«Ich war Laborstift bei KZ-Überlebenden im Kantonsspital St. Gallen»

(Bild: zvg)

Leni Altwegg, Jahrgang 1924, 8053 Zürich

Die Überlebenden kamen, glaube ich, aus Dachau D
Mai 1945 – Ende des Zweiten Weltkrieges. Ich war 21, lernte medizinische Laborantin im Kantonsspital St. Gallen. Die Kriegsereignisse hatte ich bewusst mitverfolgt, vor allem mich zunehmend über die Greueltaten der Nazis entsetzt. Wir wussten Bescheid – sicher nicht in vollem Umfang; aber einiges war doch durch die Nachrichtensperre gesickert, gegen Kriegsende immer mehr.

In der Mittelschule hatten wir Ernst Wiecherts «Totenwal» und Wolfgang Langhoffs «Moorsoldaten» gelesen, und an unserem Familientisch wurde viel und kritisch politisiert. Doch das tiefstgehende Erlebnis stand mir noch bevor. Die medizinische Klinik St. Gallen nahm überlebende Häftlinge auf – ich glaube aus dem Konzentrationslager Dachau – , über 100, wenn ich mich richtig erinnere. Man flüsterte, einige Ärzte hätten sich bei den Eintritts-Untersuchungen übergeben müssen.

Ihr Rücken war eine einzige grosse Wunde
Ich erinnere mich noch sehr deutlich an zahlreiche der durchwegs bettlägerigen Frauen und Männer: reihenweise schauten sie uns entgegen, still und blass, meist mit grossen Augen, aber erstaunlich «normal» aussehend. Man konnte auch erstaunlich normal mit ihnen reden; aber wir wagten kaum eine Frage über das Alltägliche hinaus. Mich begleitete ein ungutes Gefühl – mir schien, diese Menschen würden bei uns weiterhin irgendwie missbraucht, statt in ihrer Menschenwürde wieder hergestellt. Darüber redeten wir im Labor hinter vorgehaltener Hand.

In den ersten Tagen, in denen die fremden Gäste bei uns weilten, hörte ich bei einem Gang durch die Krankenabteilung furchtbare Schreie. Sie kamen aus einem Einzelzimmer. Das Alarmlicht blinkte, aber niemand war in Sicht. Ich trat ein und sah eine grossgewachsene, schwarzhaarige Frau, die sich krampfhaft am Bettbügel festklammerte und um Hilfe rief. Sie lag auf einer Bettpfanne und versuchte, in eine andere Lage zu kommen. Ihr Rücken war eine einzige grosse Wunde. «Ich habe geläutet, es kommt niemand», klagte sie. Ich sah, dass ich allein nicht zurecht kommen würde und stürmte auf die Abteilung. Sie war menschenleer – die Ordensschwestern alle beim Vormittagsgebet. Ich rannte zum Konventsaal, riss die Tür auf und schrie den betenden Schwestern meine ganze Wut ins Gesicht. Grosse Konsternation. Was daraufhin passierte, weiss ich nicht mehr – nur, dass ich einen «ernsthaften Verweis» vom Chefarzt bekam.

Wie ein Kriecher kam er mir vor, wie ein menschlicher Wurm
Der zweite Patient, an den ich mich genau erinnere, war ein untersetzter, aufgedunsener Mann mit Glatzkopf und gräulich-gelblicher Haut, von Ekzem bedeckt. Schleimig, unappetitlich – ich musste mich extrem überwinden, ihn zu berühren. Er redete mit weinerlicher Stimme, heischte Mitleid, schmeichelte – ein Kriecher, kam es mir vor, ein Wurm, oder noch eher ein Engerling. Mein spontaner Widerwille war so gross, dass ich mich damit auseinandersetzen musste. Ich zwang mich dazu, auch ohne Auftrag zu ihm zu gehen und etwas über seine Geschichte zu erfahren. Ich habe dabei viel über mich selber gelernt und – so hoffe ich – ein Stück Selbstgerechtigkeit eingebüsst.

© Reformierte Medien und Autorin

Zurück

Übersicht

Weiter


Diesen Artikel mit anderen teilen:

 

ref.ch auf Twitter