«Falsche Klischees über Schaffhausen»

Pfarrer Reinhard Genner-Kapler, Jahrgang 1928, 9542 Münchwilen TG

Korrektur der Geschichte – Einseitigkeiten vermeiden
Alfred Häslers vielbeachtetes Buch «Das Boot ist voll. Die Schweiz und die Flüchtlinge 1933 – 1945» erschien 1967. Diese einem Plädoyer ähnelnde Publikation berücksichtigte weitgehend der Film «Das Boot ist voll» (1980) von Markus Imhoof.

Imhoof hat das Bild vom Verhältnis Deutschland/Kanton Schaffhausen zur Spätzeit des Dritten Reiches in unzulässiger Weise verzerrt: Drüben im Wutachtal misshandelte Flüchtlinge, hüben im Klettgau wohlbehütete Schweizer (vor der Kulisse eines friedlichen, besonnten Kirchturms althergebrachter Form). Diese Schilderung, welche jahrelang unzutreffende Klischees in die Welt setzte, ruft nach Korrektur. Die Bewohner des Kantons Schaffhausen lebten in ständiger Angst, von Hitlerdeutschland hinterrücks überfallen oder kalt «angeschlossen» zu werden! Nicht nur Sozialdemokraten wie Häsler oder die Nationalräte Arthur Schmid und Walther Bringolf kämpften gegen die Nazis, sondern auch die meisten, hier nicht aufzuzählenden bürgerlichen Politiker, wo und wie immer sie es vermochten. Das damalige Klima in der Schweiz trug weder friedliche noch saturierte Kennzeichen.

Am 1. April 1944 erlebte ich die Bombardierung der Stadt Schaffhausen. Söhne von Frontisten und Sozialisten durchliefen mit mir die dortigen Schulen. Nach Kriegsende sass eines Sonntags auf Initiative meiner Mutter ein unterernährtes Kind aus Singen an unserem Mittagstisch.

PS: Vom christlichen Glauben geleitete Historiker dürfen dem «Linksdrall der Kirche» ebenso wenig stattgeben wie dem sakralen Rechtsextremismus.

© Reformierte Medien und Autor

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