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«Ich war Laborstift bei KZ-Überlebenden im Kantonsspital St. Gallen»
Leni Altwegg, Jahrgang 1924, 8053 Zürich Die Überlebenden kamen, glaube ich, aus Dachau D In der Mittelschule hatten wir Ernst Wiecherts «Totenwal» und Wolfgang Langhoffs «Moorsoldaten» gelesen, und an unserem Familientisch wurde viel und kritisch politisiert. Doch das tiefstgehende Erlebnis stand mir noch bevor. Die medizinische Klinik St. Gallen nahm überlebende Häftlinge auf – ich glaube aus dem Konzentrationslager Dachau – , über 100, wenn ich mich richtig erinnere. Man flüsterte, einige Ärzte hätten sich bei den Eintritts-Untersuchungen übergeben müssen. Ihr Rücken war eine einzige grosse Wunde In den ersten Tagen, in denen die fremden Gäste bei uns weilten, hörte ich bei einem Gang durch die Krankenabteilung furchtbare Schreie. Sie kamen aus einem Einzelzimmer. Das Alarmlicht blinkte, aber niemand war in Sicht. Ich trat ein und sah eine grossgewachsene, schwarzhaarige Frau, die sich krampfhaft am Bettbügel festklammerte und um Hilfe rief. Sie lag auf einer Bettpfanne und versuchte, in eine andere Lage zu kommen. Ihr Rücken war eine einzige grosse Wunde. «Ich habe geläutet, es kommt niemand», klagte sie. Ich sah, dass ich allein nicht zurecht kommen würde und stürmte auf die Abteilung. Sie war menschenleer – die Ordensschwestern alle beim Vormittagsgebet. Ich rannte zum Konventsaal, riss die Tür auf und schrie den betenden Schwestern meine ganze Wut ins Gesicht. Grosse Konsternation. Was daraufhin passierte, weiss ich nicht mehr – nur, dass ich einen «ernsthaften Verweis» vom Chefarzt bekam. Wie ein Kriecher kam er mir vor, wie ein menschlicher Wurm © Reformierte Medien und Autorin |
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