen Kirchgemeindehaus Allierte Bomber und Kriegsspielzeug Überflüge fremder Flugzeuge hatten wir mehr als einmal. Zu ihrem Schutz liessen sie manchmal mit Silberfolie bekleidete Streifchen fallen, um nicht von der Abwehr erfasst zu werden. Tags darauf konnten wir solche Streifchen in Wäldern und Gärten zusammenlesen. Ein Fliegeralarm überraschte mich auf dem Weg zur Sekundarschule. Ich beschloss, trotzdem so rasch wie möglich das Schulhaus zu erreichen. Doch welche Verblüffung, als eine niedrigst fliegende Maschine in unmittelbarer Nähe der Stadt landete, vielleicht jenseits von Wülflingen oder Töss. Wahrscheinlich war das Flugzeug über deutschem Gebiet getroffen und beschädigt worden, und der Pilot versuchte mit letzter Kraft, die Schweiz zu erreichen. Einmal, während unserer Ferien am Luganersee, bombardierten sie im nahen Italien eine Stadt, wir erfuhren nicht genau wo. Das Donnern der Aufschläge, die rot aufzuckenden Blitze, der brandgerötete Himmel, das alles ging tief unter die Haut. Bei jedem Aufschlag hörten wir das Wimmern einer Frau. Ihr Sohn war drüben in Italien. Es muss nicht verwundern, wenn wir Buben kriegerischen Spielzeugen gern hatten. Da waren die Hauptmannsmützen, die ich aus Pappe gebastelt hatte; da war das Militär, das wir auf der Strasse spielten!. Mit Zündholzschachteln, umwickelt mit Gummibändern,schossen wir auf Spielzeugsoldaten Agraffen. Damit gewannen und verloren wir ganze Schlachten. Aus einem Stück Holz schnitzte ich mir ein kleines Flugzeug und bemalte es mit Tarnfarben. Unter dem Titel «Bastelei eines Knabens» wurde es 1995 an der Gedenkausstellung zur Beendigung des Weltkrieges im Kreuzlinger Seemuseum ausgestellt. Mutter war Amerikanerin Mit Kartoffeln vermischtes Schwarzbrot Mutter kaufte beim Metzger Netze, die sie ausliess, um Fett zu gewinnen. Auch Fleischbrühe konnte man im Laden des Metzgers kaufen, von deren fettiger Oberfläche sich die Schicht abschöpfen liess. Zum Frühstück gab es Rösti mit Sardinen aus Büchsen. Darin befand sich begehrtes Öl. Mit Hochgenuss tunkten wir es auf. Rösti schmeckte besonders gut nach Weihnachten, nachdem wir uns zum Festmahl eine Gans erstanden hatten, von deren Fett wir noch lange zehrten. Im Garten pflanzten wir im Sinn von Wahlens «Anbauschlacht» Tomaten. Eingemachte Eier und ausgelassene Butter wurden in Steinguttöpfen aufbewahrt. Zur Notportion, die für alle Fälle vorhanden sein musste, gehörte ein grosser, in eine Spitze auslaufender Zuckerstock. Alteisen, vor die Häuser gestellt, musste periodisch von uns Schülern eingesammelt werden, damit es wiederverwenden konnte. Der Vorteil guter Beziehungen Nie so gut wie damals war unsere Beziehung zu unseren Verwandten in Opfikon, bei jedem Besuch gab es Würste und Speck. Der Vetter liess uns ins «Chämi» hineinschauen, wo die Speckseiten geräuchert wurden. Einmal fragte er mich, ob ich wisse, wie viele Seiten sein Kamin habe. «Vier!», antwortete ich natürlich. «Nein», korrigierte er mich, «unendlich viel mehr!» Da staunte ich, und er: «Zähle nur einmal die Speckseiten!» Alle lachten wir herzhaft, und Mutter verewigte die Geschichte, indem sie sie in ihrem Roman «Der werfe den ersten Stein» verarbeitete. Die Kälte im Haus Manche Räume blieben kalt, man musste immer wieder in die erwärmten Zimmer gehen. Das bewahrte meine Mutter nicht vor einer Nierenbeckenentzündung. Mit diesem Leiden war sie nicht die Einzige in unserer Nachbarschaft. Irgendwo im Haus wurden auch die Gasmasken aufbewahrt, die jedermann für den Notfall griffbereit haben musste. Die Masken für Erwachsene waren am Kopf mit Bändern zu befestigen. Meine Kindermaske musste vollständig über den Kopf und das Gesicht gezogen werden. Gott sei Dank, dass wir uns dieser Tortur nie ernsthaft haben unterziehen müssen. Umgehängt wurde mir eine andere vorsorgliche Kriegsmassnahme. Wir nannten das Ding «Totentäfelchen», ein Umhängsel, auf dem Name und Geburtsdatum des Trägers standen. Im Kriegsfall hätte es die Identifikation der Leiche erleichtert. Kriegsende: Vaters Dankpredigt in der Stadtkirche Als der Krieg zu Ende war, riefen die Glocken der Winterthurer Stadtkirche die Menschen zum Dankgottesdienst zusammen. Vater hielt die Predigt. Mutter und ich gingen an Vaters Seite durch die Marktgasse zur Kirche. Froh und dankbar falteten wir unsere Hände. Vater hatte das Kriegsende im Tessin erlebt. Bei Sagno besuchte er als Feldprediger die an der Grenze zu Italien aufgestellten Beobachtungsposten. Da wurde ihm gesagt, er solle noch etwas weitergehen, es habe noch Leute mit einem Scherenfernrohr. Dort hörte er die Glocken des Comer Doms läuten. Das Fernrohr war auf den Platz vor dem Dom eingestellt, und Vater sah immer mehr Leute auftauchen, schliesslich war der ganze Platz von Menschen besetzt. Aus ihren Schlupfwinkeln und Kellern kamen sie ins Freie. Von jenseits der Grenze jubelte ein italienisches Kind: «Pace! Pace!» Abends hörte Vater in Lugano am Radio Beethovens 9. Symphonie: «Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum.» © Reformierte Medien und Autor |
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